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Medizinstudium : Keiner kann mehr forschen

  • -Aktualisiert am

Studenten forschend im Labor: Ein seltener Anblick im derzeitigen Curriculum des Medizinstudiums. Bild: Picture-Alliance

Kaum ein Absolvent der Medizin weiß noch, wie wissenschaftliches Arbeiten geht. Gutachter fordern, dass es wieder vermehrt gelehrt wird. Doch den Unis fehlt dafür das Geld - und vielen Studenten die Lust.

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          Nach einem wie Tom Völler muss man unter Medizinstudenten lange suchen: Für seine Doktorarbeit forscht der angehende Humanmediziner zurzeit über das Thema bildgebende Früherkennungsmethoden, um Entzündungen im Körper schneller sichtbar zu machen. „Ich erforsche medizinische Grundlagen“, sagt Völler. „Diesen Aufwand betreiben nicht alle Medizinstudenten in ihrer Doktorarbeit.“ Was für Doktoranden anderer Disziplinen, wie etwa der Chemie oder der Ingenieurwissenschaften, ganz selbstverständlich ist, bleibt unter Medizinstudenten häufig die Ausnahme.

          Viele angehende Ärzte werten etwa ein halbes Jahr Patientenakten aus oder machen ähnliche Archivarbeit. Das war es dann. Auch dafür erhalten sie den Doktortitel. Vor wenigen Monaten verfasste der Wissenschaftsrat, das akademische Beratungsgremium von Bund und Ländern, ein Empfehlungsschreiben für die Weiterentwicklung des Medizinstudiums.

          Die Empfehlungen lassen nur einen Schluss zu: Die Mehrheit der Medizinstudenten in Deutschland hat nie richtig geforscht und weiß deshalb oft zu wenig über das wissenschaftliche Arbeiten. Die meisten Jungärzte gehen als behandelnde Ärzte in Krankenhäuser, wo sie maximal klinische Studien an Patienten betreiben, oder sie lassen sich mit einer Praxis nieder, forschen also gar nicht mehr. Doch auch dann müssten praktizierende Mediziner wissen, wie wissenschaftliche Arbeit funktioniere, meint der Wissenschaftsrat. Denn Behandlungsmethoden werden immer komplexer, es werde immer wichtiger, auch die Wissenschaft dahinter zu verstehen.

          Exzellente Mediziner, miese Forscher

          Das zweite Problem ist ein praktisches: Es fehlt an forschenden Ärzten. Genaue Zahlen gibt es keine, einen Anhaltspunkt bietet eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Allensbach im Auftrag der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung aus dem vergangenen Jahr: 64 Prozent der befragten forschenden Mediziner bewerteten die Bedingungen, hierzulande gute Nachwuchswissenschaftler zu rekrutieren, als schlecht. Der Wissenschaftsrat fordert: Schon während des Studiums sollen wissenschaftliche Grundlagen in ausführlichen Methodikkursen gelehrt werden, um Medizinstudenten frühzeitig das Forschen zu lehren.

          Michael Schäfers, Ko-Koordinator des Exzellenz-Forschungsclusters „Cells in Motion“ an der Universität Münster, spürt den Mangel an Medizinern, die Grundlagenforschung betreiben, bei seiner täglichen Arbeit: Nur drei der 60 Forscher in seiner Einrichtung sind Ärzte - er selbst eingeschlossen. Biologen machen die Mehrheit in dem Exzellenz-Cluster aus. Sie sind es, die auch anderswo oft medizinische Grundlagenforschung betreiben.

          „Diese Kollegen sind exzellente Forscher“, beteuert Schäfers. „Doch viele nähern sich Forschungsprojekten eher von der naturwissenschaftlichen Seite, nicht von der medizinischen.“ Das hat Folgen für die Ausgestaltung der Wissenschaft. Biologen untersuchen zum Beispiel die Zellstruktur von Krankheitserregern. Mediziner hingegen interessieren sich eher für die Wirkung der Krankheit auf den Menschen. Schäfers ist sicher: Gäbe es mehr Mediziner in der medizinischen Grundlagenforschung, dann stünden klinische Herausforderungen stärker im Zentrum. Genau das sei schließlich die Aufgabe der Medizin.

