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Digitale Universität : „Zentralrechner erstellen über Nacht den Lernplan“

  • Aktualisiert am

Daten, Daten, Daten: Auch an deutschen Hochschulen stehen Superrechner. Zum Beispiel dieser an der TU Dresden. Bild: dpa

Zwei Forscher haben eine Revolution in der Bildung ausgerufen - der Digitalisierung sei Dank. Ein Gespräch über Chancen und Risiken und über die Macht von Big Data an Hochschulen.

          5 Min.

          Herr Dräger, Ihr Buch, das Sie mit Ihrem Kollegen Ralph Müller-Eiselt geschrieben haben, trägt den Titel „Die digitale Bildungsrevolution“. Wie weit ist diese in Deutschland?

          Dräger: Verglichen mit Asien, Südamerika oder Amerika stehen wir hier ganz am Anfang. Zwar gibt es auch bei uns einzelne Pioniere in Klassenzimmern und Hörsälen, die innovative Technologie nutzen, um individuell zugeschnittenes Lernen zu ermöglichen. Das beruht aber vor allem auf viel persönlichem Einsatz; ganze Schulen, Hochschulen oder gar das Bildungssystem hat die Digitalisierung hierzulande noch nicht erreicht.

          Wie kann das im Land des Bildungsreformers Wilhelm von Humboldt sein?

          Dräger: In anderen Ländern ist der Veränderungsdruck viel größer als bei uns. In Amerika explodieren die Bildungskosten, mancherorts betragen die Studiengebühren 50 000 Dollar pro Jahr. Und in den Schwellenländern mangelt es oft schlicht an Lehrern oder Gebäuden. Wo Schulen und Hochschulen zu teuer oder gar nicht vorhanden sind, ist digitales Lernen allein deshalb eine attraktive Alternative. In Deutschland haben wir zum Glück vergleichsweise ordentliche Bildungssysteme, Kosten und Zugang sind kein akutes Problem - da scheint Veränderung nicht so dringlich.

          Deutschland steht wirtschaftlich gut da, es gibt wenig Arbeitslose. So schlecht kann das Bildungssystem doch gar nicht sein.

          Müller-Eiselt: Stimmt. Aber wer so denkt, vergibt viel Potential. Denn die größten Chancen der Digitalisierung liegen in der Personalisierung des Lernens, also im Umgang mit der wachsenden Vielfalt der Lerner. Und hier würde auch Deutschland sehr profitieren: Die Schüler litten seltener unter Überforderung oder Langweile, die Lehrer hätten mehr Zeit fürs Wesentliche, könnten Kinder statt Stoff unterrichten. Davon sind wir aber noch weit entfernt, deutsche Lehrer sind im internationalen Vergleich deutlich kritischer und schlechter ausgebildet im Umgang im digitalen Medien, nirgendwo werden Computer seltener im Unterricht eingesetzt als bei uns.

           Ist die deutsche Hochschullandschaft trotzdem zur Revolution fähig?

          Dräger: Aussitzen ist jedenfalls keine Lösung. Die deutschen Hochschulen müssen verstehen, dass Digitalisierung kein neues Problem ist, sondern Teil der Lösung. Seit den 60er Jahren hat sich die Zahl der Studierenden verzehnfacht, im letzten Jahr haben 59 Prozent des Jahrgangs begonnen zu studieren. Studium wird der Normalfall, Hochschule damit zum Massenbetrieb und die Heterogenität der Studierenden gewaltig. Einer solchen Menge und Vielfalt an Bildungswilligen können wir mit digitalen Methoden viel besser gerecht werden. Wird die Einführungsvorlesung Mathematik zukünftig mittels Lernsoftware angeboten, lässt sich jeder Teilnehmer genau da abholen, wo er steht. Und der Professor kann stattdessen mehr Seminare auf dem Campus anbieten.

          Was sind die Chancen der Digitalisierung der Universitäten und Hochschulen?

          Müller-Eiselt: Digitales Lernen ist viel mehr als Tablets und Whiteboards. Am sichtbarsten ist heute die Demokratisierung der Bildung, also der günstige und einfache Zugang für die Hochmotivierten in aller Welt; „Harvard für alle“ haben wir das in unserem Buch etwas zugespitzt genannt. Noch größere Chancen, gerade für Deutschland, stecken aber im persönlich zugeschnittenen und sozial vernetzten Lernen.

          Was heißt das konkret?

          Müller-Eiselt: Es gibt in Amerika schon Schulen, in denen ein Zentralrechner über Nacht jedem Schüler einen individuellen Lernplan für den nächsten Tag zusammenstellt. Oder Hochschulen, wo eine Software mit kaum vorstellbarer Treffsicherheit den Studenten die Vorlesungen empfiehlt, die sie mit großer Wahrscheinlichkeit auch erfolgreich abschließen werden. Studenten lernen heute mitunter vernetzt mehr voneinander als nur vom Professor. Die Erfolge mancher Beispiele aus den Vereinigten Staaten sind durchaus beeindruckend: Schüler lernen 50 Prozent mehr als in analogen Klassen, gerade bildungsferne Studierende schließen ihr Studium deutlich häufiger in der Regelstudienzeit ab.

          Welche Rolle spielt Big Data?

