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Gründung vor 550 Jahren : Der Mehrwert der Freiburger Schule

Imposanter Anblick: Die Freiburger Albert-Ludwigs-Universität Bild: dpa

Die Albert-Ludwigs-Universität feiert ihre Gründung vor 550 Jahren. Heute ist sie mehr als eine geisteswissenschaftliche Hochburg: Auch Informatiker und Mikrosystemtechniker werden hier ausgebildet.

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          Vor fünfzig Jahren sprach Martin Heidegger über den "Satz der Identität". "Erst wenn wir uns denkend dem schon Gedachten zuwenden, werden wir verwendet für das noch zu Denkende", war so ein typischer Heidegger-Satz, mit dem der Philosoph seine Rede schloss. 500 Jahre wurde die Albert-Ludwigs-Universität 1957 alt, die damals noch etwas gespreizt als Alberto-Ludoviciana firmierte. Die Professoren marschierten im vollen Ornat durch die Stadt. Der damalige Rektor Gerd Tellenbach, ein einflussreicher Mittelalterhistoriker und Wissenschaftspolitiker, hatte entschieden, den emeritierten Heidegger an die Universität zurückkehren zu lassen. Der Auftritt des Philosophen erregte in der Öffentlichkeit kaum Missfallen. Dem Rektor war das Wort "Hochschulreform" schon vertraut, doch die stürmischen Jahre der Veränderung hatte die Freiburger Universität noch vor sich.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          In der vergangenen Woche feierte die Universität ihren 550. Geburtstag, und der in Freiburg lehrende Neuzeithistoriker Ulrich Herbert sagt, die Universität und die deutschen Hochschulen überhaupt befänden sich derzeit (mal wieder) in einem stürmischen Veränderungsprozess, wie es ihn seit vierzig Jahren nicht gegeben habe. "In den achtziger Jahren sind unsere Universitäten richtig weggerutscht, die äußere Form, der Schlendrian zeigten, wie ernst man die Universität nahm", sagt Herbert. Das habe sich geändert. Die "systematische Vernachlässigung", die Zeit, in der die Politik die Qualität einer Universität nur an der Zahl der Absolventen gemessen und die Forschung in außeruniversitäre Institute verlagert habe, sei glücklicherweise vorbei. Reste der alten Mentalität entdeckt Herbert noch im Verhalten seiner Studenten: "Die lesen immer noch zu wenig", sagt Herbert. Das werde nur deshalb von deutschen Professoren akzeptiert, weil manche immer noch "Kulturpessimisten" seien. Den Titel Exzellenzuniversität anzustreben bedeute eben auch, dass das akademische Leben "anstrengender und schneller" werde.

          Husserl, Ritter und Eucken prägten den Ruf

          Der gute Ruf der Universität heute hat auch mit einigen strukturellen Veränderungen in den vergangenen zwanzig Jahren zu tun: Bis Mitte der achtziger Jahre war Freiburg eine klassische, stark von Geisteswissenschaften geprägte Hochschule, was auch mit zahlreichen berühmten Professoren zu tun hatte: zum Beispiel dem Philosophen Edmund Husserl, den Historikern Friedrich Meinecke und Gerhard Ritter sowie den Wirtschaftswissenschaftlern der "Freiburger Schule" um Walter Eucken, außerdem namhaften Juristen, Theologen und Medizinern.

          Prominente Gratulanten: Bundesbildungsministerin Annette Schavan und Landesvater Günther Oettinger (rechts) mit Rektor Wolfgang Jäger

          Noch unter Ministerpräsident Lothar Späth entstand die Idee, Freiburg um eine klassische technische Fakultät zu erweitern. Beschlossen wurde die Gründung einer Fakultät für angewandte Wissenschaften erst unter Erwin Teufel. 250 Millionen Euro ließ sich das Land Baden-Württemberg diese institutionelle und bauliche Erweiterung kosten. Rektor Wolfgang Jäger sagt über die Gründung der neuen Fakultät heute: "Wir haben damals nicht so an die Forschung gedacht, wir wollten Ingenieure ausbilden, die sich für Psychologie, Soziologie und Geisteswissenschaften interessieren. Heute profitiert die ganze Universität von der Forschung der Institute für angewandte Informatik und für Mikrosystemtechnik." Ohne die technische Fakultät hätte es in der ersten Runde der Exzellenzinitiative wohl zwei Bewerbungen weniger gegeben.

          Brückenkopf in die Wirtschaft

          Freiburg leidet zwar von jeher darunter, in der Umgebung nur wenige große Unternehmen zu haben. Der Vorsitzende des Universitätsrates, Horst Weitzmann, Aufsichtsratsvorsitzender der Südweststahl AG, ist für die Universität auch ein Brückenkopf in die Wirtschaft. Aus Weitzmanns Sicht war es richtig, die Universität Anfang der neunziger Jahre zu erweitern: "Die mittelständische Wirtschaft braucht Informatiker und Mikrosystemtechniker. Und wer in Freiburg ein studium generale gemacht hat, der braucht später keinen ,Corporate governance code'", sagt Weitzmann.

          Verändern wird sich in den nächsten Jahren vor allem die Bedeutung der Lehre. "Krisenhafte Zustände gibt es heute immer noch in der Lehre. Die Zahl der Studenten hat zugenommen und es sind immer mehr aus den sogenannten bildungsfernen Schichten gekommen, aber man hat hiermit nicht Schritt gehalten und in die Lehre investiert", sagt Ulrich Herbert.

          Das wird sich durch die Studiengebühren, die von diesem Semester an in Baden-Württemberg erhoben werden, nun schlagartig ändern: 20.000 Studenten verschaffen der Albert-Ludwigs-Universität zusätzliche Einnahmen in Höhe von 20 Millionen Euro. Dadurch verdoppeln sich die Gelder, die die Fakultäten aus dem Haushalt erhalten. Weil es zum geläufigen Lobbying der Professoren gehört, leere Kassen zu beklagen, ist in der Öffentlichkeit bislang noch nicht wahrgenommen worden, dass Universitäten wie Freiburg oder Heidelberg in Einzelfällen sogar Schwierigkeiten haben, das zusätzliche Geld sinnvoll auszugeben. Das ist eine Situation, die es über Jahrzehnte nicht gegeben hat.

          Neue Stiftung richt sich an „Ehemalige“

          Eine gerade gegründete Universitätsstiftung wird die finanzielle Situation ebenfalls verbessern - die Stiftung will professionell Spenden sammeln und vor allem ehemalige, nunmehr gut verdienende Studenten als Unterstützer gewinnen.

          Wolfgang Jäger wird im März kommenden Jahres das Rektorat an seinen Nachfolger übergeben. Die Findungskommission hat aus 17 Bewerbungen vier vorausgewählt, drei Bewerber stammen aus dem eigenen Haus. Die größten Chancen werden Andreas Voßkuhle zugerechnet. Er ist derzeit Direktor des Instituts für Rechtswissenschaften und Staatsphilosophie, 1995 hatte Voßkuhle für kurze Zeit als Referent im bayerischen Innenministerium gearbeitet.

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