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Islamstudien-Zentren : Inschallah gegen den Fundamentalismus

Bild: F.A.Z. / Tresckow

Der Staat fördert die Ausbildung islamischer Religionspädagogen. Sie sollen den Kindern von Muslimen helfen, ihre Religion besser zu verstehen - und sie vom Fundamentalismus fernhalten.

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          Ein Museum würde man im barocken Osnabrücker Schloss mit seinen Ornamenten über den Fenstern und den Skulpturen im Schlossgarten vielleicht vermuten, womöglich auch einen Ballsaal oder ein schickes Hotel. Doch hinter den gelb verputzten Schlossmauern sind schon seit langem Teile der Osnabrücker Universität untergebracht. In der ersten Etage haben die Professoren Bülent Ucar und Rauf Ceylan ihre Büros. Seit dem Wintersemester 2007/2008 lehrt Ucar in Osnabrück Islamische Religionspädagogik, ein Erweiterungsfach für Lehramtsstudenten. Seit 2009 ist Ceylan mit einer zweiten Professur mit an Bord. Und seit diesem Herbst werden im Osnabrücker Schloss sogar angehende Imame ausgebildet.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Von den schönen Räumen allerdings werden sich Professoren und Studenten demnächst wohl trennen müssen. „Lange werden wir hier nicht mehr bleiben können“, sagt Ceylan. Und obwohl es ihm leid tut um den malerischen Blick in den Schlosshof, um die hohen Decken und die mit Gold umrahmten Gemälde an den Wänden, sagt er es mit einer gewissen Freude. „Denn wir expandieren.“

          Osnabrück ist einer der Standorte, die für die von der Bundesregierung geplanten deutschen Zentren für Islamische ausgesucht wurden. Zusammen mit der kooperierenden Universität Münster erhält die Hochschule aus der Kasse von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) in den kommenden fünf Jahren deshalb 6 Millionen Euro für neue Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter. Als zweiter Standort für ein ähnliches Zentrum wurde Tübingen ausgewählt. Ein bis zwei weitere Universitäten sollen folgen, das zweite Ausschreibungsverfahren endet im kommenden Jahr.

          Selbstreflexion und ein kritischer Diskurs

          „Ziel ist es, in den Zentren eine von der deutschen Lebenswirklichkeit geprägte islamische Theologie zu schaffen“, sagt Rauf Ceylan. „Selbstreflexion, ein kritischer Diskurs und eine aufgeklärte Sicht auf den Islam sind die besten Rezepte gegen den Fundamentalismus.“ So sieht das auch die Bundesregierung: In den Studienzentren sollen deshalb die Imame ausgebildet werden, die künftig an deutschen Moscheen tätig sein sollen und auch die Religionslehrer, die künftig an deutschen Schulen islamische Religion unterrichten. Noch gibt es dieses Schulfach gar nicht; einige Bundesländer experimentieren aber mit Pilotprojekten. „Für unsere Absolventen kommen noch viele weitere Berufe in Frage“, sagt Ceylan. „Zum Beispiel brauchen Schulbuchverlage Personal, das kindgerechte Unterrichtsbücher für islamischen Religionsunterricht schreibt. Moscheen haben Bedarf an Seelsorgern. Nicht zuletzt sucht der Wissenschaftsbetrieb selbst händeringend nach qualifiziertem Nachwuchs.“

          Tuba Öner hat sich für den klassischen Weg entschieden: Sie studiert in Osnabrück islamische Religionspädagogik. Wie die meisten ihrer Kommilitonen steht Öner in den anderen Fächern ihres Lehramtsstudiums schon kurz vor dem Abschluss. Biologie, Sozialwissenschaften und Deutsch sind ihre Schwerpunkte; sie will Grundschullehrerin werden. „Von Freunden habe ich gehört, dass man sich in Osnabrück zusätzlich zur Religionslehrerin ausbilden lassen kann“, berichtet sie. „Da habe ich zugeschlagen.“

          Schon länger studiert Öner in ihrer Heimatmoschee in Köln mit muslimischen Mädchengruppen den Koran. „Mein Problem ist aber, dass ich die Inhalte nicht auf Deutsch erklären kann“, sagt sie. „Wir praktizieren unsere Religion zu Hause nur auf Türkisch; hier im Studium lerne ich dagegen, alle Fachbegriffe auf Deutsch zu erklären.“ Die angehende Lehrerin findet das sehr wichtig. „Schließlich bin ich in Deutschland geboren - wie die meisten meiner Schüler.“ Außerdem hofft Öner, in den Lehrveranstaltungen zu lernen, den Religionsunterricht didaktisch gut zu gestalten. „Wie erklärt man die Inhalte kindgerecht? Ich hoffe, das hier zu professionalisieren“, sagt sie. „Inschallah“, fügt sie hinzu. „So Gott will.“

          Ein weiterer Punkt ist Öner wichtig. „In den Medien werden viele Klischees über den Islam verbreitet“, kritisiert sie. „Die Schüler kennen teilweise den Unterschied zwischen Kultur und Religion nicht mehr, weil sie diese Vorurteile übernehmen.“ Zum Beispiel werde in der Berichterstattung die Zwangsehe oft als ein religiöses Phänomen dargestellt. „Dabei hat das mit unserem Glauben überhaupt nichts zu tun.“

          Nur memorieren und rezitieren?

