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Hochbegabung : Ein ganz normales Wunderkind

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Von wegen Sitzenbleiber: Samuel Lerch hat auf dem Moll-Gymnasium in Mannheim für Superlative gesorgt Bild: Frank Röth

Was andere Menschen unfassbar finden, ist für Samuel Lerch kaum der Rede wert: Er hat das Abi, zwei Abschlüsse an Hochschulen und ein drittes Studium parallel hinbekommen. Jetzt studiert er noch Physik. Ein Wunderkind im Porträt.

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          Neue Stadt, neue Freunde, die erste eigene Wohnung: für viele ist das Studium der Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Samuel Lerch ist einer jener 500.000 Studienanfänger, die bald an Deutschlands Hochschulen stürmen werden - zum Wintersemester hat er sich an der Ludwig-Maximilians-Universität in München für Physik eingeschrieben. Doch eines unterscheidet ihn von seinen Kommilitonen: Lerch hat während seiner Schulzeit bereits zwei Universitätsabschlüsse absolviert, und das Ende des dritten Studiengangs ist mehr oder weniger in Sicht. Das alles, bevor der Abiturient auch nur einen Fuß in eine Hochschule gesetzt hat. Dabei ist er erst 18. So stellt man sich Wunderkinder vor.

          Als Samuel Lerch in die Grundschule kam, schrieb er auf die Rückseite seiner Rechentests in langer Reihe Zweierpotenzen und starrte Löcher in die Luft, wie er sich erinnert. Mit zwölf Jahren bestand er die Mathematikklausur für Wirtschaftswissenschaftler mit 100 Prozent, zusammen mit seinem 1,0-Abiturzeugnis bekam er wenige Jahre später seinen ersten Bachelor-Abschluss überreicht. Doch Lerch ist kein Wunderkind mit Starallüren. Er ist schlichtweg ein extrem guter Rechner, der die Mathematik als ungewöhnliches Hobby betreibt.

          Während der Grundschulzeit belegte er Kurse in Mathematik und Robotik

          „Ein Studium parallel zur Schule kann man mit Leistungssport vergleichen. Seit der sechsten Klasse beschäftige ich mich zweimal die Woche jeweils vier bis fünf Stunden mit Mathematik“, sagt er. Während andere Kinder Blockflöte lernten oder Radschlagen übten, belegte Lerch schon während der Grundschulzeit Kurse in Mathematik und Robotik an der Kinderakademie Mannheim. Aber eine Klasse zu überspringen oder auf eine Schule für Hochbegabte zu wechseln kam für ihn trotzdem nie in Frage. „Ich wollte immer in meinem sozialen Umfeld bleiben und mit Gleichaltrigen aufwachsen. Mit den Freunden aus der Grundschule habe ich jetzt noch Kontakt“, sagt Lerch. Und beim Wechsel auf die weiterführende Schule entschied er sich ganz unaufgeregt und klassisch für das Moll-Gymnasium in Mannheim, das zwei Minuten mit dem Fahrrad von seinem Elternhaus entfernt liegt. Es ging also um praktische Erwägungen, nicht um die Förderung seiner vermeintlichen Genialität.

          Gleichzeitig mit dem Schulwechsel kam Lerch auch zum Institut für Jugendmanagement, einem Verein, der begabten Kindern und Jugendlichen schulbegleitend Bildungsprogramme anbietet. Eines der Projekte, die sogenannte Young Business School (YBS), ermöglicht es Schülern, von der vierten Klasse an neben der Schule an einer Fernuniversität zu studieren. Mit elf Jahren begann der begabte Schüler, erst einmal, danach zweimal die Woche seine Nachmittage damit zu verbringen, sich den Stoff für Mathematik der höheren Klassen anzueignen. Innerhalb eines Jahres hatte er die Mathebücher der Klassen sechs bis zwölf durchgearbeitet und sich zudem auf die Mathematikklausur des Studiengangs Wirtschaftswissenschaften der Fernuniversität Hagen vorbereitet. Lerch war zwölf Jahre alt, als er die Klausur mit 1,0 bestand.

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          Siegfried Preiser, Professor an der Psychologischen Hochschule Berlin, beschäftigt sich mit dem Phänomen der Hochbegabung. Klassen überspringen, Fördereinrichtungen besuchen oder den Unterricht mit besonderen Aufgaben für die Kinder anreichern - Preiser kennt viele Formen der Förderung für Kinder mit außergewöhnlicher Intelligenz. Persönlich favorisiert er Modelle, bei denen sich die Jugendlichen in ihrem altersgerechten Umfeld entwickeln können. So wie Samuel Lerch das immer getan hat. „Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Hochbegabte mehr soziale Schwierigkeiten haben als andere“, sagt Preiser - entgegen den allgemeinen Vorurteilen. Wichtig sei aber eine angemessene Förderung, die prinzipiell in jeder Schulform möglich sei. Fordern und nicht überfordern: Gerade bei Hochbegabten ist die Gefahr groß, dass sie sich unter dem Druck sehen, Besonderes leisten zu müssen. „Eine Hochbegabung zu haben heißt nicht immer, eine Hochleistung zu erbringen. Jeder will seine Fähigkeiten fördern - aber nicht unbedingt in Schulfächern“, sagt Preiser.

