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Vergleichbare Bildungsabschlüsse : Eurydice, hilf!

Was zählt „Ammatillinen perustutkinto”, was „Záróvizsga”? Bild: fotolia.com

Die Zeugnisse und Abschlüsse von 32 europäischen Staaten sollen künftig in ein gemeinsames Raster passen. Fachkräfte sollen mobiler werden, doch die Gewerkschaften fürchten das Ende der dualen Berufsbildung.

          2 Min.

          Das klingt wie eine Zauberformel, wie der Name einer Märchenfee, wie ein großes Geheimnis: Ammatillinen perustutkinto. Finnische Bewerber schreiben diese schönen Worte in ihre Lebensläufe, es bezeichnet in ihrer vokalreichen Sprache den Abschluss nach einer dreijährigen Ausbildung im berufsbildenden Sekundarbereich II.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Rest des Kontinents allerdings, das befürchten die Bildungsminister aus 32 europäischen Staaten, versteht beim Lesen dieser zehn glitzernden Silben höchstens Bahnhof. Deshalb haben sie sich nach einem drei Jahre dauernden Konsultationsprozess jetzt auf den „Europäischen Qualitätsrahmen für lebenslanges Lernen“ geeinigt, kurz und unverzaubert: EQR.

          Acht Bildungsniveaus beschrieben

          „Damit ist ein wichtiger Schritt getan, um innerhalb der Europäischen Union die Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen der Menschen zuverlässig vergleichen zu können“, lobt Bundesbildungsministerin Annette Schavan den Entschluss. „Fachkräfte werden es so künftig leichter haben, ihre Chancen im gesamten europäischen Arbeitsmarkt wahrzunehmen.“ Konkret haben die Bildungsexperten acht Bildungsniveaus beschrieben, auf die sich künftig alle Abschlüsse beziehen sollen. Von 2012 an soll sich jedes in Europa ausgestellte Zeugnis einer dieser acht Stufen zuordnen lassen: von der Pflichtschule ohne Abschluss auf Niveau 1 bis zum Doktor-Niveau 8.

          Aus „Ammatillinen perustutkinto“ wird so vermutlich ein schnödes „EQR Niveau 4“. Was darunter zu verstehen ist, beschreibt die Tabelle aus Brüssel so: „Theorie- und Faktenwissen in einem Arbeits- oder Lernbereich“, „kognitive und praktische Fertigkeiten, um Lösungen für spezielle Probleme in einem Arbeits- oder Lernbereich zu finden“, „selbständiges Tätigwerden innerhalb der Handlungsparameter von in der Regel bekannten Arbeits- oder Lernkontexten“, „Beaufsichtigung der Routinearbeit anderer Personen“. Dabei soll es ausdrücklich nicht nur um formale Bildungsabschlüsse, sondern um die Lernergebnisse gehen. In Deutschland ermitteln nun eine gemeinsame Arbeitsgruppe von Bund und Ländern und ein Arbeitskreis DQR (Deutscher Qualifikationsrahmen), wie sich die Aus- und Weiterbildungswege in das Raster einpassen lassen.

          Verdi und IG Metall sehen das Duale System in Gefahr

          Alarm schlagen ob dieser Entwicklung nicht nur Sprachmagier, die am finnischen Ammatillinen perustutkinto genauso wie am ungarischen Záróvizsga hängen (vermutlich Niveau 6 oder 7) und all den anderen schillernden Termini – ein Glossar des Bildungsnetzwerks Eurydice führt 1000 von ihnen. Die Gewerkschaften treibt ganz anderes um: Ein Gutachten, das Verdi und IG Metall bei der Münchener Soziologin Ingrid Drexler in Auftrag gegeben haben, kommt zu dem Schluss, „dass das System mit großer Wahrscheinlichkeit das Duale System eliminieren“ wird.

          Damit, so argumentieren die Gewerkschaften, wird sich der Staat immer weiter aus der Bildung zurückziehen und sie privaten Unternehmen überlassen. Die nur an festgelegten Lernergebnissen, nicht aber an der Form ihrer Vermittlung interessierte Modularisierung der Aus- und Weiterbildung, ihre Aufspaltung in Lern-Niveaus und Unterrichts-Units gehorche ganz den Gesetzen dieses Marktes.

          Steckt hinter diesen Befürchtungen eine fixe Verschwörungstheorie oder eine begründete Sorge? Von beidem etwas, wie so oft. Hinter EQR aber, so viel scheint sicher, steckt ein kräftiger Überschuss an europäischer Kategorisierungs-Energie. Schließlich vergibt schon das erwähnte Eurydice-Wörterbuch für jeden seiner mehr als 1000 Einträge eine Stufe von 0 bis 7 und folgt damit der Internationalen Standardklassifikation für das Bildungswesen der Unesco. Die gibt es schon seit 1997, und Ammatillinen perustutkinto rangiert darin auf Stufe 3.

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