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Studenten-Spezial : Wer soll das bezahlen?

Budgetzwänge: In Kühlschränken von Studenten-WGs wird knapp kalkuliert. Bild: ddp Images

Etwa 700 Euro monatlich brauchen Studenten zum Leben. Mögliche Quellen: Mama und Papa, ein Nebenjob, das Bafög oder eine Bank. Da heißt es, gut jonglieren und knapp kalkulieren. Wir zeigen, wie.

          3 Min.

          Aylin wird am Ende ihres Masterstudiums rund 10.000 Euro Schulden haben. Weil sie die Regelstudienzeit überschritten hat, bekam sie kein Bafög mehr und musste einen Studienkredit aufnehmen. Würde ihr Vater nicht ihre Miete übernehmen, sagt sie, wären es 30 000 Euro. Die Sechsundzwanzigjährige studiert Umweltschutz an der Hochschule Nürtingen-Geislingen. „Wenn die Eltern einen nicht unterstützen können, hat man echt finanzielle Probleme“, sagt sie.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Denn selbst wenn das Essen aus der Mensa oder dem Tiefkühlregal kommt und man im Wohnheim oder einer WG wohnt statt in einer Einzimmerwohnung: studieren kostet Geld. Um die 700 Euro monatlich brauchen Studenten im Schnitt zum Leben.



          Lohnt sich die Büffelei?
          Wer soll das
          bezahlen?
          Hab' ich
          genug Geld?
          Welche Uni?
          Welches Studium?
          Wo studieren?
          Ohne Abi
          studieren?


          Wenn die Eltern dazu finanziell in der Lage sind, müssen sie ihren Kindern während der Ausbildung diese Summe oder zumindest einen Teil davon bezahlen. Tatsächlich werden rund 90 Prozent der Studierenden von ihren Eltern unterstützt. Für die Studierenden, deren Eltern wie die von Aylin nichts oder wenig für ihr Studium bezahlen können, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Aylin hat mit Nebenjob, Bafög und Studienkredit die wichtigsten ausprobiert.

          Ein irrsinniger bürokratischer Aufwand

          Die Ausbildungsförderung Bafög erhält rund ein Viertel der Studierenden in Deutschland. Bis zum 30. Lebensjahr können Studenten Anträge stellen, Masterstudenten sogar bis zum 35. Der aktuelle Höchstsatz liegt bei 670 Euro. Vom Herbst 2016 an wird er auf 735 Euro erhöht, weil die Lebenserhaltungskosten in den vergangenen Jahren gestiegen sind. Das ergab der Bafög-Bericht von 2014. Wie viel Geld ein Student bekommt, hängt vor allem vom Einkommen der Eltern ab. Auch das Vermögen des Studenten und die Geschwisterzahl spielen eine Rolle. Der Vorteil an Bafög: Die Hälfte der Summe gibt es geschenkt. Die andere Hälfte muss innerhalb von zwanzig Jahren nach Studienende zurückgezahlt werden - ohne Zinsen.

          Einer der Nachteile ist der mit den Anträgen verbundene bürokratische Aufwand. Die Formulare waren völlig unverständlich, sagt Aylin: „Ich hatte gerade mein Abi gemacht, aber war nicht in der Lage, die auszufüllen.“ Unter anderem musste sie Konten, Sparbücher, Bausparverträge und Ersparnisse der Eltern auflisten. Ihr Vater spricht nur wenig Deutsch und konnte ihr nicht helfen. Weil mehrfach irgendein Dokument fehlte, verzögerte sich die erste Zahlung um Monate. Als sie dann die Regelstudienzeit überschritt, wurde ihr die Förderung gestrichen.

          Das macht sie wütend, denn ihre Begründung, warum sie die Regelstudienzeit überschritten hat, liest sich quasi identisch mit der einer Kommilitonin, deren Antrag auf weitere Zahlungen angenommen wurde. Als Aylin daraufhin mit beiden Begründungen zum Amt ging, sei sie weggeschickt worden. Dass es oftmals mehr auf den Sachbearbeiter als die Umstände ankommt: diese Erfahrung hat auch Agnieszka gemacht. Sie ist 32 Jahre alt, studiert Fotojournalismus in Hannover, und wie Aylin will sie ihren Nachnamen ungern in der Zeitung lesen.

          Bafög sollte die erste Wahl sein

          Als ihre Sachbearbeiterin wechselte, erhielt auch sie plötzlich kein Bafög mehr. Zuvor sei es kein Problem gewesen, dass sie keinen Kontakt zu ihrem Vater hat, der in Polen lebt und deshalb auch nicht nachweisen konnte, wie viel Geld er verdient. Dann sei es plötzlich ein Grund gewesen, nicht mehr zu zahlen. Sie klagte gegen den Beschluss und verlor. Später erhielt sie dann doch wieder Bafög. Als sie ein bezahltes Praktikum über ein halbes Jahr machte, sollte sie das Bafög fürs ganze Jahr zurückzahlen. „Für die Zeit des Praktikums hätte ich das ja verstanden“, sagt sie. „Aber nicht für das gesamte Jahr.“ Sie reichte eine zweite Klage ein, die sie verlor.

          Auch wenn einige Studierende schlechte Erfahrungen mit Sachbearbeitern machen: Bafög sollte die erste Wahl bei der Studienfinanzierung sein, sagt Nicolai Preuße, Rechtsanwalt und Referatsleiter Studienfinanzierung des Deutschen Studentenwerks. Von Krediten rät Preuße hingegen ab. „Wenn Sie Ihr ganzes Studium so finanzieren, droht eine Schuldenfalle.“ Für ein Auslandssemester oder eine konkrete Anschaffung wie ein neues Laptop könne man einen Kredit aber durchaus in Betracht ziehen. Auch gegen Ende des Studiums entschieden sich einige Studierende, ihren Nebenjob aufzugeben und einen Kredit aufzunehmen, um sich ganz auf die Abschlussprüfungen konzentrieren zu können.

          So auch Aylin. Sie erhält inzwischen monatlich Geld von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Der KfW-Studienkredit ist der am häufigsten vergebene Studienkredit: 4 Prozent der Studierenden beziehen ihn. Zwischen 100 und 650 Euro monatlich können Studenten von der KfW erhalten. Der Vorteil: Die Summe richtet sich nicht nach dem Einkommen der Eltern und auch nicht danach, ob der Student in der Regelstudienzeit liegt wie beim Bafög. Der Nachteil: Bis zum Ende des Studiums können sich bis zu 54.600 Euro Schulden anhäufen. Und es werden, anders als beim Bafög, Zinsen fällig. Derzeit betragen diese 3,91 Prozent. Neben der KfW bieten unzählige andere Banken und Sparkassen Studienkredite an. Ein Vergleich der Anbieter kann sich durchaus lohnen. Denn der KfW-Kredit ist nicht für alle Studenten der günstigste. Und er wird nur fürs Studium in Deutschland vergeben, nicht etwa für einen Master im Ausland. Aylin sagt, sie möge es nicht, Schulden zu haben. Aber zumindest musste sie bloß ein Formular ausfüllen, es bei der Bank abgeben, und zwei Wochen später war das Geld auf ihrem Konto.

          Informationen zum Bafög gibt es unter bafoeg-bmbf.de; auf bafoeg-rechner.de können Studenten ihren Anspruch berechnen.

          Auf studienkredit.de können Interessenten die Angebote von mehr als 80 Anbietern vergleichen.

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