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Doppelbelastung : Studium mit Kind - wirklich kein Problem?

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In der ist Julian, 25 Jahre alt, schon länger nicht mehr. Er studiert an der Goethe-Universität in Frankfurt Sportsoziologie. Er und seine Freundin waren im Bachelor, als Sohn Henri vor drei Jahren zur Welt kam. Inzwischen ist Julian im Master, seine Freundin ist voll berufstätig. Auch Julian arbeitet neben dem Studium 20 Stunden pro Woche. Ohne würde es auch nicht gehen. „Das Kindergeld reicht ja kaum, um das Nötigste abzufangen“, erzählt er. Unglücklich: Staatliche Unterstützung bekommen beide nicht. „Wir verdienen zu viel, um zum Beispiel Bafög oder den ermäßigten Kita-Beitrag in Anspruch zu nehmen. Dabei können wir uns wirklich nicht als reich bezeichnen.“

Zeitlich ist inzwischen alles entspannter, seit Henri im Kindergarten ist. Julian legt sich seine Kurse in die Morgen- und Mittagsstunden, so dass er Henri früh bringen und nach der Uni wieder abholen kann. Meist klappt das auch. Ins Seminar musste er ihn noch nie mitnehmen, sagt er. Für Notfälle gibt es an seiner Uni allerdings auch stundenweise Betreuung und Eltern-Kind-Räume. Hier könnte der Nachwuchs Mittagsschlaf machen oder Malbücher bekommen, während der Papa das Skript für die nächste Vorlesung durcharbeitet. „Die meisten Angebote nehmen wir gar nicht wahr“, sagt Julian. Und zwar weil sie von vielen gar nichts wussten. Zum Beispiel, dass es eine Beratung für finanzielle Fragen und für Zeitmanagement gibt. Immerhin: In der Mensa gibt es den Kinderteller für kleines Geld. Wenn Julian freihat, gehen beide schon mal auf den Campus, um Fischstäbchen zu essen.

Nachmittags braucht es dann Disziplin. „Wir wechseln uns viel ab“, sagt Julian. Seine Freundin geht in der Freizeit gerne ins Fitnessstudio, er zweimal die Woche zum Fußball. Es sei doch wichtig, dass man weiter sein Leben habe, sagt er. „Wir sehen uns dadurch natürlich seltener“, räumt er ein. Ansonsten habe sich mit Kind nicht viel verändert. Selbst in der Lernstrategie. „Ich mache immer noch alles auf den letzten Drücker“, sagt Julian schmunzelnd. Lesen kann er, wenn der Kleine im Bett ist. Jetzt, mit drei Jahren, klappt es ja auch mit dem Durchschlafen.

„Das Abi mit Kind zu machen war schlimmer“

Auch Anna hat die schwierigste Phase schon hinter sich. Sie ist 22, studiert in Leipzig Sonderpädagogik und bekam ihren Sohn Elmar, als sie 17 war. Der Spagat zwischen Job, Familie und Studium ist für Anna aber kein Thema. „Das Abi mit Kind zu machen war schlimmer“, sagt sie. Jetzt drückten Dozenten bei Abgabefristen auch mal ein Auge zu. Ihr Freund hat es da weniger leicht. Er studiert Jazzklavier und sagt, dass übungsintensive künstlerische Fächer für einen jungen Vater nicht einfach sind. Private Momente oder mal abends mit Freunden weggehen - das gehe bei ihm fürs Instrument oder für die Familie drauf. „Man muss eben Kompromisse machen“, sagt Anna. Und sie glaubt, dass es so immer noch einfacher ist als im Berufsalltag - oder in anderen Studiengängen.

Eines fällt auf, egal, ob beim Schlendern über den Campus, in Facebook-Gruppen fürs Studieren mit Kind oder bei Anfragen nach dem Schneeballverfahren quer durchs Land: Junge Eltern scheint es vor allem in sozialen Studiengängen zu geben. Aus Jura, Medizin oder Lehramt fand sich auch nach zweimonatiger Suche nicht einer, der über seine Erfahrungen als Student und Elternteil berichten wollte. Die - zunächst völlig subjektive - Beobachtung scheint der Wirklichkeit an deutschen Hochschulen recht nah zu kommen.

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