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Frankreich : Die verhassten Eliteschulen

Als besonders entschiedener Verfechter der „sozialen Öffnung“ tat sich Richard Descoings hervor, der das Institut des Etudes Politiques in Paris (Sciences Po) leitet, das nicht der CGE angehört. Descoings kritisierte die „Verteidigung von Privilegien, die sozial bevorzugten Gruppen zugute kommen“. Der Direktor verweist auf die an Sciences Po 2001 eingeführten Sonderaufnahmeverfahren für besonders gute Abiturienten von Partnerschulen in sozial benachteiligten Wohngebieten, den „prioritären Erziehungszonen“ (Zep). Seit 2001 wurden 600 sozial benachteiligte Studenten aufgenommen, inzwischen gibt es 74 Zep-Partnerschulen. Die Mehrheit der grandes écoles setzt jedoch lieber darauf, lange vor der Aufnahmeprüfung besonders talentierte Schüler mit Einwanderungshintergrund oder aus bildungsfernen Haushalten zu fördern und durch Tutorate auf die Prüfungen vorzubereiten. Etwa 120 der grandes écoles bieten solche Tutorenprogramme an, doch der damit erreichte Wandel ist langsamer als das von Sciences Po gewählte Verfahren.

Sarkozy spart sich, über das Versagen der Grundschule nachzudenken

Sarkozy aber ist ungeduldig, er will schnelle Ergebnisse. Er erspart sich damit, über das Versagen der Grundschule und der einheitlichen Mittelstufe nachzudenken, die Bildungschancen aller Kinder zu sichern. Nicht ganz zu unrecht hat der CGE-Präsident Tapie darauf hingewiesen, dass die „grandes écoles“ für Missstände im Bildungswesen verantwortlich gemacht werden, die weit früher, oftmals schon in der Maternelle (Vorschule) auftauchen. Ähnlich wie in Deutschland ist Schulerfolg in Frankreich weitgehend abhängig von den Einkommensverhältnissen und dem Ausbildungsniveau der Eltern. Die Einheitsschule von der 6. bis zur 10. Klasse (Collège unique), die 1975 mit egalitaristischem Anspruch in Frankreich eingeführt wurde, hat daran nichts geändert. So ist es kein Wunder, dass die Quote von Arbeiterkindern an den grandes écoles bei 10 Prozent stagniert, Akademikernachwuchs mit mehr als 60 Prozent jedoch überrepräsentiert ist.

Der politische Angriff auf die „grandes écoles“ geht einher mit einem Reformschub an den lange vernachlässigten Massenuniversitäten. Seit Jahresbeginn sind 51 der insgesamt 83 Universitäten in die Autonomie entlassen worden. Das bedeutet, dass diese Hochschulen über ihre Finanzmittel, ihr Lehrpersonal und ihre Räumlichkeiten künftig eigenständig verfügen. Ein Großteil der angekündigten Staatsanleihe, insgesamt 35 Milliarden Euro, ist für die Universitäten reserviert, die Sarkozy in „die besten Universitäten der Welt“ verwandeln will. Sarkozys Exzellenzinitiative sieht auch vor, die Segregation zwischen Universitäten und grandes écoles aufzuheben. Sie sollen künftig stärker zusammenarbeiten und Personal und Ressourcen teilen. Präsident Sarkozy will die grandes écoles dazu verpflichten, sozialen Dünkel abzulegen. Der frühere Bildungsminister Luc Ferry von der Präsidentenpartei UMP zählt zu den wenigen Anwälten der Eliteschmieden. „Die grandes écoles werden gehasst, darum will man sie zerstören. Dabei sind sie die einzigen Institutionen unseres Bildungssystems, die noch einigermaßen funktionieren“, sagte er im Fernsehen.

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