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Graduiertenprogramme : Mit Babysitten zum Doktor

Vorbild Amerika: Studenten in Burlington bei ihrer Graduierung. Bild: AP

In der Gruppe zu promovieren wird für Ökonomen zum Standard. Fast jeder zweite entscheidet sich für ein Graduiertenprogramm mit Kursen und Hausaufgaben. Mancher verdient sich das Geld dafür mit Kinderhüten.

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          Als Raphael Guber seinen Masterabschluss in der Tasche hatte, war für ihn klar: Ich will promovieren. Nur wie? Traditionell auf eigene Faust an einem Lehrstuhl oder Institut mit einem fest bestimmten Doktorvater, für den man auch Lehrverpflichtungen und Forschungsaufgaben zu übernehmen hat? Oder in einem verschulten Gruppenprogramm mit verpflichtenden Kursen und mehreren Betreuern? Dem 26 Jahre alten Statistik-Fachmann ist die Wahl leichtgefallen. Er entschied sich für die zweite Variante und wählte das Doktorandenkolleg „Evidence Based Economics“ (EBE) an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Das ist viel innovativer, ich wollte ja nicht am Lehrstuhl der Klon irgendeines Professors werden“, sagt Guber, der eine Karriere in der Forschung anstrebt.

          Johannes Pennekamp
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Guber ist mit seiner Entscheidung nicht alleine. Vielmehr ist der Nachwuchsökonom ein typischer Vertreter einer neuen Doktorandengeneration. Sie ziehen Doktorandenschulen oder -kollegs der traditionellen Art des Promovierens vor. Vier von zehn Wirtschaftsabsolventen machen das inzwischen so, zeigte kürzlich eine Studie. Vor allem für Promotionsstudenten, die es dauerhaft in die Forschung zieht, sind die vergleichsweise jungen Programme attraktiv. So attraktiv, dass renommierte Unis unter Zugzwang stehen: „Moderne Fakultäten können es sich nicht leisten, keine Graduiertenschule zu haben“, sagt Ökonomie-Professor Hans-Theo Normann, der ein Doktorandenprogramm am DICE-Institut der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität aufgebaut hat.

          Im Kampf um die klügsten Köpfe stehe man in Konkurrenz mit ausländischen Spitzenuniversitäten wie Toulouse, Oxford oder London. Wer den Umbruch verschläft und nicht mit einem eigenen interessanten Angebot auftrumpft, der sei schnell abgehängt. Vorbild ist Amerika. Dort heißen Doktoranden Ph.D.-Studenten, sie durchlaufen mehrjährige Kursprogramme mit überschaubarer Teilnehmeranzahl. Nur die besten Nachwuchsökonomen haben Chancen auf einen Platz an Elite-Universitäten wie Berkeley oder Stanford, in denen die forschungsstärksten Ökonomen der Welt lehren. Wer mit Absolventen aus Amerika spricht, der hört sie oft schwärmen: Das Verhältnis zu den Professoren sei viel näher und unkomplizierter als in Deutschland, die Kurse inspirierend, der Austausch mit den Kodoktoranden ein Gewinn für die eigene Arbeit.

          „Freiheit und Einsamkeit“ ist plötzlich altmodisch

          Manchmal entstehen in den Ph.D.-Programmen fruchtbare Beziehungen, die weit über die Promotionszeit hinausgehen: David Romer, ein einflussreicher Wirtschaftsprofessor der University of Berkeley, berichtete der F.A.Z. kürzlich, wie er am ersten Tag an der Graduate School am Massachusetts Institute of Technology (MIT) seine spätere Ehefrau Christina kennengelernt hat. Dutzende Arbeiten haben die Ökonomen in den vergangenen drei Jahrzehnten gemeinsam veröffentlicht, Christina Romer brachte es zwischenzeitig zu Barack Obamas Wirtschaftsberaterin.

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