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Dunkle Inhalte : Das Grauen studieren

  • -Aktualisiert am

Verfolgt durch SS und Polizei: Im Berliner Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ befasst sich eine Fotoausstellung mit NS-Verbrechen. Bild: Matthias Lüdecke

Völkermord, schlimme Verbrechen und andere Abgründe: Wer sich damit beschäftigt, muss dunkle Momente aushalten und viele Fragen beantworten. Studentinnen berichten, was sie antreibt.

          6 Min.

          Dass Vanessa Eisenhardt ausgesprochen fröhlich wirkt und im Gespräch viel und laut lacht, ist auf den ersten Blick kein Wunder. Eine junge Frau, 27 Jahre alt, Master-Studentin an der Ruhr-Universität Bochum - eine gewisse Leichtigkeit ist in diesem Lebensabschnitt eigentlich ganz typisch. Andererseits ist da der Kommentar einer Freundin, von dem sie offen berichtet. Und der so gar nicht zu dieser Heiterkeit zu passen scheint. „Ich würde den ganzen Tag heulen, wenn ich das machen müsste, was du machst“, so habe die Freundin mal ihr Studium und die damit verbundene Arbeit kommentiert, berichtet Vanessa Eisenhardt - und lacht.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Als Studentin in Geschichte und evangelischer Theologie ist sie zunächst unauffällig, aber ihre Nähe zum Institut für Diaspora- und Genozidforschung und ihre intensive Beschäftigung mit menschlichen Abgründen kann über den Freundeskreis hinaus die Frage aufwerfen: Warum studiert man etwas, das so viel Grausamkeit und Leid in den studentischen Alltag bringt? „Man muss das aushalten und charakterlich dafür gemacht sein“, sagt sie. Also beschäftigt sie sich mit gefühllosen Folterknechten des NS-Regimes sowie mit den traurigen Lebensläufen geschundener Opfer. Und mehr noch: Sie tut es gerne.

          Junge Frauen, dunkle Themen aus der Vergangenheit

          Die Dortmunderin war eigentlich auf dem Weg ins Lehramt, als ein historisches Seminar ihr eine andere Richtung gab. Es ging um den Eichmann-Prozess, jenen Schergen der Nationalsozialisten also, der ein Haupttäter des Holocausts war und Anfang der sechziger Jahre in Israel hingerichtet wurde, ohne Reue zu zeigen. Damals habe sie „die Täterforschung gepackt“, sagt Vanessa Eisenhardt. Dass ihr dieses Interesse auch fürchterliche Einblicke verschaffen würde, war absehbar. Das war auch bei ihrer Bachelor-Arbeit so, für die sie sich mit der Sternwache in Dortmund beschäftigte, einem früheren Gefängnis der Gestapo, die dort viele Menschen quälte und folterte. Vanessa Eisenhardt kann über diese Episode ihres Studiums mit einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit berichten. Im Zentrum ihrer Recherchen stand ein Dortmunder Gestapo-Mann, der mehr als hundert Menschen gefoltert hatte und wegen seiner Grausamkeit gefürchtet war. Kanonen-Otto sei er im Volksmund genannt worden, weil Faustschläge zu einer Spezialität aus seinem Reservoir an Grausamkeiten gezählt hätten. Andere nannten ihn Mörder-Otto, und es gab Berichte, dass er viele seiner Opfer mitten in der Nacht geholt habe. Es klinge „schon abartig“, sagt Vanessa Eisenhardt, dass sie sich so intensiv mit den Details dieses Falles beschäftigt und viele Zeugenaussagen aus dem Prozess gegen den Menschenschinder studiert habe. Aber viele Fragen, zum Beispiel nach bestimmten Zielgruppen oder - immer wieder - nach dem Warum, hätten sie einfach angezogen. „Ich bin da so reingerutscht und dann hängengeblieben“, sagt sie.

          Genozidforscherin Vanessa Eisenhardt

          Zumal sie über das Studium hinaus eine Aufgabe gefunden hat, die für noch mehr Ausdauer bei diesem schwierigen Thema spricht. Und die zeigt, dass ihr Engagement sich auch im Hier und Heute auszahlt: Vanessa Eisenhardt ist in einem Verein namens Heimatsucher tätig, der Überlebende des Holocausts befragt und deren Berichte Schülern näherbringt, in Ausstellungen, Vorträgen oder Gesprächen. Dabei gebe es „tolle Rückmeldungen“, sagt sie - von beiden Seiten. Vor kurzem hat Heimatsucher mit seinen etwa 30 ehrenamtlichen Helfern und hundert Fördermitgliedern Anerkennung von besonders prominenter Seite bekommen: Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte das Engagement des Vereins mit einem Preis, der in Berlin überreicht wurde.

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