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Forschung : Gutes Klima für Katastrophen

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Bild: F.A.Z. - Tresckow

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Katastrophen war in Deutschland lange Zeit wenig populär. Inzwischen aber hat sich der Wind gedreht: Beispiele aus Kiel und Bonn zeigen, wie die Hochschulen heute mit dem Thema umgehen.

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          In der Katastrophensoziologie in Kiel sieht es nicht gerade nach Katastrophe aus. Die Kaffeemaschine für die Mitarbeiter des Instituts ist mit wohlportionierten Kaffeepatronen zum Aufbrühen ausgerüstet, Menschheitsprobleme sind fein säuberlich in roten und grünen Plastikordnern verpackt und sorgfältig etikettiert: BSE, Landminen, Kurdenhilfe. Es ist still. "Manchmal ist kaum was los", sagt Robert Klein, ehemaliger Soziologiestudent der Universität und freier Mitarbeiter an der dort angesiedelten Katastrophenforschungsstelle (KFS). Auf dem Computerbildschirm neben dem Fenster flimmert die Homepage des Bundesamtes für Strahlenschutz, an der er gerade arbeitet. "Aber wenn etwas passiert, dann klingelt die ganze Zeit das Telefon", sagt der 28-Jährige. Bei der Vogelgrippe sei das zum Beispiel der Fall gewesen. Auch nach dem 11. September 2001 stiegen die Anfragen deutlich an.

          Dabei sind Terroranschläge nach der Definition von Wolf Dombrowsky, dem Leiter der KFS, eigentlich gar keine Katastrophen. "Eine Katastrophe ist ein ungeplanter und ungewollter Schaden", erklärt er. Das könne man bei einem terroristischen Akt zumindest seitens der Attentäter nicht behaupten. Katastrophen seien Situationen, in denen die Kontrolle verlorengehe. "Das Wesen einer Katastrophe ist es, die Allmacht des Menschen zu widerlegen", sagt Dombrowsky.

          Kiel ist Vorreiter

          Die KFS war als erste Einrichtung ihrer Art Vorreiterin der Katastrophenforschung in Deutschland. 1972 wurde sie auf Betreiben des Bundesinnenministeriums gegründet. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen wissenschaftliche Projekte. Auftraggeber sind verschiedene Unternehmen, das Deutsche Rote Kreuz, die Feuerwehr und die Bundesministerien für Inneres und Umwelt. Außerdem pflegt die KFS mit dem Kieler Innenministerium eine enge Zusammenarbeit und bietet mit ihren sieben Mitarbeitern Lehrveranstaltungen für die rund 350 Kieler Soziologiestudenten an. 20 Prozent von ihnen machten laut Dombrowsky ihren Abschluss in seinem Fachgebiet.

          Das Besondere an der Kieler Katastrophenforschung sei der soziologische Blickwinkel: "Welle ist Welle. Aber die Frage ist doch, was den Tsunami zur Katastrophe gemacht hat", sagt Dombrowsky. "Wieso kamen die Menschen nicht aus der Gefahrenzone, wieso hatte man sie nicht vorher auf so eine mögliche Situation angemessen vorbereitet?" Im Gegensatz zu eher naturwissenschaftlichen Betrachtungsweisen konzentriert man sich an der KFS auf das Verhalten der Menschen. Und das ist nach Dombrowskys Ausführungen bitter nötig. Klimaprobleme, die sich zu einer weltweiten Katastrophe summieren könnten, neue Seuchen, Nervenkrankheiten oder drohende Wasserknappheit für einen Großteil der Weltbevölkerung - die Prognosen sind düster. "Wir in Kiel begreifen uns als ein Think Tank für die nächsten 50 Jahre", beschreibt Dombrowsky den eigenen Anspruch.

          In der Vergangenheit hat sich das Interesse an der Katastrophenforschung in Deutschland dagegen nur langsam entwickelt. So dauerte es volle 19 Jahre, bis das Land Schleswig-Holstein die Kosten für die Stelle des Leiters der KFS an der Kieler Christian-Albrechts-Universität übernahm. Vorher wurde die Arbeit ausschließlich durch Drittmittel finanziert. Auch heute machen diese noch 80 Prozent des Budgets aus. Dombrowsky hat dafür eine Erklärung: "In Deutschland passiert ja nichts." Die Ausmaße eines Tsunamis oder eines Erdbebens mit Tausenden Obdachlosen seien schließlich nicht zu vergleichen mit einem Verkehrsunfall. "Das sind völlig andere Dimensionen", findet er.

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