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Doppelter Abiturjahrgang : Et hätt noch immer joot jejange

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

In Nordrhein-Westfalen drängt der doppelte Abiturjahrgang an die Universitäten. Die Hochschulen zittern und bereiten sich eifrig vor. Wie zum Beispiel die Universität in Köln.

          5 Min.

          Christina Engels sieht verloren aus, als sie durch die Eingangshallen der Universität Köln läuft. „In der Schule war alles irgendwie viel kleiner“, sagt die Abiturientin aus Brauweiler bei Köln. Ab dem Wintersemester, das in wenigen Wochen beginnt, wird sie Studentin der Universität zu Köln sein. Als sie die Zusage im Briefkasten fand, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Auf Anhieb einen Studienplatz an ihrer Wunsch-Uni zu ergattern, damit hatte sie kaum gerechnet.

          Die 18-Jährige hat im Sommer als eine von rund 130.000 Abiturienten des „doppelten Jahrgangs“ in Nordrhein-Westfalen ihren Abschluss gemacht. Zugleich gibt es in diesem Jahr auch in Hessen Abiturienten im Doppelpack, wo die Jahrgänge aus dem acht- und neunjährigen Gymnasium nun zusammenfallen. Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz werden dann bis 2016 nachziehen. Das ist nicht nur für die Abiturienten, sondern auch für Universitäten eine große Herausforderung. Allein in Köln werden zum Beispiel bis 2015 rund 10.000 zusätzliche Studienplätze geschaffen, das Personal um 30 Prozent aufgestockt, 15 Prozent mehr Professoren eingestellt.

          Eine Menge Arbeit nicht nur für Köln: Aus Nordrhein-Westfalen sind doppelt so viele Abiturienten wie sonst auf der Suche nach einem Studienplatz. Christina Engels und ihre Klassenkameraden ahnten früh, was das bedeuten würde: Geringe Chancen, nahe der Heimat zu studieren. Studienplätze nur noch fürs Einser-Abi, überfüllte Hörsäle, Chaos, überforderte Lehrkräfte. Schauergeschichten raunte man sich auf den Schulfluren zu. Und die Schulleiter warnten in einem Brandbrief an die Politik, viele ihrer Schüler würden zu „betrogenen Versuchskaninchen“, es drohe eine „verlorene Generation“, die Hochschulen würden sich abschotten gegen die Studentenflut.

          Die Angst vor dem Horrorjahr ging auch in Köln um

          Axel Freimuth, der Rektor der Universität Köln, kennt diese Schauergeschichten. Auch an seiner Hochschule ging die Angst vor dem Horrorjahr 2013 um: Die Universität Köln ist mit mehr als 40.000 Studenten die Hochschule mit den meisten Studenten in Nordrhein-Westfalen und eine der größten der Republik. Hier würde der Ansturm besonders groß sein, fürchtete man. Freimuth rechnete mit zwanzig Prozent mehr Bewerbern als sonst. Dabei war die Uni durch die Doppel-Abiturienten aus anderen Bundesländern und den Wegfall der Wehrpflicht ohnehin schon seit Jahren an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit: Die Studentenzahl steigt seit Jahren an, doch die Mitarbeiter in der Verwaltung saßen bis zuletzt noch in denselben engen, dunklen Kellerräumen des Universitätsgebäudes, in denen sie schon in den achtziger Jahren Studentenakten stapelten und Schlangen von Erstsemestlern bei ihrer Einschreibung begrüßten. Nicht nur, dass es hier zuletzt immer enger und ungemütlicher wurde: Die Mitarbeiter der Verwaltung müssen inzwischen auch immer häufiger schlechte Nachrichten überbringen. Nur jeder achte Bewerber bekam nämlich zuletzt einen Platz. „Wir sind es gewohnt, bis auf den letzten Mann und die letzte Frau ausgebucht zu sein“, sagt Freimuth. Es knirschte im Getriebe des Uni-Alltags. Und dann der Doppeljahrgang - damit wäre die Schmerzgrenze überschritten, fürchteten die Uni-Angestellten.

          Doch die zusätzlichen Bewerber sollten nicht vor verschlossenen Türen stehen. Es war an der Zeit, zu handeln: Schon im Jahr 2007 hat Freimuth gemeinsam mit Experten aus Verwaltung und Lehre eine Taskforce gebildet und alle Hebel in Bewegung gesetzt. „Wir haben Millionenbeträge investiert, Lehrmethoden und Verwaltung modernisiert, innerhalb weniger Jahre mehrere neue Gebäude hochgezogen.“ Finanzielle Unterstützung gab es durch Notfall-Mittel von Bund und Ländern im Hochschulpakt. Freimuth erzählt gelassen von dem Kraftakt der vergangenen Jahre: Die Uni gleicht seit Beginn der Vorbereitungen einer Dauer-Großbaustelle. Noch immer sind die Arbeiten im Gange: Das Philosophikum wird derzeit kernsaniert, die Belegschaft arbeitet in Bürocontainern, wie Dörfer sind diese über den Campus verteilt. Die Verwaltung muss umziehen, mitten im Trubel des Doppelabijahrgangs.

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