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Forschungsgelder : Klinkenputzen für den Bachelor

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Lesen, plaudern, dösen? Erfurter Studenten untersuchten das Verhalten in Wartezimmern - und mussten auch dafür Drittmittel auftreiben. Bild: dapd

Forschungsmittel gehen nicht nur Universitäten und Professoren etwas an. Auch Studenten müssen sie manchmal dringend auftreiben - allerdings zeigt ihnen keiner, wie das geht.

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          Wer eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen will oder eines Tages vielleicht sogar einen Lehrstuhl leiten möchte, der muss nicht nur Vollblut-Wissenschaftler sein. Auch reicht es nicht, Fachpresse und Scientific Community mit relevanten Forschungsergebnissen zu begeistern. Ein Wissenschaftler sollte im Laufe seiner Karriere am besten Hunderttausende Euro, oft sogar Millionen, an Forschungsgeldern an Land gezogen haben. Denn für Besetzungskommissionen, die einen Lehrstuhlnachfolger suchen, gehört die Höhe der Fördergelder stets zu einem wichtigen Auswahlkriterium. Doch ein Antrag auf Forschungsgelder, das wissen Professoren und Post-Docs nur allzu gut, schreibt sich nicht von selbst. Ein Wissenschaftler muss sein Thema sehr gut verkaufen können, damit etwa die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Fördereinrichtungen der EU, Industrieunternehmen oder Wissenschaftsstiftungen wie die Volkswagen Stiftung ihre Schatullen öffnen.

          Eine Garantie, dass ein Antrag, in dem Wochen oder Monate an Arbeit stecken, angenommen wird, gibt es natürlich nicht. Experten sagen, es sei vor allem die Erfahrung, die es Wissenschaftlern erleichtert, sich präzise auszudrücken und auf Anhieb die Informationen zu liefern, die Geldgeber sehen wollen. Das Problem: Kaum ein Studium zeigt Studenten, wie das geht. Während sie das Fachliche pauken und fürs akademische Schreiben an vielen Unis mittlerweile sogar spezielle Schreibschulen besuchen können, lässt sie beim Aufspüren und Anzapfen von Fördergeldern niemand Erfahrung sammeln. Das Thema sei zu speziell, heißt es dazu etwa aus der Graduiertenakademie einer deutschen Universität. Nur ein geringer Prozentsatz der Studenten widme sich schließlich später einmal der Forschung. Diejenigen, die es doch tun, stehen deshalb oft allein da. Mit anderen Worten: Studenten hat keiner auf der Rechnung.

          Zugegeben, einen Antrag auf Forschungsgelder zu formulieren gehört nicht gerade zum Standardrepertoire der meisten Studenten. Die DFG lässt auf Anfrage wissen, dass laut ihren Statuten ohnehin erst Wissenschaftler einen Antrag stellen dürfen, sprich: Der Antragsteller muss mindestens schon Doktorand sein. Studenten kann es höchstens passieren, dass ein Professor oder Doktorand sie an einem DFG-geförderten Forschungsprojekt mitarbeiten lässt - oder dass sie gemeinsam mit ihrem Betreuer einen Antrag schreiben. Dabei dürfte der professionelle Umgang mit Fördergeld auch für Studenten zunehmend wichtiger werden.

          Die Finanzierung selbst in die Hand nehmen

          Immer mehr Doktor-Aspiranten müssen nämlich ihre Finanzierung selbst in die Hand nehmen, also ihren gesamten Forschungsantrag schreiben - den der zukünftige Doktorvater dann nur noch überarbeitet und abschickt. Viele Professoren haben aber gar nicht mehr die Zeit dafür. Oder sie lassen die Finger davon, weil sie dann mehr Doktoranden betreuen können. Und selbst wenn der Professor zu diesem Zeitpunkt noch selbst Hand anlegt, müssen Jung-Wissenschaftler spätestens als Doktorand allein Anträge schreiben. Manchmal gibt es dafür einen Leitfaden vom Institut, vielleicht auch Schützenhilfe vom Doktorvater. Mit viel Glück bietet der Career Service der Uni auch eine Fortbildung an. Doch das ist längst nicht überall der Fall. Ob Studenten hier vorankommen, ist also oft Glückssache.

          Eine der seltenen Ausnahmen ist die Fakultät für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt. Schon seit Jahren schließen dort Studenten ihr Bachelor-Studium mit einem gemeinsamen Forschungsprojekt ab - statt einfach nur eine 08/15-Bachelorarbeit zu verfassen. Am Ende der zwei Semester dauernden Projektstudienphase steht eine Bachelorarbeit, die so dick wie ein Buch ist. Und am Anfang des Projekts ist das Einwerben von Fördergeldern vorgesehen. „In der Projektstudienphase lernen unsere Studenten, dass Wissenschaft weit mehr ist als nur das Verfassen von Aufsätzen“, sagt Joachim Höflich, einer der zuständigen Professoren. Und deshalb müssen die Kommunikationswissenschaftler in Erfurt für ihren Bachelor-Abschluss praxisbezogene Probleme lösen: die Finanzierung etwa, die Versuchsplanung und die Selbstorganisation eines wissenschaftlichen Teams. Dazu müssen alle Forschungsgruppen extra eine Gesellschaft des bürgerlichen Rechts gründen. Einzelne führen auch Strafkassen ein, in die Kommilitonen einzahlen müssen, die bei Treffen gefehlt haben.

