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Historiker : Geschichte vermitteln lernen

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Es braucht jemanden der den Durchblick hat – und erklären kann: Die Museen freuen sich auf neue Kräfte aus der „Public History“. Bild: Julia Zimmermann

In Amerika ist sie längst eingeführt, in Deutschland steckt die angewandte Geschichtswissenschaft noch in den Anfängen. Jetzt gibt es die erste deutsche Professur.

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          Viele Absolventen eines Geschichtsstudiums finden ihren Beruf außerhalb von Schule und Universität: Sie arbeiten in Verlagen, Museen, Medien oder Unternehmen. Doch nur selten bereitet das Geschichtsstudium auf solche Berufe vor. Das soll sich ändern: An der Heidelberger Ruprecht-Karls-Universität wird zum Wintersemester die erste deutsche Professur für „Angewandte Geschichtswissenschaft – Public History“ eingerichtet.

          „Es wird darüber reflektiert, wie Geschichte in der Öffentlichkeit rezipiert wird und wie die Geschichtswissenschaften mit diesen Teilöffentlichkeiten umzugehen hat“, erklärt Cord Arendes, Leiter des Heidelberger Arbeitsbereichs Public History. Die Studenten sollen als „Public Historians“ nicht nur das Fachpublikum inner- und außerhalb der Hochschule bedienen, sondern auch der breiten Öffentlichkeit fachlich fundierte Inhalte vermitteln. „Als angehende Mediatoren zwischen Uni-Historikern und Nicht-Akademikern müssen sie während des Studiums berufsvorbereitende Kompetenzen erwerben“, erklärt Arendes.

          Immer mehr Berufsmöglichkeiten für Historiker

          Denn auch Arbeitgeber wie Museen suchen fachlich kompetente und praktisch ausgebildete Geschichtswissenschaftler. „Das Anforderungsprofil im modernen Museumswesen ist ausgesprochen vielfältig: Neben Managementqualitäten ist immer ein hohes Maß an Sachkenntnis und Erfahrung im Umgang mit historischen Objekten gefragt“, sagt Matthias Henkel, Beirat in der Fachgruppe Geschichtsmuseen des Deutschen Museumsbundes. Seine Kritik zielt auf die Universitäten: „Die aus der Fachgeschichte heraus an sich museumsnahen Disziplinen bilden heute leider oft theoriezentriert aus.“

          Distanziert sich die traditionelle Geschichtswissenschaft bisher von einer Öffnung hin zur Praxis, so wird in Bachelor- und Masterprogrammen ein Praxisbezug gefordert, zum Beispiel durch studienbegleitende Praktika. Außerdem gibt es immer mehr außeruniversitäre Berufsmöglichkeiten für Historiker. Frühere Exotenberufe wie Wissenschaftsjournalist, Internetblogger oder Firmenarchivar sind mittlerweile fest etabliert. Fachzeitschriften und Fernseh-Dokumentationen belegen ein allgemeines Interesse an historischen Ereignissen.

          Vom Teilbereich zum eigenen Lehrstuhl

          Doch während sich die Hochschulen in Amerika schon seit den achtziger Jahren der Public History widmen, ist das hierzulande erst selten der Fall. Die Universität Gießen bietet zum Beispiel seit 2007 den Bachelorstudiengang „Fachjournalistik Geschichte“ an. „Aus Gesprächen mit Unternehmen habe ich entnommen, dass gerade die Verbindung von Fachwissen und journalistischem Handwerk zählt“, erklärt Peter Hoeres, Professor für Zeitgeschichte in Gießen.

          In Köln spielt Public History in der Geschichtsdidaktik und somit in der Lehrerausbildung eine Rolle. An der FU Berlin gibt es seit 2008 einen Masterstudiengang „Public History“ mit steigenden Studierendenzahlen; ein Promotionsstudiengang ist in Planung. „Der Schwerpunkt hat sich aufgrund der geographischen Lage selbst gesetzt. Die Studierenden orientieren sich stark an der musealen Landschaft Berlins“, erklärt Paul Nolte, Professor für Zeitgeschichte an der FU Berlin.

          Die Universitäten reagieren also zumindest vereinzelt auf das gestiegene Interesse der Öffentlichkeit an Geschichte. Und auch die Nachfrage der Studenten steigt. Doch ist Public History meistens ein Teilbereich der Zeitgeschichte; eigene Professorenstellen gibt es bisher keine.

          Die Heidelberger Professur ist deshalb richtungweisend. Public History wird als eigener Bereich aufgewertet; seine Verankerung an der Universität macht gezielte, weitgefächerte Lehrangebote erst möglich. „Die Inhalte sind nicht epochenkonzentriert und sie betreffen alle Bereiche der Geschichtswissenschaft“, erklärt Cord Arendes. Und ein Career-Service hilft bei der Vermittlung von Praktikums- und Arbeitsstellen.

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