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Englische Privatschulen : Ab ins Internat!

So sieht Elite aus: Football in Harrow.

Vor allem aber hört in englischen Internaten die Schule nicht mit dem Ende des Unterrichts auf. Die Zöglinge werden von morgens bis abends darin bestärkt, sich zu engagieren und zu erproben. In Harrow haben die Schüler zum Beispiel die Auswahl zwischen 35 verschiedenen Sportarten, darunter auch der sogenannte Harrow Football - ein bevorzugt auf matschigen Wiesen ausgetragenes Ballspiel, bei dem die Teilnehmer gegen einen unförmigen schweren Lederklumpen treten. Der Außenwelt hat sich der Reiz dieses archaischen Sports offenkundig noch nicht erschlossen. Jedenfalls spielt außer den Schülern auf dem Internatshügel niemand sonst auf der Welt Harrow Football.

Natürlich dreht sich das Internatsleben nicht nur um obskure Randsportarten. Es gibt in Harrow Dutzende von Angeboten außerhalb des Schulunterrichts, von der „Cheese Society“ für jugendliche Käseliebhaber bis zur „Geopolitics Society“, in der über Außenpolitik debattiert wird. „Alles hier ist daran ausgerichtet, den Schülern ein möglichst stimulierendes Umfeld für ihre persönliche Entwicklung zu bieten“, erklärt Schuldirektor Hawkins das Konzept. Es gehe eben nicht nur darum, Lehrpläne abzuarbeiten. „Was wir den Schülern nahebringen möchten, ist die Wertschätzung von Bildung und Lernen um ihrer selbst willen.“

Erlösung aus der Mittelmäßigkeit

Für gute Schüler wiederum sei das Internat in England eine „Erlösung aus der Mittelmäßigkeit“ des deutschen Schulsystems, verspricht die Beraterin von Bülow und klagt über die „Aufblähung“ der Abiturientenquoten hierzulande. Sie kennt die Befürchtungen ihrer Kundschaft: „In Baden-Württemberg machen ja mittlerweile 60 Prozent der Schüler Abitur. Das Gymnasium ist die neue Gesamtschule“, sagt sie.

Eton: Schüler auf dem Weg zu ihren Klassenräumen.

Die Sorge um die Qualität der Schulbildung ihrer Kinder treibe heute viel mehr deutsche Eltern um als in früheren Generationen, sagt auch der Pädagogikprofessor Heiner Barz von der Universität Düsseldorf. Er deutet deshalb den Ansturm des deutschen Bürgertums auf die britischen Internate als ein Symptom dieser um sich greifenden Verunsicherung. „Ein großer Teil der deutschen Mittelschicht ist von einer regelrechten Bildungspanik erfasst“, sagt der Wissenschaftler.

Die Eltern sorgen sich, ihr Kind könnte mit einer Standard-Schullaufbahn an der Regelschule später im Wettbewerb um Lebenschancen, Erfolg und Karriere auf der Strecke bleiben. Der „Pisa-Schock“ und die Zweifel am verkorksten Experiment einer verkürzten Gymnasialzeit (G8) sitzen tief. Die Mittelschicht fürchtet das schulische Mittelmaß.

„Kinder sind nicht nur auf der Welt, um zu lernen“

Die wachsende Unzufriedenheit mit den staatlichen Schulen drückt sich auch in den Jahr für Jahr steigenden Schülerzahlen der deutschen Privatschulen aus - vom „kreativen Lernen“ an der Montessori-Schule bis zum Leistungsstreben an den sogenannten internationalen Schulen. Mittlerweile geht jeder elfte Schüler in Deutschland auf eine Privatschule.

Wandschießen mit 250 Jahren Tradition: Das „Wall Game“ in Eton.

Eine Voraussetzung dafür ist, dass der gewachsene materielle Wohlstand es mehr deutschen Familien ermöglicht, viel Geld in die Bildung zu investieren. Heiner Barz spricht von einer „Verbreiterung der Spitzenschulen“. Gemeint ist damit: Mittlerweile hat nicht mehr nur der Dax-Vorstand die Mittel, seine Kinder aufs private Internat - ob in Deutschland oder in Großbritannien - zu schicken. Auch viele seiner Untergebenen auf niedrigeren Hierarchieebenen können sich das leisten.

Der Pädagoge Barz sieht die neue deutsche Bildungswut durchaus kritisch. Dass schon im frühen Kindesalter Wert auf eine hohe Bildungsqualität gelegt werde, führe zu mancherlei Auswüchsen. Nachhilfeunterricht schon für Grundschüler, wie heute in vielen Familien üblich, habe es früher schlicht nicht gegeben. „Kinder sind nicht nur auf der Welt, um zu lernen“, kritisiert Barz. „Ein komplett durchgetakteter Tagesablauf raubt die Zeit zum spontanen Spielen. Das ist aber wichtig.“

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