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Hausarbeiten im Studium : Nachtschicht gegen die Aufschieberitis

  • -Aktualisiert am
Etwa eine halbe Stunde dauert eine Schreibberatung während der langen Nacht, wie etwa hier mit Ibrahim von Denffer.
Etwa eine halbe Stunde dauert eine Schreibberatung während der langen Nacht, wie etwa hier mit Ibrahim von Denffer. : Bild: Daniel Vogl

Für Anna hingegen ist das Aufschieben ein ständiger Begleiter im Studium. „Aber das geht doch irgendwie fast allen so“, sagt sie. Zur langen Nacht ist sie mit zwei Freunden verabredet. Alleine, sagt Anna, wäre sie wohl nicht gekommen. In eine Bibliothek gehe sie zum Arbeiten normalerweise ohnehin nicht: „Zu laut, zu voll.“ Von der langen Nacht verspricht sie sich Ruhe in den Bibliothekssälen, um zumindest einige Stunden konzentriert zu schreiben. Einen Workshop möchte sie daher während der langen Nacht nicht besuchen: „Nach sieben Semestern weiß man dann ja doch irgendwann, wie man seine wissenschaftlichen Arbeiten am besten schreibt.“

Schreibberatung und Workshops gegen Prokrastination

Studenten, die noch nicht so weit mit ihrem Studium sind wie Anna oder konkrete Probleme bei ihrer Hausarbeit haben, berät die studentische Schreibberatung des Schreibzentrums der Goethe-Uni in etwa dreißigminütigen Gesprächen. Das Angebot gibt es auch während des Semesters. Dann nehmen sich die Berater sogar bis zu einer Stunde Zeit. „Wir verfolgen einen systematischen Ansatz, fragen nach dem Grund der Beratung und formulieren am Ende gemeinsam einen Auftrag“, sagt Schreibberater Alexander Kaib. Das erleichtere vielen das wissenschaftliche Arbeiten und nehme Druck raus. Der 25 Jahre alte Philosophiestudent ist zum vierten Mal bei einer langen Nacht dabei, immer als Berater. Was in einem Beratungsgespräch passiere, hänge vom Studenten selbst und seinem Problem ab: „Brainstormen, kurze Passagen gemeinsam lesen, Formulierungskritik – je nach dem Stadium des Projekts.“ Wichtig sei, so Kaib, nicht in den Inhalt der Arbeit einzugreifen. „Die Beratung ist nicht Endtext-zentriert.“ Das Ziel sei es vielmehr, dass sich die Studenten wohl fühlen beim Schreiben und Techniken an die Hand bekommen, die ihnen beim Arbeiten helfen. Kaib bietet am Abend neben der Einzelberatung auch den Workshop „Argumentation in akademischen Texten“ an – „ein Hobby von mir“. Später am Abend sorgt er für Kaffee-Nachschub am Büfett.

Philosophiestudent und Schreibberater Alexander Kaib holt Kaffee für das Büffet.
Philosophiestudent und Schreibberater Alexander Kaib holt Kaffee für das Büffet. : Bild: Daniel Vogl

Denn raucht den Studenten beim Schreiben mal der Kopf und die Konzentration ist weg, gibt es ganz oben im sechsten Stock des Bibliothekszentrums einen Aufenthaltsraum mit gemütlichen Sitzsäcken. Dort wartet auch das Büfett: Brötchen, Gurken, Tomaten, dazu Hummus und Käse. Als Nachtisch: Schokoriegel, Kekse, Äpfel, Bananen und Trauben. Und ganz wichtig: jede Menge Kaffee.

„Einfach mal drauflos schreiben“

Anders als Alexander Kaib ist Nora Hoffmann zum ersten Mal bei einer langen Nacht in Frankfurt dabei. Sie ist im vergangenen Jahr von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz zur Goethe-Uni gewechselt. Seitdem leitet sie das Schreibzentrum der Hochschule. Sie hat zudem an einem Positionspapier der Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung gearbeitet, das Antworten liefern möchte, wie Hochschulen Studenten beim Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten besser unterstützen können. Seit 18 Uhr ist sie heute an der Uni und bereitet mit elf Mitarbeitern vom Schreibzentrum die lange Nacht vor. Die Workshop-Räume müssen hergerichtet, die Organisation mit den Mitarbeitern abgestimmt und der Einlass kontrolliert werden.

Was sie Studenten gegen das Aufschieben rät? „Das ist sehr individuell“, sagt sie. „Aber es ist gut, den Perfektionismus abzubauen, sich zu erlauben, Gedanken zu entfalten und einfach mal drauflos zu schreiben.“ Als Techniken empfiehlt sie Schreibpläne, die den Text durch Stichpunkte skizzieren, und die sogenannte Pomodoro-Technik. Dabei wird eine Aufgabe schriftlich formuliert, um daran dann 25 Minuten ohne Unterbrechung zu arbeiten. Danach werden fünf Minuten Pause eingelegt. Nach vier Einheiten von jeweils 25 Minuten ist dann eine längere Pause angesagt. Das soll helfen, fokussierter zu arbeiten und die Kraft einzuteilen.

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