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Zugang zur Uni : Karriere ohne Einser-Abi

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Noten sagen Berufsprestige vorher

Was sagen Wissenschaftler zu den Verfahren? Heinz Schuler, emeritierter Lehrstuhlinhaber für Psychologie an der Universität Hohenheim, hat sich viel mit Eignungsdiagnostik beschäftigt. Bei allen Vorzügen solcher Verfahren hält aber auch er die Schul- und vor allem Abiturnoten für „gute Prädiktoren des weiteren Lernerfolgs, also des Ausbildungs- und Studienerfolgs, weil in ihnen viel Intelligenz steckt, auch Selbstkontrolle, Disziplin, Anpassungsbereitschaft und Leistungsmotivation, sogar einiges an psychischer Stabilität“.

Allerdings nehme ihre Prognosekraft im Laufe des Lebens ab – im Unterschied zur Intelligenz. „Schul- und Abiturnoten sind also zur langfristigen Prognose des Berufserfolgs nicht so gut geeignet“, sagt Schuler. Das Merkmal Intelligenz sei unter eignungsdiagnostischen Gesichtspunkten deshalb so interessant, weil es über den gesamten Lebensverlauf stabil bleibe. Die wissenschaftliche Literatur bestätige die „überragende Bedeutung der Intelligenz für den Berufserfolg und sogar darüber hinaus gehende Aspekte des Lebenserfolgs“, sagt Schuler.

Eine etwas andere Position vertritt der zurzeit an der Universität Fribourg (Schweiz) tätige Arzt und Bildungsforscher Benedikt A. Gasser. Gasser wurde vor fünf Jahren an der Universität Konstanz im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften mit einer Arbeit zum Thema „Noten als Prädiktoren des Berufserfolgs ehemaliger Gymnasiastinnen und Gymnasiasten“ promoviert.

Fokus auf Mathenote

Grundlage war das Kölner Gymnasiastenpanel, ein wegen seines Längsschnittprofils vom Beginn des Gymnasialalters bis ins hohe Erwachsenenalter nach Gassers Worten einmaliges Datenmaterial, bei dem die Noten des 10. Schuljahres mit Berufsprestige, Einkommen und Arbeitszufriedenheit mit 30, 43 und 56 Lebensjahren analysiert wurden.

Gassers Fazit: Die Note ist ein gutes Vorhersagekriterium für das spätere Berufsprestige, die Intelligenz hingegen prognostiziert umso besser das Einkommen. „Relativ klar kann aufgrund der Daten aufgezeigt werden, dass gute Schüler eher eine berufliche Stellung mit hohem Berufsprestige, wie beispielsweise Kinderarzt, erlangen, während Schüler mit hohen gemessenen Intelligenzwerten eher berufliche Stellungen mit hohem Einkommen, beispielsweise Vorstandsvorsitzender einer Bank, erreichten.“

Top-Manager mit schlechten Abi-Noten?

Besonders die Mathematiknote besitze im Vergleich zu allen anderen Fächern eine hohe Aussagekraft, „teilweise besser als der Notendurchschnitt“, sagt Gasser. „Dieser Befund verdeutlicht die Relevanz des Faches.“ Hierin stimmen Gasser und Schuler überein. Denn auch Schuler zufolge kommt der Mathematiknote am Ende der neunten Jahrgangsstufe ein zentraler Stellenwert bei der Vorhersagekraft für den weiteren Ausbildungserfolg zu.

Zu klären wäre freilich noch, gibt Gasser zu bedenken, ob es um konkrete mathematische Fähigkeiten geht, die für verschiedene Berufswege wie etwa die Ingenieurwissenschaften entscheidend sind, oder eher um die Fähigkeit des analytischen Denkens etwa beim Lösen von Fallstudien zu unternehmensspezifischen Problematiken. Gasser vermutet, dass „beiden Aspekten eine gewisse Relevanz zugewiesen werden darf“.

Und die eingangs geschilderten Fällen von Top-Managern mit schlechten Abi-Noten? Den wissenschaftlichen Befunden entsprechen sie nicht. Insofern bestätigen sie als Ausnahmen wohl die Regel.

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