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Historiker : Raus aus dem Archiv, rein in den Job

Bild: F.A.Z.-Tresckow

Historiker haben auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen. Sie finden nach dem Studium schneller als andere Geisteswissenschaftler eine Stelle - oft außerhalb der klassischen Domänen Bibliothek, Schule und Universität.

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          Als Friedrich Nietzsche "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" schrieb, war das Ergebnis für die professionellen Interpreten der Vergangenheit nicht gerade schmeichelhaft. Vom Nutzen sprach der Philosoph kaum, von Nachteilen dagegen um so mehr. Dass das Geschichtsstudium so ganz nutzlos allerdings nicht sein kann und Nietzsche seine Schrift insofern durchaus zu Recht eine "unzeitgemäße Betrachtung" genannt hat, dafür sprechen die aktuellen Arbeitsmarkzahlen. Demnach fassen die Absolventen der historischen Seminare und Institute offenkundig schneller im Berufsleben Fuß als Kommilitonen aus den philosophischen Nachbardisziplinen. Mit 12 Prozent ist die Arbeitslosenquote der Historiker die geringste unter allen Geisteswissenschaftlern in der Altersgruppe von 20 bis 29 Jahren. Die Arbeitslosenquote für Historiker insgesamt sank zwischen September 2005 und September 2006 um 20,8 Prozent.

          Thomas Jansen
          (tja.), Politik

          Die Zeiten Nietzsches, als ein Geschichtsstudent Professor, Lehrer oder Archivar wurde, sind ohnedies längst vorbei. Heute tummeln sich die Nachfahren Rankes in Medien, Verwaltungen, Verbänden und Unternehmen. Und einige werden sogar selbst zu Firmengründern. Barbara Hillen zum Beispiel. Die promovierte Historikerin wagte vor sechs Jahren mit ihrer "Agentur für Autobiografien" den Sprung in die Selbständigkeit. Ihren Unterhalt verdient sie seither als Autorin von Autobiographien für private Auftraggeber, Festschriften für mittelständische Unternehmen, Vereine und Institutionen. Überwiegend alte Menschen, die ihre Erinnerungen mit professioneller Hilfe zu Papier bringen wollen, bilden ihre Klientel. Hillen spielt für sie den "Ghostwriter", kümmert sich außerdem um Druck und Bebilderung der Werke.

          Geplant war das nicht. Lehrerin hatte sie eigentlich werden wollen, wie so viele ihrer Kommilitonen. "Das war für mich so sicher wie das Amen in der Kirche." Im Studienalltag schmolz diese Gewissheit schnell dahin. Mit dem lapidaren Ratschlag "Mach dich doch selbständig" gab schließlich ein Bekannter den entscheidenden Anstoß für den Schritt in die Selbständigkeit. Damals, kurz vor dem Abschluss ihrer Dissertation und kurz nach den ersten erfolglosen Bewerbungen, waren Alternativen gefragt. Was für einen Ökonomen indessen leicht dahingesagt war, erschien der Historikerin, die ihre Semester in Bonn und München mit römischen Kaisern, mittelalterlichen Königsurkunden und Kölner Weihbischöfen zugebracht hatte, zunächst einigermaßen kurios. Womit sollte eine selbständige Historikerin schon Geld verdienen? Warum nicht mit dem, was sie eigentlich gelernt hat, der schriftlichen Darstellung von Vergangenem? Diese Geschäftsidee kam Hillen, während sie die Erinnerungen ihrer demenzkranken Großmutter aufschrieb. "Da habe ich meine Leidenschaft für das Schreiben von Autobiographien entdeckt und mir gedacht: Was bei meiner Großmutter klappt, das müsste auch bei anderen funktionieren."

          Ghostwriterin mit Businessplan

          Der Businessplan eines befreundeten Ökonomen, eine professionelle Pressearbeit und der Existenzgründer-Preis der Sparkasse Köln/Bonn sorgten schließlich dafür, dass die Geschäftsidee tatsächlich funktionierte. Hillen bezeichnet sich als Historikerin und Unternehmerin. Diese Reihenfolge ist ihr wichtig, wenngleich beides fast gleichgewichtig sei. Abgesehen von der fachlichen Qualifikation, habe ihr das Geschichtsstudium vor allem Methodenkompetenz vermittelt, von der sie jetzt als Unternehmerin zehren könne. Auch der Doktortitel helfe als Türöffner enorm.

