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Eliten von morgen : Erst studieren, dann regieren

Vorbild für deutsche Elite-Schmieden: Die Kennedy School of Government Bild: AP

Schon seit 1936 bildet Harvard Manager für Politik und Wirtschaft aus. Die Hertie School in Berlin und die Uni Erfurt eifern dem Vorbild nach – doch die Unterschiede sind groß.

          5 Min.

          Der erste Eindruck täuscht nicht immer. Im Hauptgebäude der John F. Kennedy School of Government in Harvard erinnert kaum etwas an eine europäische Hochschule. Ein großes Porträt von John F. Kennedy illustriert den Leitgedanken der Graduiertenschule: „ask what you can do“ – frage dich, was du für dein Land tun kannst. Am Charles River werden hohe Ambitionen nicht versteckt, schon daran zeigt sich der amerikanische Charakter der Universität. An der Kennedy School redet niemand über Elite. Aber mancher Dozent lässt gern durchblicken, dass der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, Mexikos Präsident Felipe Calderón und der neue Weltbank-Präsident Robert Zoellick auch schon im Seminar saßen.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Peter Glotz kannte diese Atmosphäre aus eigener Anschauung. Der vor zwei Jahren gestorbene Bildungspolitiker träumte von einem „Harvard an der Gera“, als er 1996 sein Amt als Gründungsrektor der Universität Erfurt antrat. Eine Schule für Politik-Profis gehörte von Anfang an zu seinem Konzept. Als sich 2002 die ersten Studenten für das zweijährige „Master of Public Policy“-Programm einschrieben, war es das erste seiner Art in Deutschland. Den Standort fernab von den Zentren der Weltpolitik beschreibt Heike Grimm, die Direktorin der Erfurt School of Public Policy, als spannende Herausforderung: „Es ist nicht einfach hier, aber interessant.“ Die Ambitionen der Gründungsphase sind zu den Akten gelegt, die kleine Abteilung im Souterrain der staatswissenschaftlichen Fakultät – elf Dozenten machen den Kern des Lehrpersonals aus – hat sich ihre Nische gesucht: Besonders intensiv werden Osteuropa und Transformationsprozesse behandelt.

          Lernen im ehemaligen DDR-Machtzentrum

          Die Arbeitssprache in Erfurt ist Englisch – genauso wie an der Hertie School of Governance in Berlin. Die Kunst des Regierens sollen die Studenten hier lernen, verspricht die Broschüre. Auch hier wird ein „Master of Public Policy“ angeboten, auch hier sind besonders Studenten mit Berufserfahrung angesprochen. Das Projekt der Hertie-Stiftung machte sich zwar drei Jahre später als Erfurt auf die Spuren der Kennedy School, legt sich beim Streben nach Exklusivität aber deutlich stärker ins Zeug. Den repräsentativen Rahmen dafür bietet das frühere DDR-Staatsratsgebäude am Berliner Schlossplatz, die Visitenkarten der Studenten sind das passende Detail. Und Henrik Enderlein, der hier Wirtschaftswissenschaften lehrt, sagt sogar: „Die Studenten nehmen Harvard und Hertie inzwischen als Konkurrenten wahr. Das ist ein großer Erfolg.“

          Diesem Ruf folgen alle: der ehemalige iranische Präsident Mohammad Khatami

          Netzwerker statt Akademiker

          Die nackten Zahlen allerdings sprechen eine andere Sprache. Etwa 25 Millionen Euro Startkapital hatte die Hertie School, auf fast 25 Milliarden beläuft sich das Stiftungsvermögen von Harvard. An der Kennedy School forschen und lehren rund 130 Professoren, während die „Core Faculty“ in Berlin aus nur 13 Hochschullehrern besteht. Und der elfmonatige „Mid-Career Master of Public Administration“ ist sowohl das älteste Programm der 1936 gegründeten Kennedy School als auch ihr Aushängeschild. Der Ruf, die finanzielle Ausstattung und die Tradition locken hochkarätige Studenten. „Mindestens 50 Prozent des Lernens kommen im Kontakt mit euren Kommilitonen zustande“, kündigt der Direktor des Programms, Manuel Stefanakis, Neulingen gleich zur Begrüßung an. „Networking“ wird hier ganz offen vor allem aus beruflichen Gründen betrieben – Harvard ist nicht umsonst bekannt für seine Alumni auf oberster politischer und wirtschaftlicher Ebene.

          Genau dorthin sollen die derzeitigen Studenten auch einmal kommen. „Wir sind nicht die Politik-Fakultät von Harvard, wir bilden auch keine Akademiker aus“, sagt Judy Kugel, die Stellvertreterin des Dekans. Es geht in den Seminaren weniger um Ideengeschichte und Theorie als um Empirie und Praxis, Logarithmen und Statistik. Im Zentrum der Ausbildung stehen Führungs- und Managementmethoden für Wirtschaft und Politik. „Wir sind eine Professional School für Praktiker, die dem Gemeinwohl dienen“, präzisiert Kugel. „Im Privatsektor, in einer Nichtregierungsorganisation, in der öffentlichen Verwaltung, im Militär – oder auch als Präsident.“ Für ihre Ziele sind die Kennedy-Studenten – gut 40 Prozent von ihnen kommen aus dem Ausland, mit 24 Köpfen liegt Deutschland in der Herkunftsstatistik zurzeit hinter Kanada und Südkorea gleichauf mit China, Japan und Mexiko – oft auch am Wochenende und bis tief in die Nacht im Einsatz. Viele besuchen außerdem Seminare an der Harvard Business School oder am Massachusetts Institute of Technology – die legendäre Technologie-Schmiede liegt nur ein paar Kilometer flussabwärts.

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