https://www.faz.net/-gyl-84214

Schulsozialarbeit : Kehrtwende im Lebenslauf

Eine Somalierin lernt im Deutschkurs für Asylbewerber. Bild: Rainer Wohlfahrt

Flüchtlinge ohne Deutschkenntnisse, verurteilte Straftäter und traumatisierte Jugendliche gehen hier zur Schule. Wie die Don Bosco Berufsschule in Würzburg versucht, Schwächen in Stärken zu verwandeln. Geht das denn überhaupt?

          8 Min.

          Schüler, die in ihrem Leben nur Enttäuschungen und Misserfolge hatten, kommen hier zu Leistungen.“ Das sagt eine engagierte Lehrerin der Don Bosco Berufsschule am Rande der Innenstadt von Würzburg. Die Schule liegt in einem Ensemble barocker Gebäude und wird von der Caritas Schulen gGmbH getragen. Sie engagiert sich vor allem für Schüler mit gebrochenen Bildungsbiographien. Unter diesen finden sich sogar Studenten, die aufgrund eines Traumas oder einer verpatzten Abschlussprüfung etwa in Rechtswissenschaften nicht in der Lage sind, ihr Studium zu beenden, bis zu behinderten oder psychisch belasteten Schülern. Manche sind kognitiv sehr stark eingeschränkt, manche weniger. Nahezu ein Viertel der Schüler war oder ist in psychiatrischer Behandlung.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Die Schwächen der Schüler so zu bearbeiten, dass sie zu Stärken werden und alle ihr individuelles Leistungsvermögen entdecken, darin sieht die Schule ihre eigentliche Aufgabe. Durch Ermäßigungsstrategien gelingt ihr das nicht, sondern durch hohe Leistungserwartungen an jeden einzelnen Schüler, vor allem aber an sich selbst als Institution. Fehlt ein Schüler, wird sofort nachgehakt. Auch die Gründe für Fehlzeiten interessieren die Schule, denn sie will nicht zulassen, dass sich jemand einfach von ihr ablöst. Auch wenn jemand ausrastet, wird das nicht bewertet, sondern in aller Ruhe besprochen und gemeinsam nach den Gründen gesucht. Es ist das spürbare Interesse des gesamten Schulpersonals, der Lehrer und Sozialarbeiter, das die Schüler hält. Das Lehrerkollegium versteht sich als Team, bespricht sich regelmäßig in unterschiedlichen Gruppierungen, und der Schulleiter hat klare Vorstellungen von Schulleitung, ohne einen dirigistischen Eindruck zu vermitteln. Zwei Drittel der Schüler gelangen in dauerhafte Beschäftigungsverhältnisse, zehn Prozent der Schüler mit Förderbedarf geistige Entwicklung finden sogar auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Stelle. Disziplin wird im Unterricht konsequent eingefordert. Als einer der Schüler in der Fachklasse Malen, die sich mit der richtigen Lasierung von Holz in Richtung der Maserung befasst, seine Kappe nicht absetzen will, besteht der Lehrer darauf. „Ach, Herr D., meine Haare passen nicht“, entgegnet der Schüler vergeblich.

          Niemand soll Scham empfinden: Ein Schüler im rollstuhl während des Unterrichts.

          Neuerdings kommen auch immer mehr Flüchtlinge aus unterschiedlichen Ländern an die Schule. „Sie flüchten leider nicht im Rhythmus von Schuljahren“, bemerkt der Schulleiter scherzhaft und verweist auf die Notwendigkeit eines flexiblen Systems. Etwa 60 werden in der Schule, zwischen 20 und 30 in einer Gemeinschaftsunterkunft betreut. Eine junge Syrerin mit 25 Jahren, verheiratet, ist auch unter den Schülern. Sie spricht Arabisch, Kurdisch, ein wenig Englisch und möchte rasch Deutsch lernen. Eine junge Frau aus Somalia ist seit einem Jahr in Würzburg. Die Lehrerin fragt nach der kurzen Vorstellungsrunde erst, was die Schüler gefrühstückt haben. Fehler verbessert sie bewusst nicht in Anwesenheit eines Gastes, um niemanden zu beschämen. In einer zweiten Runde versuchen die Schüler zu erklären, wie das traditionelle Frühstück in ihren Heimatländern aussieht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.