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Hochschulreife : Auch ein Zentralabitur bürgt nicht für Qualität

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Was bringt ein bundesweites Zentralabitur? Bild: dpa

Würde ein bundesweites Zentralabitur Sinn machen? Trägt es neben einer besseren Vergleichbarkeit der Noten zu höheren Ansprüchen und Leistungen bei? Der Bildungsforscher Rainer Bölling bezweifelt das. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Seit einigen Jahren fordern Bildungspolitiker wieder und wieder ein bundesweites Zentralabitur. Kürzlich haben Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern mit ihrem Plan, gemeinsame Abituraufgaben in Deutsch und Mathematik zu entwickeln, einen ersten Schritt in diese Richtung getan. Damit befinden sie sich im Einklang mit der Mehrheit der Bevölkerung, sprachen sich doch bei Meinungsumfragen zwei Drittel der Befragten für dieses Projekt aus. Sie versprechen sich davon eine höhere Vergleichbarkeit schulischer Abschlüsse und somit mehr Gerechtigkeit bei der Vergabe von Studienplätzen.

          So wünschenswert eine bessere Vergleichbarkeit der Abiturnoten auch sein mag, steht doch zu befürchten, dass die hochgesteckten Erwartungen der Befürworter enttäuscht werden. Denn im heutigen System der gymnasialen Oberstufe wird höchstens ein Viertel der Gesamtqualifikation durch zentrale schriftliche Prüfungen ermittelt. Allein zwei Drittel entfallen auf die Kursnoten der Jahrgangsstufen 12 und 13 (im achtjährigen Gymnasium 11 und 12). In der Abiturprüfung selbst, die ein Drittel der Gesamtnote ausmacht, kann die verbindliche mündliche Prüfung (in einigen Ländern sogar zwei) nicht zentral abgehalten werden. So bleiben für die zentralen schriftlichen Prüfungen nur 25 Prozent der Gesamtqualifikation oder weniger, je nachdem, ob vier oder fünf Fächer anstehen. Dieser Anteil verringert sich noch weiter, wenn zusätzliche mündliche Prüfungen zur Ermittlung des Endresultats erforderlich werden (auf Werte unter 20 Prozent). Kein Zentralabitur, ob landes- oder bundesweit, kann etwas daran ändern, dass der größte Teil der für Zulassungsverfahren maßgeblichen Abiturdurchschnittsnote dezentral ermittelt wird.

          Es müsste eine völlig andere Oberstufenordnung eingeführt werden

          Wollte man das grundlegend ändern, müsste eine völlig andere Oberstufenordnung eingeführt werden, in der allein die Ergebnisse der zentralen schriftlichen Prüfung zählen. Ein solches System gibt es in Frankreich, wo das unserem Abitur entsprechende baccalauréat seit zwei Jahrhunderten rein zentral geprüft wird. Dort sind fünf schriftliche Arbeiten obligatorisch, die anonymisiert von Lehrern anderer Schulen aus der Region korrigiert werden. Dieses System führt allerdings zu einer starken Überbetonung reproduktiven Lernens und der Ausblendung all jener Anforderungen und Fähigkeiten, die sich einer standardisierten und punktuellen schriftlichen Überprüfung entziehen. Dazu gehören die mündliche Mitarbeit im Unterricht generell, die Erarbeitung und Präsentation von Referaten oder experimentellen Versuchen, Medienkompetenz und Teamfähigkeit, um nur einige zu nennen. Nur wenn es darum geht, in einer „Bestehensprüfung“ die erforderliche Punktzahl zu erreichen, werden die im letzten Schuljahr erbrachten Leistungen mit herangezogen.

          Außerdem werden die Prüfungsarbeiten keineswegs immer nach gleichen Kriterien bewertet. Die korrigierenden Lehrer werden nicht selten von regionalen Schulinspektoren zu einer wohlwollenden Bewertung gedrängt, um die Erfolgsquote zu verbessern. 2010 erwarben in Frankreich etwa zwei Drittel des Jahrganges eine Studienberechtigung. Dass sie längst nicht alle die Voraussetzungen für ein Hochschulstudium mitbringen, hat der ehemalige Präsident der traditionsreichen Sorbonne in Paris, Jean-Robert Pitte, 2007 in einer Streitschrift mit dem Titel „Stopp dem Abi-Schwindel!“ beklagt. Pitte steht mit seiner Kritik am französischen Abitur nicht allein, und es spricht wenig dafür, es als Modell zu übernehmen.

          Garant für höhere Ansprüche und Leistungen?

          Mit dem Plädoyer für ein Zentralabitur ist zumeist auch die Annahme verbunden, es sei ein Garant für höhere Ansprüche und Leistungen. Dieser Erwartungshaltung kommt die Verlautbarung entgegen, mit der das nordrhein-westfälische Schulministerium die Ergebnisse des dritten Zentralabiturs im größten Bundesland feierte: „Immer mehr Abiturientinnen und Abiturienten zeigen Höchstleistungen“, hieß es anlässlich einer Ehrung der besten Schüler. Allein im Jahre 2009 hätten 630 Schüler ein Reifezeugnis mit der Traumnote 1,0 bekommen. Das seien mehr als doppelt so viele wie vor fünf Jahren, als es noch gut 300 gewesen seien.

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