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Jura-Repetitoren : Einpauker für 44 Wochen

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. / Tresckow

Bezahlte Privatlehrer sind in keinem Fach so verbreitet wie bei den Juristen. Fast alle Studenten gehen vor dem Examen zum Repetitor. Für viele ist er ein Schleifer, manchen wird er zum Freund.

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          Wenn Frank Steinbeiß und Georg Pohl heute nebeneinander sitzen, kann man nicht mehr erkennen, wer von ihnen einmal der Schüler und wer der Lehrer war. Sie sind ungefähr gleich alt und auf eine ähnliche Weise sportlich gekleidet. Heute sind sie Kollegen. Als sie sich 1994 kennenlernten, waren sie es noch nicht. Ein ganzes Jahr haben die beiden miteinander verbracht, phasenweise hat Steinbeiß Pohl in dieser Zeit öfter gesehen als seine guten Freunde. Denn Frank Steinbeiß war damals Jurastudent und Georg Pohl sein Repetitor im Strafrecht.

          Ein Repetitor ist ein Lehrer, der das Wissen wiederholt, das zum Bestehen eines Examens notwendig ist. 70 bis 80 Prozent aller Jurastudenten bereiten sich heute mit solchen Privatlehrern auf die Erste Juristische Prüfung vor, die großen Anbieter wie Alpmann Schmidt, Hemmer und die Beck Akademie sind an fast jeder juristischen Fakultät vertreten. Bis zu 100 Studenten sitzen in ihren Kursen; je nach Paket kostet sie die Teilnahme bis zu 250 Euro im Monat.

          Unis sehen Repetitoren zuweilen kritisch

          Von vielen Universitäten werden die Repetitoren kritisch gesehen; nur oberflächlich vermittelten sie den Stoff, heißt es. Die Examenskandidaten dagegen können seit jeher nicht ohne sie. Ihnen kommt es darauf an, nicht durch das Staatsexamen zu fallen. Dieses Risiko ist in kaum einem anderen Fach so groß wie in den Rechtswissenschaften, und nirgendwo sonst sind die beruflichen Perspektiven der Absolventen so eng an eine einzige Note geknüpft.

          Eine entsprechend lange Tradition hat das Repetitorwesen in den Rechtswissenschaften. In Preußen verbreitete es sich von Beginn des 18. Jahrhunderts an, als sich die Beamtenschaft formierte und Staatsexamina eingeführt wurden. Schon Goethe hatte einen Repetitor, der österreichische Schriftsteller Franz Grillparzer war selbst einer, der spätere Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger auch. Und Kurt Tucholskys Pseudonyme Theobald Tiger und Peter Panter stammen von seinem Repetitor Martin Friedlaender, der in seinen Unterlagen nicht die Personen A und B sich in komplizierte Rechtsstreitigkeiten verheddern ließ, sondern ihnen tierische Kunstnamen gab.

          Werden die Examensnoten wirklich besser?

          Ob der private Rechtsunterricht tatsächlich zu einer besseren Examensnote führt, darüber gibt es kaum belastbare Untersuchungen. Zwei Befragungen von Heidelberger Examenskandidaten aus den Jahren 1991 und 1997 legen eher das Gegenteil nahe. Danach schnitten jene besonders gut ab, die sich ohne Bezahl-Unterricht und ausschließlich mit universitären Angeboten vorbereiteten. „Das war aber ein Stück weit eine Scheinkorrelation“, schränkt Holger Stroezel der als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Heidelberg damals an der Untersuchung beteiligt war. „Das Ergebnis kann man auch so interpretieren, dass von vorneherein die Schwachen zum Repetitor gehen.“

          Frank Steinbeiß jedenfalls wollte auf jeden Fall einen kommerziellen Repetitor. Von der Universität fühlte er sich nicht ausreichend vorbereitet. Und ganz alleine zu lernen, das traute er sich nicht zu. Zu groß war seine Angst, nicht richtig einschätzen zu können, welche Materie in welchem Schwierigkeitsgrad im Examen abgefragt werden würde. „Zu Hemmer gingen damals kollektiv die Wessis und wir Ossis eben kollektiv zu Alpmann Schmidt“, begründet Steinbeiß die Entscheidung, die er 1994 traf. Ein Jahr lang saß er dann vier Tage in der Woche im Unterricht: montags Zivilrecht, dienstags Strafrecht mit Georg Pohl, mittwochs öffentliches Recht, donnerstags die Nebengebiete, immer morgens von 8 Uhr bis 10.15 Uhr, insgesamt vierundvierzig Wochen lang. Die Stunden hatten alle eine ähnliche Struktur: Zu Beginn fragten die Repetitoren zur Wiederholung das Wissen der Teilnehmer ab, dann gaben sie eine Einführung in das neue Thema, zum Schluss wurde gemeinsam ein Fall gelöst.

          „Irgendwie mulmig“

          Steinbeiß war einer der ersten Studenten, die sich nach dem Ende der DDR an der Universität Potsdam eingeschrieben hatten. Er gehörte auch zum ersten Jahrgang, den Georg Pohl, damals ganz frisch als Repetitor bei Alpmann Schmidt, unterrichtete. Dass die meisten Studenten wie der gebürtige Brandenburger aus dem Osten, er selbst dagegen aus Paderborn in Nordrhein-Westfalen stammten, spielte für Pohl keine geringe Rolle. Ihm sei es „irgendwie mulmig“ zumute gewesen, berichtet er noch heute, als er im Kurs den Mauerschützen-Fall besprach.

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