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Zugang zur Uni : Karriere ohne Einser-Abi

  • -Aktualisiert am

So voll ist es auch nicht immer im Hörsaal. Bild: dpa

Auch Menschen mit schlechten Abiturnoten ergattern später Top-Positionen. Warum die Unis trotzdem so versessen auf einen guten Schnitt sind.

          6 Min.

          Was sagt die Abiturnote über den späteren Berufserfolg aus? Auf Christina Holzkämpers Visitenkarte steht „COO – Chief Operating Officer. Member of the Executive Board of the BEGO Group“. Die 45 Jahre alte promovierte Ökonomin ist seit einem Jahr Mitglied der Geschäftsführung der Bremer BEGO Gruppe. Das Unternehmen beliefert Zahnärzte und Zahntechniker auf der ganzen Welt mit Geräten, Werkstoffen und Verfahren zur Herstellung und Verarbeitung von Zahnersatz. Sie ist in 130 Jahren Unternehmensgeschichte die erste Frau, die es dort in die Geschäftsleitung geschafft hat.

          Vorgezeichnet war ihr beruflicher Weg keinesfalls, im Gegenteil: Ihre Schulzeit in Kiel hat sie überwiegend am Theater verbracht. Mit Tanzen verdiente sich die Schülerin ihr erstes Geld, nahm eine Rolle in der „West Side Story“ am Kieler Theater an. „Mein Abitur habe ich nur mit Ach und Krach geschafft“, sagt Holzkämper.

          Aus ihrem Abi-Schnitt von 3,4 macht sie kein Geheimnis, im Gegenteil: „Da stehe ich absolut hinter.“ Der Lerneifer sei erst im Studium gekommen: zunächst an der Fachhochschule Flensburg, später an der Uni Bremen. Und während ihrer Praktika in der Industrie, da habe sie „so richtig Blut geleckt“. Ihr Motto: immer kleine Schritte gehen, nicht die Nerven verlieren. „Damit kommt man sicher zum Ziel.“

          „Gefühl für Zahlen, keine Vektorrechnung“

          Dennoch: Mit einem Dreierschnitt im Abitur fühlen sich die meisten eher als Versager denn als Kandidaten für eine erfolgreiche Karriere. Die Chance auf einen reibungslosen Einstieg in ein vom Numerus clausus abhängiges Studienfach wie Medizin oder Psychologie kann man sich damit jedenfalls abschminken. Keine wissenschaftliche Analyse kommt zu dem Schluss, dass ein unterdurchschnittlicher Abi-Schnitt zu einem überdurchschnittlichen Studien- und Berufserfolg führt. Ist Holzkämper also die große Ausnahme?

          Getoppt wird die Bremer Managerin von Karl-Ludwig Kley. Der langjährige Merck-Chef und heutige Aufsichtsratsvorsitzende der Fluggesellschaft Lufthansa und des Energieversorgers Eon hat einen noch schlechteren Abitur-Schnitt vorzuweisen: 3,6. In Mathematik habe er eine Fünf minus geschrieben und sei „nur durch eine peinliche Prüfung noch auf eine Vier gekommen“.

          Trotzdem sei er später Finanzvorstand geworden: „Da braucht man ein Gefühl für Zahlen, keine Vektorrechnung“, schrieb er mal in einem Beitrag für die „Zeit“ und bezeichnete sich selbst als „Spätstarter“, der erst mit der Familiengründung die Entscheidung getroffen habe: „Aufhören zu daddeln, stattdessen Verantwortung übernehmen, diszipliniert sein, mich anstrengen“.

          Flexibel, fair und empathisch

          Ragnhild Struss, Gründerin und Chefin der Karriereberatung Struss und Partner in Hamburg, sieht ein wesentliches Manko von Schule und Schulnoten darin, dass dort „längst nicht alle Talente gleichermaßen belohnt werden“. Die Beratung hat die Daten von 1000 zufällig ausgewählten Kunden mit Abitur im Alter von 17 bis 27 Jahren analysiert und bei ihnen sowohl die Abiturnote als auch die Top-5-Stärken erfasst, die am Beratungstag ermittelt wurden:

          Einser-Abiturienten hatten deutlich die Nase vorn, wenn es um schulischen Ehrgeiz ging. Leistungsorientierung kam bei ihnen viermal so häufig unter den Top-5-Stärken vor wie bei Dreier-Abiturienten, Fokus und Ideensammler etwa dreieinhalbmal und Lerneifer sogar fast siebenmal so häufig. Beeindruckend auch der Punkt Selbstbewusstsein: Hier schnitten die Top-Abiturienten viermal so gut ab.

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