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Frauen in der Wissenschaft : Der große Knick nach der Promotion

Bild: F.A.Z./Tresckow

Der Frauenanteil unter den Doktoranden liegt bei 40 Prozent. Doch unter den Habilitanden ist nur gut ein Fünftel weiblich. Nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch an den Universitäten wird deshalb über Frauenquoten diskutiert.

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          Dass es zu wenige Frauen in den Führungspositionen der Wirtschaft gibt, wird allerorten diskutiert. Kaum für öffentliche Aufregung sorgt hingegen, dass auch an den Hochschulen Frauen wesentlich seltener Karriere machen als Männer. An den Unis selbst wird die Kritik daran langsam lauter. Ingrid Scharlau, Psychologieprofessorin an der Universität Paderborn, beklagt einen beträchtlichen „Brain Drain“: Von Qualifikationsstufe zu Qualifikationsstufe verliere man viele gut ausgebildete Frauen.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Wie viel weibliche Intelligenz verlorengeht, zeigen die Statistiken: Unter den Absolventen eines Studiums ist noch gut die Hälfte weiblich. Ihr Anteil unter den Doktoranden beträgt 40 Prozent. Dann kommt der große Knick. Unter den Habilitanden sind Frauen nur noch zu einem guten Fünftel vertreten. Unter den Professoren ist ihr Anteil noch einmal etwas geringer. Mehr als 60 Prozent der Professorinnen haben keine Kinder. Unter den Männern sind es nur rund 35 Prozent.

          Besonders kritisch sei die Phase gegen Ende und nach der Promotion - die Zeit, in der die meisten Familiengründungen stattfänden, sagt Inken Lind, Wissenschaftlerin am Kompetenzzentrum für Frauen in Wissenschaft und Forschung CEWS/GESIS. Das Zentrum ist ein nationaler Think Tank zum Thema Gleichstellung in der Wissenschaft. Lind warnt jedoch davor, nur das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft als zentrale Ursache zu sehen. Hinzu kämen weitere strukturelle Probleme. So sei eine Wissenschaftslaufbahn mit einer langen Phase der Unsicherheit verbunden. „Gleichzeitig sind die Erwartungen an den zeitlichen Einsatz und die Mobilität sehr hoch“, sagt Lind. Die Gleichstellungsbeauftragte an der Uni Göttingen, Edith Kirsch-Auwärter, spricht von „prekären“ Beschäftigungsverhältnissen, die Wissenschaftler auf ihrem Karriereweg eingehen müssten. Das bringe vor allem Frauen dazu, wieder auszusteigen. „Frauen ziehen sich eher in die Familie zurück oder suchen sich eine Stelle unter ihrem Qualifikationsniveau“, sagt Kirsch-Auwärter.

          „Das muss man schon wollen“

          Anke Carius will trotz all dieser Hürden an der Hochschule Karriere machen. Die 28 Jahre alte Mikrobiologin promoviert derzeit am Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme (MPI) in Magdeburg. Sie kann sich gut vorstellen, einmal Professorin zu werden. Am MPI hat sie eine Vollzeitstelle, halb bezahlt, das ist üblich. Und sie hat - für eine junge Wissenschaftlerin unüblich - ein Kind. Vor zwei Jahren wurde ihre Tochter geboren. „Das muss man schon wollen“, sagt Carius. Sie wollte nicht warten, bis sie Mitte 30 ist und „vielleicht“ eine unbefristete Stelle hat. Also bekamen Carius und ihr Mann, der am MPI auf einer ähnlichen Stelle arbeitet, ihr erstes Kind früh, „auch wenn es viel Stress bedeutet“. Acht Wochen nach der Geburt war sie wieder am Institut. Ihr Mann und sie reduzierten ihre Arbeitszeit ein wenig und teilten die Kinderbetreuung auf. Als die Tochter ein Jahr alt wurde, stockten beide wieder auf Vollzeit auf. Das Kind besucht seitdem den ganzen Tag eine Kita. „Kompliziert wird es, wenn die Kleine krank ist“, sagt Carius. „Wenn ich einen Versuch laufen habe, muss ich arbeiten gehen, sonst war er umsonst.“ Nun entspannt sich die Lage etwas. Carius bekommt ein Stipendium von der Christiane-Nüsslein-Volhard-Stiftung für junge Wissenschaftlerinnen mit Kind. Jeden Monat erhält sie 400 Euro. Carius will eine Haushaltshilfe einstellen, die auch mal das Kind betreut.

