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Handel mit Mitschriften : Aus der Vorlesung freigekauft

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„Schlicht keine Zeit, Vorlesungen zu besuchen“

Der Ansatz ist unterschiedlich: Bei Stuvia und Unidog verkaufen Studenten ihre Mitschriften, bei Uniturm dagegen werden Unterlagen kostenlos geteilt. „Wir wollen Wissen für jeden frei zugänglich zur Verfügung stellen“, sagt Uniturm-Gründer Dirk Ehrlich. Seine Plattform soll den Austausch von Wissen über Hochschulen hinaus ermöglichen und Studenten das Studium erleichtern. „Es gibt viele Studenten, die schlicht keine Zeit haben, Vorlesungen zu besuchen. Zum Beispiel weil sie arbeiten oder sich um ihr Kind kümmern müssen.“ Uniturm will diesen Studenten helfen. Schließlich gehe es nicht darum, wie oft und wie lange jemand Zeit hat, vor Ort zu lernen, sondern darum, dass er sich das Wissen aneignet, um ein Studium zu meistern.

Dirk Ehrlich gründete die Plattform mit einem ehemaligen Kommilitonen Anfang des Jahres 2008. Schon während ihres eigenen Studiums an der Uni Leipzig betrieben sie ein Forum, das den Austausch innerhalb ihres Studiengangs erleichtern sollte. „Irgendwann war fast jeder BWL-Student in Leipzig dort aktiv“, sagt Ehrlich. „Wir haben Chatabende mit Professoren eingerichtet und Unterlagen aller Art getauscht.“ Daraus entstand die Idee, das Angebot fächerübergreifend für Studenten an allen Hochschulen Deutschlands zu erweitern. Inzwischen nutzen mehr als 250.000 Studenten Ehrlichs Plattform und stellen ihren Kommilitonen etwa 70.000 Skripte und Mitschriften zur Verfügung.

„Am Anfang hatten wir Schwierigkeiten, die Leute zu motivieren, ihre Unterlagen hochzuladen“, sagt Ehrlich. Deshalb führte er ein Bonussystem ein: Für hochgeladene Unterlagen bekommen Nutzer Punkte, die sie gegen Prämien wie Notebooks, Fahrräder, Zeitschriftenabos oder Einkaufsgutscheine einlösen können. „Die Prämien werden uns von Sponsoren zur Verfügung gestellt“, sagt er. „Im Gegenzug verlinken wir zu den Unternehmen.“ Sieben Mitarbeiter sind bei Uniturm angestellt. Die Seite lebt von Werbung für die Zielgruppe.

Urheberrechlich eine Grauzone

Rechtlich gesehen, bewegt sich der Mitschriften-Handel, egal ob online oder offline, in einer Grauzone. Denn wenn ein Professor eine Vorlesung konzipiert und hält, ist diese sein urheberrechtlich geschütztes Werk. Dozenten könnten sich juristisch gegen eine Veröffentlichung und den Verkauf der Mitschrift wehren. Wer Ausschnitte aus Büchern veröffentlicht, verstößt aus Sicht von Juristen gegen das Urheberrecht der Autoren. Und tatsächlich beschweren sich immer wieder Professoren bei den Betreibern der Tauschbörsen: „Wenn Professoren uns kontaktieren, weil sie nicht wollen, dass Unterlagen aus ihren Veranstaltungen frei verfügbar sind, dann löschen wir die Skripte“, sagt Dirk Ehrlich. „Wir wollen uns ja nicht ewig vor Gericht herumstreiten.“ Er lässt die Autoren der Skripte, also Studenten, selbst garantieren, dass sie das Urheberrecht beachten.

Meistens passiert aber gar nichts. In der 44-jährigen Geschichte der Kölner Mitschriften AG zum Beispiel ist noch nie ein Professor juristisch gegen die Studenten vorgegangen - einige allerdings haben den Verkauf verboten und zumindest mit rechtlichen Schritten gedroht. „Manche Professoren wollen vermeiden, dass die Studenten nicht mehr in ihre Vorlesung kommen“, sagt Geschäftsführerin Czock. „Andere wollen Fragen stellen und verhindern, dass Studenten die Antworten schon aus ihren Mitschriften kennen.“ Bei solchen Anfragen reagiert die Mitschriften AG sofort und nimmt alle betroffenen Angebote aus dem Verkauf.

„Inzwischen fragen wir direkt bei Professoren und Lehrstühlen nach, ob Mitschriften und ihr Verkauf erlaubt sind. Wir haben nichts davon, irgendwen zu verärgern“, sagt Czock. Für sie ist die Mitschriften AG eine Mischung aus Netzwerk und kleinem Unternehmen, das auch ab und zu mal gemeinsame Partys feiert, aber das vor allem Studenten das Studium erleichtert. „Viele sind einfach froh, dass es uns gibt.“

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