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Frankreich : Die verhassten Eliteschulen

Hier lernt Frankreichs Elite: Eine der grands écoles, die Ecole Polytechnique Bild: Helmut Fricke / F.A.Z.

Frankreichs Präsident Sarkozy wünscht, dass die „grandes écoles“, also Eliteinstitute wie Ena, Ecole Polytechnique, Centrale oder Essec verstärkt junge Migranten oder sozial Benachteiligte ausbilden. Doch die grandes écoles wehren sich gegen Quoten.

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          Der Gestaltungsdrang des französischen Präsidenten im Hochschulbereich macht auch vor der letzten Bastion der bürgerlichen Bildungselite nicht halt, vor den „grandes écoles“. So nennen die Franzosen Kaderschmieden wie Ena, Ecole Polytechnique, Centrale oder Essec, an denen die Wirtschafts- und Staatseliten von morgen ausgebildet werden. Nicolas Sarkozy will, dass künftig mindestens 30 Prozent der begehrten Plätze an den grandes écoles für Stipendiaten reserviert werden. Auf diese Weise strebt der Präsident an, die soziale Durchmischung der Elite zu beschleunigen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Eine jüngste Studie ergab, dass von den 80 französischen Topmanagern der 40 größten börsennotierten Unternehmen 63 eine „grande école“ absolviert haben. Nur einer Minderheit der französischen Abiturienten gelingt es, die äußerst selektiven Aufnahmeprüfungen (concours) zu bestehen. An den 400 „grandes écoles“ studieren etwa 180.000 junge Franzosen, während an den 83 Universitäten mehr als 1,5 Millionen Studenten eingeschrieben sind.

          Präsident Sarkozy wünscht, dass die „grandes écoles“ verstärkt junge Franzosen mit Einwanderungshintergrund oder sozialer Benachteiligung ausbilden. Von 2012 an soll jeder Ausbildungsjahrgang mindestens 30 Prozent Stipendiaten zählen. Bislang kommen die besten der grandes écoles auf einen Stipendiatenanteil von etwa 10 Prozent. Verpflichtende Quoten lehnt der Präsident ab, aber er ermahnte die Direktoren der „grandes écoles“ zu mehr „sozialer Verantwortung“. „Ein Land, das nur 10 Prozent seiner Bevölkerung zur Elitenauswahl heranzieht, beraubt sich 90 Prozent seiner Intelligenz“, sagte Sarkozy bei den Neujahrswünschen an Lehrer und Professoren. „Wir müssen alles tun, damit unsere Jugend weiß, dass die grandes écoles nicht für einen Kreis von Eingeweihten und Kinder des Großbürgertums reserviert sind. Die grandes écoles sind für alle, die hart arbeiten und Talent haben.“

          CGE will an Einheitsaufnahmeprüfungen festhalten

          Der Zusammenschluss von 221 Elitehochschulen, die Konferenz der „grandes écoles“ (CGE), hatte vehement gegen die 30-Prozent-Zielvorgabe protestiert. Der Vorsitzende der Konferenz, Pierre Tapie, warnte davor, dass eine solche Zielsetzung „kontraproduktiv“ sei. „Wenn wir 30 Prozent Stipendiaten aufnehmen wollen, müssen wir unsere Aufnahmeprüfungen verändern und weniger selektiv gestalten. Das bedeutet unweigerlich, das Niveau zu senken“, sagte Tapie.

          Die Position der CGE, am Prinzip der Einheitsaufnahmeprüfungen festzuhalten, hat zu einem Sturm der Entrüstung geführt. Als „unwürdig“ bezeichneten der Chef des Luxusgüterkonzerns PPR, François Pinault, und der Politberater Alain Minc die Haltung der „grandes écoles“. „Warum wollen sie nicht verstehen, dass das gesellschaftliche Gleichgewicht auf sozialen Aufstiegsperspektiven beruht und der Respekt der herkömmlichen Rekrutierungsverfahren selbstmörderisch ist“, fragen sie.

          Als besonders entschiedener Verfechter der „sozialen Öffnung“ tat sich Richard Descoings hervor, der das Institut des Etudes Politiques in Paris (Sciences Po) leitet, das nicht der CGE angehört. Descoings kritisierte die „Verteidigung von Privilegien, die sozial bevorzugten Gruppen zugute kommen“. Der Direktor verweist auf die an Sciences Po 2001 eingeführten Sonderaufnahmeverfahren für besonders gute Abiturienten von Partnerschulen in sozial benachteiligten Wohngebieten, den „prioritären Erziehungszonen“ (Zep). Seit 2001 wurden 600 sozial benachteiligte Studenten aufgenommen, inzwischen gibt es 74 Zep-Partnerschulen. Die Mehrheit der grandes écoles setzt jedoch lieber darauf, lange vor der Aufnahmeprüfung besonders talentierte Schüler mit Einwanderungshintergrund oder aus bildungsfernen Haushalten zu fördern und durch Tutorate auf die Prüfungen vorzubereiten. Etwa 120 der grandes écoles bieten solche Tutorenprogramme an, doch der damit erreichte Wandel ist langsamer als das von Sciences Po gewählte Verfahren.

          Sarkozy spart sich, über das Versagen der Grundschule nachzudenken

          Sarkozy aber ist ungeduldig, er will schnelle Ergebnisse. Er erspart sich damit, über das Versagen der Grundschule und der einheitlichen Mittelstufe nachzudenken, die Bildungschancen aller Kinder zu sichern. Nicht ganz zu unrecht hat der CGE-Präsident Tapie darauf hingewiesen, dass die „grandes écoles“ für Missstände im Bildungswesen verantwortlich gemacht werden, die weit früher, oftmals schon in der Maternelle (Vorschule) auftauchen. Ähnlich wie in Deutschland ist Schulerfolg in Frankreich weitgehend abhängig von den Einkommensverhältnissen und dem Ausbildungsniveau der Eltern. Die Einheitsschule von der 6. bis zur 10. Klasse (Collège unique), die 1975 mit egalitaristischem Anspruch in Frankreich eingeführt wurde, hat daran nichts geändert. So ist es kein Wunder, dass die Quote von Arbeiterkindern an den grandes écoles bei 10 Prozent stagniert, Akademikernachwuchs mit mehr als 60 Prozent jedoch überrepräsentiert ist.

          Der politische Angriff auf die „grandes écoles“ geht einher mit einem Reformschub an den lange vernachlässigten Massenuniversitäten. Seit Jahresbeginn sind 51 der insgesamt 83 Universitäten in die Autonomie entlassen worden. Das bedeutet, dass diese Hochschulen über ihre Finanzmittel, ihr Lehrpersonal und ihre Räumlichkeiten künftig eigenständig verfügen. Ein Großteil der angekündigten Staatsanleihe, insgesamt 35 Milliarden Euro, ist für die Universitäten reserviert, die Sarkozy in „die besten Universitäten der Welt“ verwandeln will. Sarkozys Exzellenzinitiative sieht auch vor, die Segregation zwischen Universitäten und grandes écoles aufzuheben. Sie sollen künftig stärker zusammenarbeiten und Personal und Ressourcen teilen. Präsident Sarkozy will die grandes écoles dazu verpflichten, sozialen Dünkel abzulegen. Der frühere Bildungsminister Luc Ferry von der Präsidentenpartei UMP zählt zu den wenigen Anwälten der Eliteschmieden. „Die grandes écoles werden gehasst, darum will man sie zerstören. Dabei sind sie die einzigen Institutionen unseres Bildungssystems, die noch einigermaßen funktionieren“, sagte er im Fernsehen.

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