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Idee von Unternehmen : Eine Hochschule für den Nordschwarzwald

  • -Aktualisiert am

Mit dabei: Maschinenbauer Homag in Schopfloch Bild: dpa

Weil es so schwer ist, Nachwuchs-Führungskräfte in den Nordschwarzwald zu bekommen, hatten Unternehmen eine ungewöhnliche Idee: Sie wollen dort eine neue Hochschule vorantreiben, die auf Maschinenbau spezialisiert ist.

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          Auf den ersten Blick ist die Lage des Luftkurorts Glatten im Nordschwarzwald beinahe perfekt. Die Gemeinde in der Nähe von Freudenstadt bietet viel Natur und Ruhe. Für manche ist es dort wohl zu idyllisch, vor allem wenn es um junge Leute geht, die sich gerade beruflich orientieren. „Es ist schwierig, Führungskräfte in den Schwarzwald zu bekommen“, sagt Kurt Schmalz, geschäftsführender Gesellschafter des gleichnamigen Spezialisten für Vakuumtechnik. Und da diese Schwierigkeit nicht nur bei dem Mittelständler mit mehr als 1000 Mitarbeitern besteht, sondern gleichfalls bei anderen Unternehmen in der Region, ist über die Jahre hinweg die Idee eines eigenen Hochschulangebots speziell für Maschinenbau entwickelt worden.

          14 Unternehmen haben sich dafür bislang zusammengefunden. Darunter der Dübelhersteller Fischer im Waldachtal, der inzwischen zu Dürr gehörende Holzmaschinenbauer Homag in Schopfloch, der Maschinenbauer Arburg in Loßburg und L’Orange, ebenso wie Schmalz in Glatten beheimatet. Alle treibt die Sorge um, langfristig nicht an die entsprechenden Ingenieure zu kommen. Deshalb ist der Verein Hochschulcampus Nordschwarzwald ins Leben gerufen worden, der nun mit der Universität Stuttgart kooperiert. Langfristiges Ziel sei der Aufbau eines entsprechenden Lehrangebot für Studenten eines Master-Studiengangs, sagt Markus Wexel, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Nordschwarzwald. Deshalb solle in Freudenstadt ein größeres Gebäude in der Nähe des Hauptbahnhofs zu einem Studien- und Forschungszentrum umgebaut werden, sagt ein Sprecher von Oberbürgermeister Julian Osswald (CDU). Dass Freudenstadt seinen Mitbewerber Horb am Neckar ausgestochen hat liegt vor allem an der verkehrsgünstigeren Lage der Kommune. Die Studenten können künftig praktisch direkt vom Zug per Fuß in den Hörsaal laufen. Ein früheres Bürogebäude mit 1500 Quadratmeter Nutzfläche soll bis Oktober 2017 entsprechend hergerichtet werden. Langfristig wird mit bis zu 200 Studierenden gerechnet, die einen Teil ihrer Ausbildung dann dort und auch bei den beteiligten Unternehmen machen.

          CDU-Mann Osswald hat in den städtischen Etat schon einmal 300.000 Euro eingeplant, um das Thema voranzutreiben und es möglichst schnell weiter umzusetzen. Für den Umbau des Gebäudes soll ein Investor sorgen. Die Stadt will es dann anmieten. Die ersten Studenten sind schon aktiv und absolvieren entsprechende Praktika oder Laborübungen in den Betrieben. Bisher seien es rund 40 Studenten gewesen, davon 10 bis 15 bei Schmalz, sagt der geschäftsführende Gesellschafter weiter. Die jungen Leute führen Versuche rund um die Vakuumtechnik sowie die Auslegung von Vakuum-Greifsystemen durch. Der eigentliche Lehrbetrieb soll schrittweise seine Arbeit aufnehmen.

          Die Landesregierung schaut aus der Distanz zu

          Die Unternehmer aus dem Nordschwarzwald wollen als Nächstes die Weichen für eine langfristige Stiftungsprofessur stellen, die dann auch von ihnen finanziert werden soll. In zwei Jahren soll diese besetzt sein. Sie wird bei der Universität Stuttgart angesiedelt. Die Hochschule werde sich im Bereich Lehre und Forschung beteiligen, sagt deren Rektor Wolfram Ressel. So sollen künftig Abschlussarbeiten im Bereich Maschinenbau in der neuen Außenstelle betreut werden sowie entsprechende Lehrveranstaltungen. Ressel sieht in der Initiative gleichfalls die Chance, dass kleine und mittlere Unternehmen einen besseren Zugang zum Ingenieurnachwuchs bekommen. In einer dritten Stufe soll auch ein Master-Studiengang im Bereich Weiterbildung angeboten werden.

          Ein Schwerpunkt des Lehr- und Forschungskonzepts liege in der Nachhaltigkeit und der Digitalisierung der Produktion, sagt Schmalz. So sollen Echtzeitdaten aus der Produktion der Unternehmen für die Forschung genutzt werden können. Das Konzept sieht zugleich vor, dass Studenten auch Führungs- und Managementkompetenzen vermittelt bekommen. „Wir stellen fest, dass das Thema Führung bei der Ausbildung noch nicht so gut entwickelt ist.“ Deshalb soll der Nachwuchs in einer Art Coaching-Programm von Unternehmern und Managern der Betriebe persönlich betreut werden. „Durch theoretische sowie praktische Einblicke in die mittelständischen Industrieunternehmen erhalten junge Akademiker die Möglichkeit, neben technischem Fachwissen auch Managementkenntnisse zu erwerben“, erklärt Klaus Fischer, Inhaber und Vorsitzender der Geschäftsführung der Unternehmensgruppe Fischer, auf Anfrage. Zielsetzung der Beteiligung von Fischer am Hochschulcampus Nordschwarzwald sei es, einerseits mittel- und langfristig Master-Absolventen als künftige Fach- und Führungskräfte für den ländlichen Standort zu gewinnen und so dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Andererseits soll eigenen Mitarbeitern dadurch ermöglicht werden, sich in der Region berufsbegleitend weiterzubilden.

          Die nun entstehende Außenstelle der Uni Stuttgart wird im baden-württembergischen Wissenschaftsministerium erst einmal aus der Distanz beobachtet. Kommentieren will ein Sprecher das Vorhaben auf Anfrage nicht. Im Südwesten gibt es knapp 50 Hochschulstandorte landesweit. Bislang war die Marschrichtung im Haus von Ministerin Theresia Bauer (Grüne), die bestehenden Standorte zu stärken, statt auf zusätzliche neue Standorte zu setzen.

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