          Die Gruppe der Erfurter Studentin Mara Hucke trifft sich regelmäßig donnerstags am Abend. Dann planen die sechs Studenten das weitere Vorgehen: Brauchen sie noch weitere finanzielle Mittel? Wann können sie ihre Untersuchungen durchführen? „Es ist eine ganz andere Nummer, als etwa eine Hausarbeit zu schreiben“, sagt Mara Hucke. Auch die Gruppendynamik müssen die Studenten selbst steuern: Sie und ihre Kommilitonen klären, wer die Mannschaft anführt, wer sich um die nötige Technik kümmert und wer Kontakte zu Projektpartnern knüpft.

          Daddeln? Oder ins Leere starren?

          Ihr Forschungsthema: Die Gruppe untersucht, was Patienten in Wartezimmern von Arztpraxen eigentlich treiben, wenn sie warten. Greifen sie zu „Gala“, „Bunte“, „Spiegel“ und anderen Magazinen? Daddeln sie am Smartphone, oder starren sie einfach ins Leere? Um das herauszufinden, setzen sich die Erfurter Studenten in Wartezimmer, beobachten, führen Interviews mit Wartenden, befragen Experten. „Die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen war begeistert von dem Projekt“, sagt Mara Hucke. „Sie ist unser erster Förderer.“ Glück gehörte allerdings dazu: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung gibt bereits ein eigenes Wartezimmer-Magazin heraus. Wie Patienten ihre Zeit im Wartezimmer verbringen, interessierte die Ärztevertreter also.

          In Erfurt geht es zwar nicht um Millionenbeträge. Geldgeber von Erfurter Studenten der Kommunikationswissenschaft sind in der Regel kleine Verbände, Marktforschungsinstitute oder Privatunternehmen. Aber trotzdem müssen die Studenten die Mittel professionell einwerben: „Wir müssen dem Projektpartner ein Ergebnis liefern und ihn mit Zwischenberichten auf dem Laufenden halten“, sagt Mara Hucke. Ihre Gruppe braucht 1000 Euro als Projektgeld - vielleicht noch etwas mehr, falls sie sich entscheiden sollten, einen Tablet-PC in einem Wartezimmer aufzustellen. Ihre Betreuer lassen den Studenten weitgehend freie Hand. „Wir wollen nur vermeiden, dass unsere Studenten Hilfspersonal einstellen“, sagt Professor Höflich. „Damit hätte ich ein ernsthaftes Problem, weil es ja immer noch um eine Prüfungsleistung geht.“

          Und es gibt noch eine weitere Schwierigkeit: Anders als eine Berufungskommission für Professuren, bei der die Höhe der eingeholten Fördergelder ein wichtiges Bewertungskriterium ist, dürfen sich die Betreuer in Erfurt nicht vom finanziellen Erfolg der einzelnen Gruppen blenden lassen. „Im Mittelpunkt soll immer noch die inhaltliche Leistung stehen“, sagt Höflich. Das ist allerdings nicht immer leicht: Gerät eine Gruppe in ihrer Projektstudienphase bei der Akquise von Geldern ins Stocken, verzögert sich das Projekt enorm. Das ist zwar im richtigen Leben genauso, aber wegen des nahenden Studienabschlusses nimmt der Druck für die Gruppe in so einem Fall enorm zu. Studentin Mara Hucke weiß von einer anderen Projektgruppe, die zwar eine schöne Idee hat - die bisher aber niemand fördern will.

          Oft auf das Wohlwollen der Uni angewiesen

          Es fehlt wohl einfach an Routine: Denn auch die Bewerbung für Stipendien, die es für Studenten zu Hunderten gibt, lässt sich nicht mit dem Schreiben eines Forschungsantrags vergleichen. Nahezu alle Stipendien fördern die Person, also die monatlichen Lebenshaltungskosten, oder sie leisten einen Beitrag zu Reisekosten.

          Auch die Stiftung Industrieforschung vergibt regelmäßig Stipendien an Jungwissenschaftler, die ihre Masterarbeit schreiben. Als Drittmittel will Stiftungsvorstand Rainer Lüdtke sein Stipendium allerdings nicht verstanden wissen. „So haben wir das noch nie gesehen“, sagt er. „Wir geben das Stipendium vor allem, damit unsere Stipendiaten genügend Freiraum haben, um ihre Arbeit zu schreiben und gute Qualität abliefern können.“ Gefördert werde der exzellente Forscher und das Forschungsvorhaben. Stipendien wie dieses könnten also durchaus eine kleine Übung auf dem Weg zum DFG-Antrag sein. Nur: Die Stiftung wünscht, dass der Betreuer der Arbeit das Stipendium beantragt - nicht der Student. Der ist also wieder außen vor.

          Wer für seine Arbeit eine teure Maschine braucht, neue Hardware oder ein professionelles Computerprogramm, der kommt so also auch nicht weiter. Er ist auf das Wohlwollen seiner Uni angewiesen. Oder er muss selbst einen Geldgeber, etwa ein Unternehmen, für sich gewinnen. Wie das geht, zeigt ihm allerdings keiner.

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