          Jörg Dräger (rechts) ist Vorstand bei der Bertelsmann-Stiftung, unter anderem für Bildung. Ralph Müller-Eiselt beschäftigt sich dort mit neuen Trends.

          Dräger: Eine erhebliche: Ohne Big Data kann die digitale Bildungsrevolution nicht klappen. Erst wenn die Lernprogramme den Lernenden gut kennen - und dafür brauchen sie Daten -, können sie das Curriculum passend zuschneiden und die jeweils passenden Vorlesungen empfehlen. Der Grat zwischen Nutzen und Missbrauch ist aber sehr schmal, bei einigen unserer Fallstudien fühlten wir uns mehr an George Orwells Überwachungsstaat als an Humboldts Bildungsideal erinnert. Lernende könnten zum Opfer von Wahrscheinlichkeiten werden, ein Leben lang eine Datenspur mit sich ziehen, Arbeitgeber zwanzig Jahre später noch im Detail sehen und analysieren, welche Probleme jemand in der 8. Klasse hatte. Den gläsernen Lerner sollten wir nicht zulassen. Wir müssen Regelungen treffen, die den Missbrauch der Daten verhindern. Und sicherstellen, dass der Einzelne über seine eigenen Daten verfügen kann.

          Was sind Risiken? Werden künftig Studenten noch in Vorlesungen gehen?

          Müller-Eiselt: Der Mix macht es aus. Es wird sicher weiter Vorlesungen geben, wir werden auch in Zukunft nicht rein digital lernen, aber eben auch nicht mehr rein analog. Manche Vorlesung wird einfach besser im Netz sein, mal wegen der phantastischen Professorin, mal wegen der anschaulichen Versuche oder Simulationen, die sich so nicht im Hörsaal realisieren lassen. Manches Seminar wird aber auch künftig besser in der Kleingruppe vor Ort funktionieren als im Internet.

          Wie kann sichergestellt werden, dass die Qualität nicht leidet, wenn praktisch jeder einfach alles studieren kann?

          Dräger: Ist das nicht gerade heute ein Problem? Bald studieren bei uns zwei Drittel eines Jahrgangs, die Fähigkeiten und Kenntnisstände der Studierenden sind sehr unterschiedlich. Das stellt die Lehrenden vor erhebliche Herausforderungen: Warten sie in ihrer Vorlesung, bis die meisten den Stoff verstanden haben? Dann langweilen sie viele andere, und der Anspruch leidet. Oder machen sie einfach weiter und überfordern viele? Beim digitalen Lernen müsste keiner auf jemanden warten, und niemand würde abgehängt.

          Wie soll das gehen?

          Dräger: Lernsoftware kann sich auf jeden einzelnen Studierenden einstellen. Dann kann jeder alles studieren, ohne dass die Qualität für die anderen leidet. Die Arizona State Universität probiert das im Prinzip gerade aus: Sie hat diesen Herbst jeden, der wollte, ins erste Semester zugelassen, ohne Aufnahmetest. Denn das erste Studienjahr findet online statt, mit unbegrenzten Kapazitäten. Und die Leistungen dort entscheiden, wer auf dem Campus weiter studieren kann.

          Aber Online-Kurse ändern zunächst noch nichts an der Qualität der Bildung selbst.

          Müller-Eiselt: Stimmt. Eine Vorlesung wird nicht dadurch besser, dass man sie kostenlos im Netz anbietet. Lediglich der Zugang zu Bildung wird besser: Wer etwas verpasst, nicht verstanden oder vielleicht auch einfach nur Pech mit dem Professor hat, bedient sich eben im Netz. Wer etwas vertiefen will, was die eigene Hochschule nicht anbietet, ebenso. So erhalten motivierte Menschen in aller Welt Zugang zu einem bislang knappen Gut, über das sich die gesellschaftliche Elite traditionell von anderen Schichten abgegrenzt hat. Keiner bleibt mehr wegen Herkunft, Schulnoten und knappen Studienplätzen außen vor.

          Gibt es Schnittstellen bei der Digitalisierung der Uni mit der Wirtschaft?

          Dräger: Digitale Technologien werden nicht nur die Bildung revolutionieren, sondern auch den Zugang zum Arbeitsmarkt offener und fairer gestalten. Online kann eine größere Bandbreite an individuellem Wissen und Können getestet und erfasst werden, egal ob diese Kompetenzen auf dem Campus, in der Firma oder im Netz erworben wurden. So entsteht zukünftig mehr Transparenz über die tatsächlichen Fähigkeiten jedes Einzelnen.

          Müller-Eiselt: Das hilft Arbeitnehmern wie Arbeitgebern. Wenn Arbeitgeber Vertrauen in solche Verfahren fassen, werden Stellen und Jobsuchende schneller und besser zusammenfinden. Internet-Plattformen arbeiten bereits an solchen datenbasierten Matching-Modellen. Für das passende Paar in der Arbeitswelt zählen Können und Leistung dann mehr als Kontakte und der perfekte Lebenslauf. Für viele, die den klassischen Bildungsweg gegangen sind, wächst damit aber auch die Unsicherheit. Wenn das Zeugnis einer anerkannten Uni oder eines bekannten Arbeitgebers kein Garant mehr ist für einen guten Job, wirft die Macht der Kompetenz- und Matching-Algorithmen alte Gewissheiten über den Haufen.

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