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Ein Mythos wird 800 : Die Gesichter von Cambridge

Bild: FAZ.NET

We are family: Die Universität von Cambridge feiert in diesem Jahr achthundertsten Geburtstag. Sie hat selbst Geschichte geschrieben: durch ihre gewaltige Zahl berühmter Absolventen und Lehrkäfte.

          10 Min.

          An der Ecke von Trumpington Street und Bene’t Street in Cambridge, dort, wo sich früher der Eingang zur Schalterhalle einer Großbankfiliale befand, fesselt seit neuestem eine große, golden glitzernde, mit Schlitzen versehene Radscheibe den Blick. Darauf hockt besitzergreifend ein fabelartiges Wesen, halb Drache, halb Insekt, mit aufgesperrtem Rachen, spitzer Zunge, stacheligen Fangzähnen und blutunterlaufenen Augen. Diese schaurige Kreatur klaubt sich an den Zacken des Rades vorwärts und bleibt dennoch am selben Fleck stehen. In regelmäßigen Abständen schnappt das Maul zu, es bebt der Schwanz, und es krümmt sich der Stachel an dessen Ende.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Erst bei näherem Hinsehen offenbart sich dem Passanten, dass sich diese Bewegungen im Stunden- und Minutentakt vollziehen und der monströse Grashüpfer – eine Anspielung an die sogenannte Grashüpfer-Hemmung des von John Harrison im achtzehnten Jahrhundert entwickelten Marinechronometers – den Mechanismus einer ebenso wunderlichen wie aufwendigen Präzisionsuhr antreibt. Sie misst zugleich den an den Schlitzen ablesbaren Gang der Zeit und veranschaulicht mit ihren seltsamen, aber genau berechneten Stockungen außerdem, wie relativ das Zeitempfinden sein kann.

          Kreativen Mischung von Tradition und Innovation

          Diese Uhr wurde in siebenjähriger Arbeit von dem Erfinder John Taylor entworfen, dem wir unter anderem auch den Thermostat am schnurlosen Kessel verdanken. Taylor ist Absolvent des im Jahr 1352 gegründeten Corpus Christi College, der einzigen städtischen Gründung unter den in der Regel von königlichen, fürstlichen und kirchlichen Stiftern ins Leben gerufenen Lehrgemeinschaften der Universität Cambridge, die in diesem Jahr ihr achthundertjähriges Bestehen feiert. Zusammen mit einer neuen Bibliothek in den alten, vom College zurückeroberten Bankräumen hat Taylor seiner Alma Mater im vergangenen Jahr die mit Gold beschlagene Uhr gestiftet – nicht zuletzt, um die Studentenschaft an eine Begebenheit zu erinnern, deren sie sich gewöhnlich erst viel später bewusst wird: dass die in jungen Jahren scheinbar endlos wirkende Zeit allzu schnell zerrinnt. Taylors räuberischer Zeitfresser ist unersättlich. Er verschlingt die Minuten, und wenn bei jedem Stundenschlag ein ominöses Rasseln, das wie eine in den Sarg fallende Kette klingt, ertönt, zwinkert das Scheusal befriedigt.

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          Von der Beschwörung heraldischer Wappentiere und grotesker Wasserspeier, wie sie an mittelalterlichen Bauwerken prangen, bis hin zum gewellten Ziffernblatt, das die ausströmenden Wellen des Urknalls suggerieren soll, weckt Taylors Uhr eine Fülle von Assoziationen. Und es erscheint besonders passend, dass seine Schenkung das Gemäuer jenes College ziert, das den Renaissance-Dramatiker Christopher Marlowe zu seinen berühmtesten Schülern zählt. Versucht sich doch dessen Doktor Faustus verzweifelt gegen das Zählwerk der nach dem Teufelspakt ablaufenden Frist zu stemmen. Aber die neue „Corpus-Uhr“, deren Entwicklung zu sechs Patenten führte, verkörpert zudem Eigenschaften, die weit über den College-Bezug hinausreichen und in der kreativen Mischung von Mechanik und Elektronik, von Tradition und Innovation das Wesen der Universität Cambridge erfassen.

          Diese Kombination wird auch durch den Standort hervorgehoben. Corpus Christi liegt direkt neben der Kirche von St Bene’t, deren angelsächsischer Turm aus der Zeit um 1025 das älteste erhaltene Gebäude der damaligen Marktstadt ist – und das einzige, das bereits stand, als die ersten Studenten sich vor achthundert Jahren im Sumpfgebiet am Fluss Cam versammelten. Wenige Schritte von hier entfernt befand sich bis zu seiner Verlegung in den siebziger Jahren das seit 1874 bestehende Cavendish-Labor, wo Joseph J. Thomson, der Entdecker des Elektrons, und der Neuseeländer Ernest Rutherford, der Entdecker des Atomkerns, das atomare Zeitalter einleiteten.

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