          Keine Ahnung von wissenschaftlichen Experimenten

          Damit Mediziner künftig das wissenschaftliche Arbeiten schon im Studium erlernen, könnte jeder Student drei Monate lang eine eigene wissenschaftliche Arbeit anfertigen, bevor er seine Doktorarbeit schreibt. So stellt es sich jedenfalls der Wissenschaftsrat vor. Bisher ist das Gegenteil der Fall: Das Studium ist äußerst verschult, Auswendiglernen an der Tagesordnung, Mediziner legen Prüfungen ab, indem sie Multiple-Choice-Fragen ankreuzen.

          Wenn ein Mediziner mit der Doktorarbeit beginnt, hat er häufig keine Ahnung, wie man überhaupt wissenschaftliche Experimente durchführt. Das heißt aber nicht, dass es gar keine Mediziner gibt, die das Forschen lernen. Diejenigen, die es gibt, bekommen das Rüstzeug allerdings in sogenannten Promotionskollegs beigebracht, die es nicht an jeder Universität gibt. Auch der Münsteraner Doktorand Tom Völler hat sich im vergangenen Jahr bei einer solchen Elitenförderung beworben, dem Programm „MedK“ an seiner Universität Münster.

          Die Uni fördert in dem Kolleg für Mediziner jedes Jahr 50 angehende Doktoranden, die Interesse an wissenschaftlicher Forschung haben. MedK-Studenten nehmen sich für die medizinische Doktorarbeit ein halbes Jahr Auszeit vom Studium und bekommen im Kolleg eine Sonderausbildung in wissenschaftlichem Arbeiten für Mediziner - inklusive enger Betreuung vom Doktorvater.

          Der forschende Mediziner darf nicht sterben!

          Ansonsten, sagt Doktorand Völler, lernten Mediziner im Studium nur Studienergebnisse und Behandlungsleitlinien auswendig. „Über die Inhalte oder den Aufbau von Studien zu diskutieren, das ist nur sehr selten Teil des Studiums.“ Völler ist froh, dass er diesen kritischen Blick nun im MedK übt. „Alle angehenden Ärzte sollten lernen, Studien kritisch einzuordnen“, meint Völler. Etwa in Form von Debattierrunden über wissenschaftliche Publikationen. Promotions-Kollegs für Mediziner sind in Deutschland noch eine recht junge Einrichtung.

          Die „Junior Scientific Masterclass“ ist ein Angebot der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg und zählt zu den ersten Kollegs in Deutschland. Sie wurde vor 13 Jahren nach niederländischem Vorbild von der Universität Groningen übernommen. Das Ziel des Mannheimer Kollegs: Es soll unter den Studenten die tauglichsten Medizin-Forscher identifizieren und ihr Interesse an der Forschung wachhalten. Zugang bekommen nur die besten zehn Prozent eines Jahrgangs. „Wir wollen verhindern, dass der forschende Mediziner ausstirbt“, sagt Hans-Peter Hammes, Leiter der Masterclass. „Sonst verlieren wir die besten Wissenschaftler wegen der fehlenden Attraktivität, klinischer Forscher zu werden.“

          Aber deshalb Lerninhalte wie in seiner Masterclass gleich allen Medizinstudenten angedeihen zu lassen, wie es der Wissenschaftsrat fordert, das sieht Hammes kritisch: „Dazu fehlt es den Universitäten an finanziellen Mitteln.“ Er sieht die Promotionskollegs als derzeit einzigen Weg, Mediziner in die Forschung zu bringen. „Im Kolleg können Professoren ihre Doktoranden intensiv betreuen.“ Für alle Doktoranwärter in der Medizin gehe das nicht. Denn viele Doktorväter nähmen sich schlichtweg nicht genug Zeit, ihren Zöglingen das wissenschaftliche Arbeiten richtig beizubringen.

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