          Damit hat Lerch allerdings kein Problem, denn seine Begabung zeigte sich schon früh in außergewöhnlichen Leistungen. Auch hatte er Glück, dass sein Elternhaus ihn nicht unter Druck setzte - ebenfalls ein häufiges Phänomen bei Hochbegabten. Das liegt vielleicht auch daran, dass Lerch das älteste von sechs Kindern ist. Um allzu viel Aufhebens von der außergewöhnlichen Begabung ihres Sohnes zu machen, haben die Eltern schlichtweg zu wenig Kapazität. „Früher haben mich meine Eltern noch ermuntert, meine Mathe-Übungsaufgaben zu rechnen. Und sie haben auch geschaut, dass ich meine Hausaufgaben mache, denn in der Schule war ich oft nachlässig“, sagt Lerch. „Aber ich wollte nicht, dass sie sich darum kümmern. Ich habe das lieber alleine geregelt.“

          Schüler mit besonderen Begabungen müsse man unterstützen

          An Nachmittagen für die Uni lernen und sich morgens den Schulstoff der siebten Klasse erklären lassen - da kommt natürlich Langeweile auf. „Aber ich habe schnell gelernt, dass ich nicht alleine in der Klasse bin. Man muss auf alle Rücksicht nehmen“, sagt er. Lesen, sich langweilen, Mitschülern helfen, damit habe er sich die Zeit vertrieben. Seine Noten waren bis zur Oberstufe in vielen Fächern nicht einmal so hervorragend, wie man annehmen könnte.

          Der Schulleiter des Moll-Gymnasiums, Gerhard Weber, ist dennoch überzeugt, dass seine Schule die richtige für Lerch war. Er ist ein Verfechter des dreigliedrigen deutschen Schulsystems und sieht seine Aufgabe auch darin, ein hohes Niveau im Gymnasium beizubehalten. Schüler wie Lerch seien Herausforderung und Chance zugleich. Er habe den begabten Schüler fördern wollen, ihn für Uni-Klausuren oder kurz vorm Bachelor freigestellt. Als Lerch und ein Mitschüler ein Praktikum bei Daimler machen wollten, mussten sie drei Monate lang nicht in die Schule. Förderung auf der einen Seite, auf der anderen der Versuch, Sonderbehandlungen zu vermeiden: „Samuel musste alle Klausuren der Klasse mitschreiben, auch wenn er in der Vorbereitungszeit nicht da war.“ Schüler mit besonderen Begabungen, auch in Sport oder Musik, müsse man unterstützen. „Sie tragen das auch wieder in die Schule hinein, sind Vorbilder, geben Nachhilfe“, sagt Weber.

          Nachdem Lerch Anfang der siebten Klasse die Klausur in Wirtschaftsmathematik bestanden hatte, riet man ihm, mit einem Bachelor in Wirtschaftswissenschaften an der Fernuniversität Hagen zu beginnen. Um alles Organisatorische kümmerte sich die YBS, Lerch konnte sich auf das Studium konzentrieren. Doch schon bald war ihm auch das nicht mehr genug: Noch in der siebten Klasse begann er ein weiteres Fernstudium, diesmal Ingenieurwissenschaften an der Wilhelm-Büchner-Hochschule Darmstadt. Was für andere nach einer nicht zu bewältigenden Belastung klingt, ist für Lerch wenig mehr als ein zeitintensives Hobby. Vor allem als Jugendlicher sei er oft nicht motiviert gewesen, mehr als die zwei Nachmittage in der Woche in sein Studium zu investieren, wenn nicht gerade Klausuren anstanden. Und doch gelang ihm das Doppelstudium parallel zum Schulunterricht mühelos. Zumindest so mühelos, dass er ein drittes Studium in Wirtschaftsinformatik begann. Und nebenher fand der Schüler sogar noch Zeit, im Schulchor zu singen und sich im Kreisvorstand der Jungen Union zu engagieren.

          Nun ist auch der dritte Hochschulabschluss absehbar, und das Physikstudium in München beginnt in wenigen Wochen. Darüber hinaus überlegt Lerch schon, ob er nicht auch noch einen Master in Wirtschaftswissenschaften machen sollte. Fürs Erste aber freue er sich einfach auf München. „Ich kann ja nicht der Überstudent sein, ohne jemals einen Hörsaal von innen gesehen zu haben“, sagt er. Studieren, das kennt er ja bereits zur Genüge. Aber das Studentenleben, das sei auch für ihn neu.

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