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Geschlechterrollen in der Schule : Faul, fahrig, Junge

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Eine brisante Frage ist, ob dieser Trend in einem Zusammenhang mit dem größeren weiblichen Bildungserfolg steht. Pointiert gefragt: Sind die Jungs dümmer als Mädchen, bekommen sie zu Recht schlechtere Noten in der Schule, bleiben häufiger sitzen, machen seltener das Abitur? Der Soziologe Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin ist nicht der Meinung, dass die Überzahl der Lehrerinnen daran schuld sei. Eine Studie im Auftrag der Vodafone-Stiftung legte hingegen vor zwei Jahren nahe, dass es doch einen Zusammenhang gebe. Mädchen erhalten demnach im Schnitt bessere Schulnoten als Jungs (2,58 versus 2,67) - obwohl sie in standardisierten Leistungstests sogar schlechter abschneiden. Und auch Helbig weiß, dass Mädchen bessere Noten bekommen - „selbst in den Fächern, in denen sie im Durchschnitt geringere Kompetenzen haben als Jungen, zum Beispiel in Mathematik“.

Für den Soziologen ist die Ursache aber klar: Mädchen seien fleißiger, motivierter, disziplinierter. Die schlechteren Noten der Jungen seien kein Fall von Diskriminierung, sondern von geringerer Leistungsbereitschaft. Warum Jungen weniger motiviert sind als Mädchen, kann der Soziologe allerdings auch nicht beantworten. Generell stehe der Erfolgsweg aber auch den Jungs offen: Sie müssten nur „ihr Lernverhalten dem der Mädchen angleichen, um in Notenspiegel und Abiturquote nachzuziehen“.

Doch das scheint leichter gesagt als getan. Der Aktionsrat Bildung, ein Expertengremium, das sich auf Initiative der bayerischen Wirtschaft gebildet hatte, hat jedenfalls beobachtet: Um den Übergang auf das Gymnasium zu schaffen, müssen Jungen eine deutlich höhere Leistung erbringen als Mädchen. Die in früheren Jahrzehnten zu beklagende Bildungsbenachteiligung der katholischen Arbeitermädchen vom Land sei heute abgelöst worden durch die Jungen als neue Bildungsverlierer. Mit Folgen, die ein Leben lang spürbar bleiben können: Denn weil der Schulabschluss die gesamte Erwerbsbiographie beeinflusse, seien junge Männer später auch deutlich häufiger arbeitslos als Frauen, befand der Aktionsrat Bildung vor wenigen Jahren. So belegten Frauen etwa mehrheitlich die „besseren“ Ausbildungsberufe.

„Man zwingt die Jungen zu Verhaltensänderungen“

„Die Feminisierung in den Schulen diskriminiert die Jungen“, sagt der emeritierte Bremer Geschlechterforscher Gerhard Amendt, der bezüglich solcher Themen den Konflikt nicht scheut. Die Feminisierung schlage auch auf die pädagogischen Inhalte durch. Genderthemen mit Schwerpunkt „Frauenbild“ werden beispielsweise im Religions-, Deutsch- und Fremdsprachenunterricht ausgiebig behandelt. Die Schule sei „Kommunikationsplatz“ geworden, klagt Amendt. Es sei deshalb auch kein Wunder, dass deutlich mehr Jungen als Mädchen das Zappelphilipp-Medikament Methylphenidat verschrieben bekommen, behauptet er. „Männlichen“ Verhaltensweisen werde dort vorgebeugt: „Man zwingt die Jungen zu Verhaltensänderungen.“ Auch der Lehrer und Autor Frank Beuster (“Die Jungenkatastrophe“) ist überzeugt: „Frauen wissen nicht, wie Jungs ticken.“ Jungen fielen auch daher in der Schule eher auf und bekämen Disziplinarstrafen und schlechte Noten, meint er.

Bei der Präsentation des Bildungsberichts wurde das Thema einer möglichen Jungenbenachteiligung mit keinem Wort erwähnt. Dort ist allerdings von „geschlechtsspezifischen Unterschieden im Erziehungsverhalten“ zu lesen und davon, dass Mädchen sprachlich besser gefördert würden als Jungs, was eine unterschiedliche Lesekompetenz am Ende der Grundschulzeit zur Folge habe. Und weiter heißt es im Bericht: „Einen besonderen Stellenwert für den späteren Schulerfolg hat die Herausbildung sprachlicher Fähigkeiten und Vorläuferfähigkeiten für den Schriftsprachenerwerb.“ Da inzwischen selbst Mathematikklausuren vor allem aus Textaufgaben bestehen, die erst richtig gelesen und verstanden werden müssen, bevor man sie lösen kann, scheint es nicht als ein Wunder, dass Jungs zu den Bildungsverlierern zählen.

An den Universitäten, an denen junge Lehrer- und Erzieherinnen ausgebildet werden, wird hingegen immer noch vermittelt, die Mädchen- und Frauenbenachteiligung sei groß. Nicht wenige Lehrveranstaltungen in den sprach- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern befassen sich explizit mit Genderthemen mit dem Schwerpunkt „Frauenbild“.

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