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Hochschulen : Karriereplanung vom ersten Semester an

  • -Aktualisiert am

Was kommt nach dem Abschluss? Das will rechtzeitig geplant sein Bild: dpa

Hilfe beim Berufseinstieg - das haben die Hochschulen lange nicht als ihre Aufgabe angesehen. Nun werden Career Center ausgebaut und Firmen- kontaktmessen veranstaltet. Doch die Qualität der Betreuung ist höchst unterschiedlich.

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          Der Pfeil auf der Flipchart geht steil nach oben. „Consulting ist immer noch eine wachsende Branche“, sagt Michael Knott, Partner bei Booz and Company. „Von diesem Wachstum können Sie alle profitieren.“ Knott lächelt vielversprechend in die Runde. „Da wartet ganz viel auf Sie: großartige Projekte, großartige Kunden.“ Der drahtige Mann mit der Hornbrille hat an diesem Abend eine klare Aufgabe: Er muss sein Unternehmen, die Unternehmensberatung Booz and Company, so gut wie möglich verkaufen. Schließlich will Knott Bewerbungen von den Studenten vor ihm bekommen. Dabei helfen ihm die dröhnenden Beats aus der Musikanlage, fünf Mitarbeiter und die Flipchart mit dem Pfeil nach oben.

          „Mein Job fühlt sich immer noch neu und spannend an“, sagt Kristina, eine junge Beraterin bei Booz and Company, die mit Knott auf dem Podium sitzt, „es wird nie langweilig.“ Ihr Chef nickt. Langweilig? Nein, im Leben eines Beraters wird es nicht langweilig. Es läuft gut an diesem Abend, mit mehr als 70 potentiellen Bewerbern, die in dem Hörsaal der London School of Economics and Political Science der Präsentation lauschen. Bei Wein und Cocktails wechseln viele Visitenkarten die Hände. „Die Leute, die bei Booz arbeiten, gefallen mir“, sagt Alain Tourtet, ein 21 Jahre alter Masterstudent, der sich vorstellen kann, als Unternehmensberater anzufangen.

          An renommierten Hochschulen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten gehören Veranstaltungen wie das „Get together“ mit Booz und Company zum festen Programm. Oft stellen sich internationale Konzerne vor; hinzu kommen Bewerbertrainings, Businesstrips nach Singapur und Hongkong und informelle Netzwerk-Abende. An deutschen Hochschulen ist ein solches Karrieremanagement hingegen noch nicht so oft zu finden. Zwar haben mehr als 90 Prozent der Hochschulen inzwischen ein „Career Center“; rund 380 dieser Einrichtungen zählt die Hochschulrektorenkonferenz in Bonn. Die Qualität der Betreuung fällt hingegen sehr unterschiedlich aus.

          „Career Development System“

          Beim Berufseinstieg helfen? „Das haben die deutschen Hochschulen jahrzehntelange nicht als ihre Aufgabe gesehen“, sagt Gero Federkeil, Projektleiter im Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh. Dank der Umstellung auf Bachelor und Master und der damit einhergehenden stärkeren Vergleichbarkeit der Lehrinhalte werde eine gute Karrierevorbereitung inzwischen von vielen Hochschulen jedoch als Muss empfunden - nicht zuletzt auch deshalb, weil Einrichtungen wie das CHE dafür Punkte vergeben, wenn sie ihr Hochschulranking verfassen. Diese Entwicklung nehmen auch die Unternehmen wahr: „Was früher eine Seltenheit war, wird mittlerweile zum Standard“, sagt Henning Dettleff, Bildungsreferent in der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA). „Das begrüßen wir sehr.“

          Die Berufsvorbereitung wird in den Hochschulen nicht nur immer wichtiger, es verschiebt sich auch der Fokus: Während sich die Career Center lange Jahre an Absolventen oder Studenten in den letzten Semestern richteten, gehören jetzt auch Bachelorstudenten im zweiten oder dritten Semester zur Zielgruppe. In Potsdam zum Beispiel sind mehr als 80 Prozent der „Kunden“ des Career Service noch Studenten. „Das Bewusstsein, dass man sich während des Studiums mit seiner Karriere befassen sollte, ist mit den neuen Studiengängen gewachsen“, sagt Nelli Wagner, Projektleiterin im Career Service an der Universität Potsdam. Bereits im ersten Semester bietet sie ein Seminar an. Es heißt „Career Development System“ und soll die Chancen einer systematischen Karriereplanung aufzeigen. Spätestens von dem dritten Semester im Bachelor an sollten Studenten mit der Karriereplanung beginnen, rät Wagner. Gleichzeitig gelte: „Karriereplanung auf dem Papier ist wie Trockenschwimmen.“ Eine Mischung aus Planung und Praxis sei wichtig.

