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Hausarbeiten im Studium : Nachtschicht gegen die Aufschieberitis

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Ayse Tücel, 23 Jahre alt, neigte früher tatsächlich zur Prokrastination. Sie empfand es als mühsam, wissenschaftliche Arbeiten für ihr Studium zu verfassen. Daher hat sie eigene Strategien entwickelt: „Ich setze mir zum Beispiel Deadlines, die vor den eigentlichen Abgaben liegen, und plane im Voraus, was alles zu tun ist.“ Während der langen Nacht möchte sie an ihrer Examensarbeit zum Thema Lernschwierigkeiten an Schulen arbeiten. Sie könnte heute damit fertig werden, sagt sie. Die lange Nacht soll den letzten Schub dafür geben: „Ich kann deutlich besser schreiben, wenn andere um mich herum das Gleiche machen – das motiviert.“

Motivieren sollen auch die etwa einstündigen Workshops mit Namen wie „Ins Schreiben kommen“ oder „Schreibstrategien“. Darin lernen die Teilnehmer Methoden wie Freewriting, in dem spontan alles, was einem in den Sinn kommt, etwa fünf bis zehn Minuten lang aufgeschrieben wird. Das soll helfen, überhaupt ins Schreiben zu kommen. Das Mehrversionenschreiben hingegen dient der Entwicklung einer stringenten Argumentation. Durch mehrmaliges Ausformulieren sollen so Absätze immer präziser und konsistenter werden.

In Workshops erlernen die Studenten Lese- und Schreibstrategien sowie Zeitmanagement.
In Workshops erlernen die Studenten Lese- und Schreibstrategien sowie Zeitmanagement. : Bild: Daniel Vogl

Schreibtisch-Yoga zur Entspannung

Zur mentalen und körperlichen Auflockerung gibt es zwischendurch Schreibtisch-Yoga. Das interessiert auch Ayse Tücel. Im ganz und gar nicht sportlich anmutenden Seminarraum 254 führen die beiden Yogalehrer Emeel Safie und Süreyya Safie durch den Kurs. Etwa ein Dutzend Studenten sind gekommen, einige mit steifen Jeans und schickem Hemd, andere tragen lässigere Kleidung: Jogginghosen und weite T-Shirts. Die Yogalehrer legen ruhige, entspannende Musik auf, empfehlen den Teilnehmern, die Schuhe auszuziehen, und schon geht es los: „Wiege deinen Oberkörper von rechts nach links – Wirbel für Wirbel“, sagt sie. Derweil geht er von einem Yoga-Anfänger zum nächsten, hebt mal hier einen Ellbogen etwas höher, verschiebt mal dort einen Arm, korrigiert die eine oder andere fehlerhafte Haltung. „Dein Rücken möchte noch länger werden – genieße die Dehnung“, sagt sie, ihren eigenen Körper verrenkend. Die Studenten ahmen die Bewegungen nach – und wichtig: „Immer atmen!“ Etwa dreißig Minuten dauert das Schreibtisch-Yoga.

Emeel Safie sorgt mit Schreibtisch-Yoga bei den Studenten für Auflockerung und Entspannung.
Emeel Safie sorgt mit Schreibtisch-Yoga bei den Studenten für Auflockerung und Entspannung. : Bild: Daniel Vogl

„Richtig schlimm“ sei das stundenlange Tippen am Laptop für den Körper, sagt Emeel Safie nach der Sitzung, „da verkrampft der ganze Körper“. Wichtig sei es also, sich während des Schreibens zu bewegen. Dafür reichten schon kleine Rituale und einfache Übungen: Handgelenke dehnen und Schultern kreisen lassen etwa. Auch Katharina war im Yogakurs. „Um neue Energie zu tanken.“ Die lange Nacht laufe bei ihr bisher gut: „Eben war ich richtig im Schreibfluss“, sagt sie, „dann ist leider mein Laptop abgestürzt – eine ganze Seite war weg.“ Frustrieren lässt sie sich dadurch jedoch nicht: „Das meiste weiß ich zum Glück noch. Jetzt schreib ich halt die Seite noch mal runter.“

Gegen halb drei lichten sich so langsam die Reihen in der Bibliothek. Jetzt hat auch Katharina genug und fährt mit dem Fahrrad nach Hause Richtung Bett. Trotz ihres Laptop-Blackouts habe sie „alles gut hinbekommen“. Die lange Nacht sei für sie ein Erfolg gewesen. Durch die Motivation der anderen Studenten sei sie drangeblieben, und das, wie sie sagt, „viel produktiver als sonst“. Nur etwas häufiger könnte es die „lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ ihrer Meinung nach geben, „gerne auch im Semester“.

Ibrahim von Denffer ist gegen vier Uhr der letzte Mitarbeiter vom Schreibzentrum an der Infotheke des Bibliothekszentrums. Insgesamt zwölf Beratungsgespräche habe er in der Nacht mit Studenten geführt, sagt er, die meisten davon seien gut gelaufen. Bis zum Ende der langen Nacht in etwa eineinhalb Stunden wird er noch auf seinem Posten bleiben: „Um fünf Uhr müssen hier alle raus – dann kommen die Reinigungskräfte.“

„Um fünf Uhr müssen hier alle raus.“ Das I.G.-Farben Haus der Goethe-Universität.
„Um fünf Uhr müssen hier alle raus.“ Das I.G.-Farben Haus der Goethe-Universität. : Bild: Daniel Vogl

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