          Professor Ucar pflichtet der Studentin bei; das Studium soll das nötige Handwerkszeug für die Argumentation gegen gängige Vorurteile vermitteln. „Im Koran steht etwa an einer Stelle, dass ein Mann nicht mehr als vier Frauen gleichzeitig haben soll“, sagt er. Man müsse aber bedenken, dass diese Stelle vor Hunderten von Jahren eingeführt worden sei. „Damals hatten die Männer zehn oder mehr Frauen. Das Ziel des Koranverses war, das zu reduzieren und einzuschränken“, erläutert Ucar. Unmittelbar Monogamie zu fordern, sei damals nicht durchsetzbar gewesen. „Heute muss man diese Koranstelle aber auf unsere jetzige Lebenswirklichkeit anwenden - und das heißt natürlich: eine Frau, nicht vier.“

          Dass man solche Argumentationsstränge in den Seminaren lernt, schätzt auch Shat Yildizhan. Im Grundlagenseminar Islamische Religionspädagogik ist er in dieser Woche mit seinem Referat an der Reihe. „Nur memorieren und rezitieren? Zur Bedeutung des Analysierens und Reflektierens“, lautet das Thema. „Es geht darum, dass in Moscheen oft Koranverse auswendig gelernt und auf Arabisch hergesagt werden, ohne dass die Kinder die Bedeutung erfassen“, fasst Yildizhan die Problematik zusammen. Deshalb sei die Schule gefragt. „Natürlich können Kinder super auswendig lernen, und das gehört in der Religionslehre auch dazu. Aber wir Lehrer sollten unsere Rolle darin sehen, ihnen das Gelernte zu erklären und mit ihnen darüber zu diskutieren.“ Yildizhan, der eigentlich Ingenieur ist und nun zum Berufsschullehrer umschult, will genau diese Möglichkeit bieten. „Deshalb habe ich mich für das Studium in Osnabrück entschieden.“

          Noch studieren Tuba Öner und Shat Yildizhan hier im kleinen Kreise. 15 Studenten besuchen die Grundlagenveranstaltung, insgesamt gibt es in Osnabrück nicht mehr als 70 Studienplätze für islamische Religionspädagogik und 30 für die Imamausbildung. „Das wird sich ab dem kommenden Jahr ausweiten“, prophezeit Bülent Ucar. „Mittelfristig wollen wir fünf zusätzliche Professuren einrichten.“ Wie viele Studenten an dem neuen Islamstudien-Zentrum studieren werden, will er nicht voraussagen, warnt aber schon: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu schnell wachsen.“ Seine größte Sorge: „Es fehlt an qualifiziertem Personal.“ Die Berufung neuer Professoren sei eine sensible Angelegenheit. „Zum einen müssen wir die Befindlichkeiten der Mehrheitsgesellschaft berücksichtigen und Kandidaten auswählen, die in den deutschen Kontext passen. Zum anderen müssen wissenschaftliche Standards und religiöse Sensibilitäten beachtet werden, so dass sich auch die Muslime damit wohl fühlen.“ Deshalb will Osnabrück zunächst mit Gastprofessuren arbeiten. „Lieber habe ich eine englischsprachige Vorlesung von einem bosnischen oder arabischen Kollegen als eine deutschsprachige, die nicht unseren Kriterien entspricht.“

          Zentren für Islamische Studien

          Drei bis vier Zentren für Islamische Studien sollen in Deutschland bis zum Wintersemester 2011/2012 entstehen. Münster/Osnabrück und Tübingen haben sich in der ersten Bewerbungsrunde durchgesetzt; durchgefallen sind Erlangen und Marburg/Gießen. In einer zweiten Bewerbungsrunde, die Ende Januar ausläuft, haben sie noch eine Chance. Jedes Zentrum wird über fünf Jahre mit 4 Millionen Euro vom Bund gefördert. Münster/Osnabrück bekommt als Doppelstandort mehr Geld.

          Die Stiftung Mercator gründet mit den Unis Erlangen, Frankfurt, Hamburg, Münster, Osnabrück und Paderborn ein standortübergreifendes Graduiertenkolleg für Islamische Theologie. Die Stiftung gibt dafür 3,6 Millionen Euro; Koordinator des Kollegs ist Mouhanad Khorchide aus Münster.

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