          Während der Berufswunsch "Unternehmer" für Historiker wohl weiterhin die Ausnahme bleiben wird, ist Christian Deicks Arbeitsplatz auf dem Mainzer Lerchenberg der Traumjob unzähliger Geschichtsstudenten. Gemeinsam mit Guido Knopp leitet der 42 Jahre alte Historiker die ZDF-Sendereihe "History". Dabei gehörte er keineswegs zu der zielstrebigen Studentenfraktion, die immer schon "was mit Medien machen wollte". Im Gegenteil: "Medien waren eigentlich gar nicht so auf meinem Schirm." Sein Geschichtsstudium sei ein reines Neigungsstudium gewesen, erzählt er. Welche Berufsperspektiven sich damit eröffnen, habe ihn zunächst nicht interessiert. Das sollte auch eine Zeitlang so bleiben. Deick schrieb sich nach seinem elfsemestrigen Studium in Mainz und Frankfurt erst mal für eine Doktorarbeit über die Lebensmittelversorgung im Ersten Weltkrieg ein. "Parkpromotion" nennt er das. Nach einem Jahr räumte er seinen universitären "Parkplatz", das Werk blieb Fragment. Stattdessen schrieb Deick nun vermehrt für Zeitungen. Kontakte dorthin hatte er schon während des Studiums geknüpft. Über diesen Umweg kam er schließlich zum Fernsehen.

          Mit seinem Studium hatte die Arbeit dort anfangs nichts zu tun; sein erster Beitrag handelte von Nerzfarmen und Tierschutzorganisationen. Das änderte sich erst, als Deick 1994 in die Redaktion "Zeitgeschichte" wechselte. Hier traf er auf seinesgleichen: Drei Viertel der rund 30 festen und freien Mitarbeiter der Redaktion, schätzt er, seien Historiker. Mit ihnen wirkte Deick unter anderem an der Reihe "Hitlers Helfer" mit. Er stöberte in Archiven, wälzte Literatur und interviewte Zeitzeugen. Kurzum: Er war nicht nur der Ausbildung nach Historiker, sondern verdiente auch sein Geld als ein solcher. Der Vorstellung, man könne sein universitäres Forscherdasein, publikumswirksam um ein paar bewegte Bilder angereichert, dort fortsetzen, erteilt Deick jedoch eine klare Absage. "Unser Job ist in erster Linie Handwerk, wir müssen Fernsehen machen", betont er.

          Barbara Hillen und Christian Deick haben sich mit den Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt durchgesetzt, die Hein Hoebink, Inhaber der Jean-Monnet-Professur für europäische Einigung an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, als typisch für seine Zunft ansieht: "Historiker lernen zu recherchieren, darzustellen und zu formulieren." Bei einem wachsenden Markt für gründlich recherchierte Informationen seien diese Schlüsselqualifikationen von entscheidendem Vorteil bei der Arbeitsplatzsuche. Hoebink beobachtet bei seinen Studenten schon seit geraumer Zeit einen Trend zu studienfernen Arbeitsplätzen in Unternehmen, Verbänden, Stiftungen und Verwaltungen und attestiert ihnen mit Blick auf ihre Karriereplanung "ein in vielen Fällen erstaunliches Realitätsbewusstsein".

          Fleißige Praktikanten

          Auch Marion Lang von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit sieht gute Chancen für Historiker. Vor allem der seit einem Jahr anhaltende "Medienboom" sorge für eine erfreuliche Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Dass gerade Historiker von der gestiegenen Nachfrage nach Geisteswissenschaftlern profitieren, führt Lang darauf zurück, dass ihr Studium als vergleichsweise handfest gelte. Ein Arbeitgeber könne unter Umständen mit einem Historiker mehr anfangen als mit einem Philosophen, mutmaßt Lang, weil jeder zu wissen glaube, was ein Historiker mache. Ob sich dieser Trend fortsetzen wird, ist ihrer Ansicht nach jedoch ungewiss.

          Eine weitere mögliche Erklärung dafür, dass Historiker schneller als andere Geisteswissenschaftler einen Job finden, liefert eine Absolventenbefragung des Hochschulinformationssystems aus dem Jahr 2004. Sie ergab, dass 76 Prozent der Geschichtsstudenten schon vor ihrem Examen Berufserfahrung in Gestalt von Praktika, Nebenjobs, Werkverträgen oder Festanstellungen gesammelt haben. Für die übrigen Geisteswissenschaftler war das nur bei 43 Prozent der Fall. Fazit: Wer Geschichte studiert, braucht nicht - wie einst Friedrich Nietzsche - an der Welt zu verzweifeln. Und ganz bestimmt auch nicht am Arbeitsmarkt.

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