          Bewusstsein schaffen

          Nicht nur in Potsdam versucht man möglichst früh mit Studenten Kontakt aufzunehmen. Das habe sich grundlegend verändert, sagt Marcellus Menke, Vorsitzender des Career Service Netzwerks in Deutschland, des Dachverbands der Career Center an deutschen Hochschulen. „Schon ganz am Anfang, manchmal schon vor Beginn des Studiums, wird ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass nach dem Studium der Beruf stehen sollte.“ Deshalb bietet beispielsweise der Career Service der Universität Münster Veranstaltungen schon für Erstsemester an. „Eine frühzeitige und gezielte Karriereplanung wird seit einigen Jahren gesellschaftlich als wichtiger erachtet“, sagt Telje Busse, Projektleiterin des Career Service der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Münster.

          Deutsche Hochschulen kopieren dabei oftmals Instrumente aus dem Ausland - zum Beispiel das „Get together“ mit Unternehmensvertretern oder die „Case Studies“, bei denen ein Unternehmen einen Wettbewerb auslobt und als Gewinn ein Praktikum winkt. Zunehmend beliebter werden auch die „Recruiting Calendar“, die viele Career Center auf ihren Internetseiten haben und in denen die Studenten nachschauen können, wann welches Unternehmen mit der Rekrutierung von neuen Mitarbeitern beginnt.

          Bewerbungsmappen- und Lebenslaufchecks

          Die finanzielle und personelle Ausstattung der Career Center, aber auch die Qualität der Beratung variieren stark: „Es gibt gewachsene Einrichtungen mit einem großen Stab an Mitarbeitern, aber auch Center, die aus nur einer halben befristeten Stelle bestehen“, erklärt Menke vom Verein der Career Services. Er kritisiert, dass viele Hochschulen die Career Center nicht aus dem regulären Haushalt finanzierten. Es müsse mehr Geld in die Center fließen. „Im Moment sind die Kapazitäten viel zu klein“, sagt Menke.

          „Career Center sollten nicht nur als ,nice to have’ betrachtet werden“, sagt Wagner von der Universität Potsdam. „Die Vorbereitung der Studenten auf die Arbeitswelt sollte an allen Hochschulen einen höheren Stellenwert bekommen.“ Traditionell liegt der Fokus an deutschen Hochschulen immer noch eher darauf, die Studenten auf Vorstellungsgespräche vorzubereiten, und weniger darauf, den Kontakt zu Unternehmen herzustellen. „Bewerbungsmappen- und Lebenslaufchecks sind bei uns am stärksten gefragt“, sagt Busse vom Career Service in Münster. Sie bietet Seminare mit Bewerbungstrainern an, übt mit den Studenten das Formulieren von Anschreiben und vermittelt den Kontakt zum Centrum für Rhetorik in Münster, das den Studenten die richtige Körpersprache und Gesprächsführung beibringt.

          Karrieremessen

          Kontakte zu Unternehmen werden aber wichtiger. Einmal im Jahr veranstaltet die Universität Münster eine Karrieremesse, wo sich rund 50 Unternehmen vorstellen und an der gut 3000 Studenten teilnehmen. „Es geht nicht nur um den Berufseinstieg, sondern um Praktika und Werkstudentenjobs, alles Dinge, die früher im Studium ansetzen“, erklärt Busse. Die Universität in Halle veranstaltet drei Messen im Jahr. Das einzige Manko sei der Kontakt zu kleineren Unternehmen aus der Region, sagt Tina Küstenbrück vom Career Center in Halle.

          Auch an privaten Hochschulen stellen sich eher die bekannteren Unternehmen vor - zum Beispiel an der WHU Otto Beisheim School of Management in Vallendar bei Koblenz. Nach jeder Unternehmenspräsentation findet in Vallendar ein Networking-Dinner statt, wo die Studenten bei einem Glas Wein mit dem Geschäftsführer oder dem Bereichsleiter ins Gespräch kommen können. Dabei gilt aber: Bloß nicht den Superstar herauskehren. „Klar müssen Sie selbstbewusst auftreten“, sagt die Leiterin des Career Centers, Heike Hülpüsch, „aber nicht übertreiben.“ Etwa 30 Unternehmen kommen in einem Semester an die private Universität. „Den Zugang zu unserer Absolventendatenbank eröffnen wir nur unseren Förderern“, erklärt Hülpüsch. Die Studenten melden sich zu den Veranstaltungen online an, nicht jeder kann überall mitmachen. „Das soll ja auch etwas bringen“, sagt Hülpüsch.

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