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Englische Privatschulen : Ab ins Internat!

Harrow: Der Strohhut ist für die Zöglinge Pflicht. Bild: © Martin Parr/MAGNUM PHOTOS

Tradition und eiserne Disziplin, das kommt offenbar an bei der ausländischen Kundschaft: Deutsche Schüler stürmen die britischen Privatschulen. Dahinter steckt Bildungspanik.

          9 Min.

          Der Schuldirektor empfängt im Musiksalon. In der Ecke des weitläufigen Raumes steht ein schwarzer Konzertflügel, und das Instrument ist kein Ziergegenstand. Der Deckel über den Tasten ist aufgeklappt, auf dem Notenständer steht ein aufgeklapptes Buch mit Klavieretüden. Hier wird geübt. Durch die raumhohen Sprossenfenster sieht man in der Ferne die Hochhaustürme der Londoner City. „Churchill war oft hier in diesem Raum“, sagt Jim Hawkins. Er ist der Leiter des englischen Elite-Internats Harrow School und damit der Hüter von mehr als vier Jahrhunderten Bildungstradition.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Winston Churchill, der legendäre britische Weltkriegs-Premierminister, ist nur eine von vielen Berühmtheiten, die auf dem Internatshügel von Harrow, dieser Kaderschmiede der britischen Oberschicht, die Schulbank gedrückt haben. Insgesamt haben es bislang acht frühere Schüler von Harrow, einem Vorort im Norden von London, bis zum Regierungschef des Königreichs gebracht.

          Auch der Schauspieler Benedict Cumberbatch und der Popstar James Blunt sind Absolventen der im Jahr 1572 gegründeten Schule, in der traditionell nur Jungen ab einem Alter von 13 Jahren ausgebildet werden. Rektor Hawkins, ein Mann, der viel lächelt und druckreif redet, sitzt entspannt zurückgelehnt auf dem Sofa, die Beine übereinandergeschlagen. Ein Bild makelloser Eleganz im beigefarbenen Tweedsakko.

          Byron, Churchill, Cumberbatch, Blunt

          „Die Schule formt das ganze spätere Leben ihrer Schüler“, sagt Hawkins. Er zeigt auf das Ölgemälde über sich, das den britischen Dichterfürsten Lord Byron (1788- 1824) zeigt - ein weiterer berühmter Zögling von Harrow, und zwar einer der renitenteren: Byron zettelte während seiner Internatszeit einen militanten Schüleraufstand an und plante angeblich sogar, das Rektorat kurzerhand in die Luft zu sprengen. Eine Anekdote der Schulgeschichte, auf die Hawkins an dieser Stelle allerdings nicht eingeht. „Die Tradition gibt dieser Institution Selbstvertrauen und Inspiration“, sagt er stattdessen - und lächelt.

          Englische Internate: Welche für wen am besten sind zeigen wir in unserer Bildergalerie. Bilderstrecke

          Byron, Churchill, altehrwürdige Gemäuer, die aussehen wie Filmkulissen aus einem Harry-Potter-Abenteuer - man könnte glauben, Schulleiter Hawkins gebiete über ein Museum. Wenn die Schüler auf der kleinen High Street in Harrow unterwegs sind, müssen sie stets die nostalgischen flachen Strohhüte tragen, die Teil der Schuluniform sind. Sonst gibt’s Ärger mit dem Direktor. Besucher können auch heute noch die unscheinbare Ziegelsteinmauer auf dem Internatsgelände bewundern, an der im vorletzten Jahrhundert das Squash-Spiel erfunden wurde. Alles hier scheint viel mit dem Gestern und wenig mit heute zu tun zu haben.

          Doch der Eindruck täuscht. Tatsächlich ist Harrow Teil einer erstaunlich aktuellen Erfolgsgeschichte: Englands Internate sind im Zeitalter der Globalisierung zum Exportschlager geworden. Noch vor wenigen Jahrzehnten kämpften viele der betagten Bildungspaläste ums Überleben. Sie galten als Dinosaurier des Bildungssystems. Heute dagegen schicken Eltern aus der ganzen Welt ihre Kinder in die Klassenzimmer auf der Insel. Sie geben ein Vermögen für den Elitedrill in Privatschulen wie Harrow aus, wo ein Jahr umgerechnet rund 48.000 Euro kostet - und selbst der Besuch beim Friseur strikten Regeln unterliegt: Kurz, aber nicht zu kurz sollen die Haare der Internatsschüler sein.

          Deutsche zweitgrößte Gruppe unter ausländischen Schülern

          Tradition und eiserne Disziplin, das kommt offenbar an bei der ausländischen Kundschaft. Seit der Jahrtausendwende ist die Zahl der ausländischen Schüler an britischen Privatschulen um rund die Hälfte gestiegen. Und in kaum einem anderen Land steht Schulbildung „made in Britain“ zurzeit so hoch im Kurs wie in Deutschland. Deutsche Schüler sind die zweitgrößte Gruppe unter den ausländischen Zöglingen britischer Privatschulen. Das größte Schülerkontingent schickt - wer sonst? - natürlich Chinas aufstrebendes Bildungsbürgertum auf die Insel.

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