          Dass es ihr überhaupt gelinge, Kind und Wissenschaft zu vereinbaren, habe viel damit zu tun, „dass mein Mann und ich uns das teilen“, sagt Carius. Ähnliche Aussagen hört man oft von Wissenschaftlerinnen mit Kindern, die an der Uni Karriere gemacht haben. Entweder teilen ihre Partner die Haus- und Familienarbeit mit ihnen zu gleichen Teilen, oder die Männer stecken beruflich sogar zurück. An der Uni Paderborn hat unlängst eine Professorin vor jungen Wissenschaftlerinnen berichtet, dass sie, als sie ihre Professur in einer anderen Stadt angetreten habe, gependelt sei und ihr Mann bei den Kindern geblieben sei. Eine der Zuhörerinnen war Nicola Bilstein, die in Betriebswirtschaftslehre promoviert. Die 28-Jährige plant zwar, die Kindererziehung mit ihrem Mann zu teilen. Es sei ihr aber bewusst geworden, dass es auch für sie mal nötig werden könnte, unter der Woche zu pendeln.

          Mentoring-Programme helfen bei der Vernetzung

          Die Veranstaltung, in der die Professorin über ihren Beruf berichtete, war Teil des Mentoring-Programms für Doktorandinnen an der Uni Paderborn. Zu einem solchen Programm, das es auch an anderen Unis gibt, gehört vor allem, dass sich eine Doktorandin und eine Professorin zu Gesprächen treffen. Die Doktorandin bekomme so eine realistische Vorstellung vom Professorenberuf und erkenne womöglich, dass die Professorin nicht so viel anders sei als sie selbst, erklärt Scharlau, die das Programm in Paderborn leitet. Bilstein haben die Treffen viel gebracht. „Wir haben über Konferenzen und Auslandaufenthalte genauso gesprochen wie über Familie und wissenschaftliche Karriere.“ Die Gespräche hätten dazu beigetragen, dass sie sehr ernsthaft darüber nachdenke, in der Wissenschaft zu bleiben.

          In dem Programm wird außerdem versucht, die Doktorandinnen dazu zu bewegen, sich zu vernetzen. Vernetzung sei eine wichtige Voraussetzung für eine Hochschulkarriere, sagt Scharlau. Leider falle sie Frauen oft schwer. „Sehr viele Frauen wollen nur über eigene Leistung hochkommen. Das ist eine gefährliche Einstellung.“ Wer wahrgenommen werden wolle, müsse viele Leute kennengelernt haben.

          „Notfalls“ eine Quote?

          Neben den Mentoring-Programmen gibt es noch mehr Maßnahmen, mit denen Hochschulen Frauenkarrieren unterstützen: Gleichstellungsbeauftragte beraten Fachbereiche, die nicht genügend Doktorandinnen finden; der Familienservice unterstützt die Suche nach einem Betreuungsplatz; Unis fördern Doppelkarrieren und suchen für den Partner einer neuen Professorin eine Stelle am Ort. Doch ist der Erfolg der universitären Gleichstellungspolitik schwer zu fassen. Der Anteil der Frauen unter den Professoren steige zwar, doch dauere es in diesem Tempo bis 2040, bis er 40 Prozent betrage, rechnet das CEWS vor.

          Viele Wissenschaftlerinnen und auch manche Wissenschaftler plädieren deshalb für eine Quote. Die Diskussion angestoßen hatte 2006 ein Mann: Der damalige Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Ernst-Ludwig Winnacker, forderte, „notfalls“ mit einer Quote das zu erreichen, was selbstverständlich sei: die Gleichstellung von Mann und Frau. Die jetzige HRK-Präsidentin Margret Wintermantel will Frauen auch fördern, steht aber einer starren Quote skeptisch gegenüber. Mit ihr würden Wissenschaftlerinnen dem „pauschalen Verdacht“ ausgesetzt, Quotenfrauen zu sein. Psychologieprofessorin Scharlau meint: Eine Quote diene dazu, Hochqualifizierten eine größere Chancen zu geben. „Ähnlichkeit hilft eben.“ Die Wissenschaftlerinnen des CEWS schlagen ein Kaskadenmodell vor: Liege der Frauenanteil an den Promotionen bei 40 Prozent, dann müsse die Quote für die Habilitationen auch mindestens 40 Prozent betragen. Allerdings müsse man den Gegebenheiten der Institution oder des Fachbereichs Rechnung tragen und die jeweilige Beschäftigtenstruktur und Stellenentwicklung ermitteln. Der Teufel könnte im Detail stecken.

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