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Frauen in der Wissenschaft : „Ein Prozess der kleinen Entmutigungen“

  • Aktualisiert am

Deutschlands Universitäten sind ein rauher Ort für Frauen: Im europaweiten Vergleich sind wir Schlusslicht, kritisiert Andrea Löther.

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          Was will das CEWS mit seinem Hochschulranking nach Gleichstellungsaspekten erreichen?

          Mit dem Ranking (lesen Sie dazu Reizthema ohne Reiz) möchten wir die Transparenz bei der Erfüllung des Gleichstellungsauftrags an Hochschulen erhöhen. Mit dem Ranking ist es möglich, dass Hochschulleitungen die Leistungen ihrer Hochschule bundesweit einordnen und vergleichen können. Die Zielgruppe sind daher auch nicht die Studierenden, sondern vorrangig die Hochschulleitungen und das Hochschulmanagement, darunter auch die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten, sowie die Wissenschaftsorganisationen, die Ministerien sowie die Politik.

          Wie sehen die Möglichkeiten für Frauen aus, die in Deutschland eine wissenschaftliche Karriere machen wollen?

          Sehr schlecht. Vor allem im europäischen Vergleich sind wir mit Österreich, der Schweiz und den Niederlanden Schlusslicht. Zwar ist in Deutschland bei den Studenten inzwischen fast ein Frauenanteil von 50 Prozent erreicht, aber bei den Promotionen und den Habilitationen geht er stark zurück.

          Und das ist in den vergangen Jahren nicht besser geworden?

          Doch, auf jeden Fall. Frauen sind heute in der Wissenschaft präsenter als noch vor zehn Jahren. Aber trotzdem ist nach wie vor nur jede zehnte C4- oder W3-Professur von einer Frau besetzt. In den Forschungseinrichtungen ist der Anteil noch niedriger. Hier variiert er zwischen 5 und 10 Prozent.

          Woran liegt das?

          Es gibt nicht den einen einzigen Grund, den man ausmachen könnte, und damit auch nicht die eine große Diskriminierung. Es ist eher ein Prozess der kleinen Entmutigungen: Beiträge von Frauen werden tendenziell nicht so ernst genommen. Sie werden seltener zu einer Promotion aufgefordert als Männer, obwohl ihre Abschlüsse mindestens so gut, wenn nicht besser sind als die der Männer. Dies ist in den seltensten Fällen wohl eine bewusste Diskriminierung, sondern hat viel mit der Sozialisation in unserer Gesellschaft zu tun. Aber auch mit dem Mythos des idealen Wissenschaftlers.

          Der wäre?

          Eben jemand, der absolut verfügbar ist für die Wissenschaft. Dem kann eine Frau mit ihren sozialen Anforderungen meist nicht so gut entsprechen wie ein Mann. Aber selbst wenn sie keine Familie hat und auch keine Kinder will, wird ihr unterstellt, dass sie diese Verpflichtungen einmal in der Zukunft erfüllen will oder muss.

          Was würden Sie einer Frau raten, die sich trotzdem entscheidet, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen?

          Man muss sich vor allem klar machen, was erforderlich ist, um in der Wissenschaft Karriere zu machen. Abgesehen von der fachlichen Leistung ist es sehr wichtig, eine aktive Karriereplanung zu verfolgen: potentielle Mentoren und Mentorinnen ansprechen, Netzwerke mit Kollegen und in der Wissenschaftsgesellschaft aufbauen. Auf jeden Fall aber brauchen Wissenschaftlerinnen ein dickes Fell und sollten Rückschläge und Entmutigen einstecken können.

          Gibt es denn überhaupt die Aussicht, Chancengleichheit in der Wissenschaft zu erreichen?

          Jährlich steigt die Frauenquote an den Professuren um 0,5 bis 1 Prozent. Rechnerisch müssten wir dann Ende dieses Jahrhunderts eine vollkommene Gleichstellung erreicht haben. Aber Zahlen sind auch nicht alles. Sie sagen nichts über die Wertschätzung der Arbeit der Frauen aus.

          Andrea Löther ist stellvertretende Bereichsleiterin des „Center of Excellence Women and Science“ in Bonn. Die Fragen stellte Anna Loll.

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