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Hirndoping : Leistung mit Substanz

  • -Aktualisiert am

Gute Laune im Büro: Wer unter Druck steht, sieht oft nur Vorteile der Pille Bild: REUTERS

Nicht nur im Sport wird gedopt. Eine Pille für bessere Soft Skills, eine gegen Müdigkeit - auch Büromenschen und Studenten helfen nach. Und gehen dabei große Risiken ein.

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          Der Anstieg scheint unendlich. Hinter der nächsten Kurve wird es noch steiler. Eine Qual, die umso größer ausfällt, wenn plötzlich ein drahtiger Mann von hinten auf seinem Rad scheinbar heranfliegt, im Wiegetritt überholt und dabei lächelt. Wie macht er das, und was kann ich tun, um genauso fit zu sein oder besser? Doping ist ein Reizwort des Sommers, ein Problem, das während der Tour de France und zum Auftakt der Olympischen Sommerspiele für immer neue Skandal-Schlagzeilen sorgt. Doch vielleicht geht es ja in den Köpfen der Wirtschafts- und Wissenschaftseliten Deutschlands noch viel dreckiger zu als auf der Tartanbahn im Vogelnest zu Peking?

          "Es ist sinnvoll, den Begriff Doping über den Sport hinaus auf das gesellschaftliche und berufliche Leben auszuweiten", sagt Isabella Heuser, Psychiaterin an der Charité in Berlin. Gerade im Studium und in Berufen, die vom geistigen Kapital leben, ist der Wettbewerb hart. "Da ist der Anreiz groß, mit Substanzen die eigenen Fähigkeiten zu unterstützen", beobachtet Heuser, die auch einer Projektgruppe angehört, welche das "Gehirndoping" in die gesellschaftliche Diskussion bringen möchte. Noch sind die Dimensionen ungewiss, doch in einer nichtrepräsentativen Umfrage des Magazins "Nature" kam ein erschreckendes Indiz zum Vorschein. Jeder fünfte Forscher gab an, leistungssteigernde Mittel fürs Gehirn eingesetzt zu haben, 12 Prozent griffen gar regelmäßig zu sogenannten "Neuro Pushern". Höchste Zeit also für eine gesellschaftliche Entscheidung der Frage, auf welche Weise der Wettstreit um geistige Produktivität funktionieren sollte.

          Markt der Aufputschmittel ist unübersichtlich

          Der Markt der Aufputschmittel ist unübersichtlich, und der eigenmächtige Griff zu vermeintlich förderlichen Substanzen hat Tradition. Schließlich ist nicht jeder so wie der Comic-Held Obelix schon als Kleinkind in den Topf mit einem Zaubertrank gefallen. In Jemen kaut eine ganze Gesellschaft auf den Blättern des Qat-Strauchs herum, um sich zu stimulieren. In Deutschland greift man seit Jahrhunderten zum Kaffee. Heute indes kommen die Stimulanzien nicht nur aus dem Filter, sondern übers Arztrezept, aus Internet-Apotheken oder gar vom Dealer ins Haus.

          Berichtet wird beispielsweise, dass viele Studierende vor Jura- oder Medizin-Klausuren zu Modafinil greifen. Eigentlich hilft das Mittel gegen die Krankheit Narkolepsie, die sehr selten ist und Betroffene plötzlich in den Schlaf reißt. Doch inzwischen ist die Medizin unter gesunden Menschen beliebt, wenn sie mehrere Nächte am Stück durcharbeiten wollen. Ebenfalls immer stärker gefragt sind Antidepressiva wie der Wirkstoff Fluoxetin, besser bekannt als Prozac. Isabella Heuser berichtet, dass mancher Manager mit der "happy pill" seine heute so wichtigen Soft Skills verbessern möchte, um auch bei Stress freundlich zu bleiben und stabiler zu wirken. Einen Klassiker gibt es indes nicht vom Arzt, sondern nur illegal: das weiße Pulver Kokain, das Schmerzen ebenso wie Müdigkeit ausschaltet und dabei eine Euphorie entfacht, die bis zum Allmachtgefühl führt. Eine Droge für Macher.

          Die Ideale der Leistungsgesellschaft

          Zahlen über den Konsum von leistungssteigernden Substanzen gibt es bislang kaum. Grund dafür seien die Ideale der Leistungsgesellschaft, glaubt Christian Timmerhoff, Fachreferent für betriebliches Gesundheitsmanagement der Techniker Krankenkasse (TK). "Ein Manager, der Angst zugibt, stellt sich damit gewissermaßen ein Armutszeugnis aus." Angst sei eine der Hauptursachen psychischer Erkrankungen, für deren Therapie die Krankenkasse inzwischen mehr Geld ausgibt als für alle anderen Beschwerden. Psychopharmaka haben Hochkonjunktur. "Es geht um die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, die Angst vor der Zukunft, die Angst, die angeforderte Leistung nicht zu erbringen", sagt Timmerhoff. Deshalb reist er in die Führungsetagen der Unternehmen und versucht, den Bossen im Umgang mit ihren Mitarbeitern mehr Milde beizubringen. Einfach sei das nicht gerade, sagt er. Noch könne man nicht überall offen über psychische Belastungen sprechen. Allerdings nehme das Problembewusstsein zu, sagt Timmerhoff. "Inzwischen sprechen uns die Unternehmen von selbst an und wollen Beratung."

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