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Diplomarbeit : Die Angst vor dem leeren Bildschirm

  • -Aktualisiert am

Bild: Tresckow

In den Semesterferien setzen sich Tausende Studenten an Haus-, Diplom- und Doktorarbeiten. Viele brechen ab, weil sie falsch an die Sache herangehen - oder weil sie schlecht betreut werden.

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          Der Diplomand ist verzweifelt. "Ich studiere seit zehn Jahren und bin seit drei Jahren scheinfrei. Mir fehlt nur noch meine Diplomarbeit, aber auch die Motivation, diese zu schreiben." So beginnt sein Eintrag im Internetforum www.hilferuf.de. "Genauso lange, wie ich meine Arbeit vor mir herschiebe, überlege ich, mein Studium abzubrechen", berichtet er. "Ich bin in therapeutischer Behandlung. Gibt es irgendwelche Leute, denen es ähnlich geht?" Es gibt eine ganze Menge von ihnen. "Ich bin wie blockiert", schreibt etwa ein als "alrovid" angemeldeter Teilnehmer. "Warum habe ich dieses Thema genommen? Warum habe ich nicht vom ersten Tag an meine Aufzeichnungen vervollständigt? Meine Gedanken drehen sich nur noch." Und "Sori" spendet Trost: "Ich kenne kaum einen, der nicht frustriert an seiner Arbeit sitzt und denkt, das wird alles nix. Es geht fast jedem so."

          Eine wissenschaftliche Abschlussarbeit zu Ende zu führen, das ist die Feuerprobe für jeden Studenten. Monatelang sitzen jährlich Tausende vorm Bildschirm und ringen, umgeben von Bücherbergen, Wort für Wort um ihren Text. Manche sitzen jahrelang - und geben dann ganz auf. Dass Schwierigkeiten beim Schreiben "einen enorm großen Raum" im studentischen Alltag einnehmen, bestätigt Edith Püschel, Psychologin an der Freien Universität Berlin. Sie hat sich auf Ängste und Blockaden beim Schreiben spezialisiert. "Oft kommen Absolventen zu mir, die schon seit zwei, drei Jahren scheinfrei sind und die es nicht schaffen, ihre Abschlussarbeit anzufangen." Einfaches Unwissen darüber, was und wie man schreiben soll, sei der häufigste Grund. Unklare Forderungen seitens der Hochschule, mangelnde handwerkliche Kenntnisse über wissenschaftliches Arbeiten und eine falsche Schreibstrategie, das sind laut Püschel andere häufige Ursachen. "Viele Diplomanden lesen viel zu lange und kleben dann an den Literaturvorlagen, anstatt ihre eigene Fragestellung zu bearbeiten."

          Viel Frustrationstoleranz gefragt

          Oft seien die Ursachen auch psychischer Natur. "Das Schreiben ist eine sehr selbstbezogene Tätigkeit, bei der Menschen mit einem hohen Ich-Ideal jedes kleine Scheitern als Vernichtung empfinden." Bei Schreibblockaden trete schnell eine narzisstische Kränkung ein. Scham und - bei schlechter Betreuung - das Fehlen eines Ansprechpartners führten dann dazu, dass Diplomanden sich zurückzögen. Auch die Angst vor dem Danach, einer unsicheren Arbeitslage, halte viele dazu an, den letzten Schritt aus der Hochschule hinauszuzögern. "Um eine Abschlussarbeit zu packen, braucht man in erster Linie psychische Stabilität, die Fähigkeit zur Innensteuerung und viel Frustrationstoleranz", so Püschel.

          In den psychologischen Beratungsstellen der Hochschulen geben sich Schreibgehemmte die Klinke in die Hand. Welches Ausmaß Blockaden beim Verfassen von Abschlussarbeiten jedoch tatsächlich haben, ist bislang in keiner Studie ermittelt worden. Auch das Unternehmen Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover hat dazu keine genauen Zahlen. Zumindest drei Prozent aller Abbrecher aber geben "Prüfungsschwierigkeiten" als Grund an. "Nach unseren Untersuchungen ist das Scheitern beim Erstellen der Abschlussarbeit kein entscheidender Grund für den Studienabbruch, sondern tritt immer in einem Bündel an Gründen auf", sagt Ulrich Heublein, der eine gerade erschienene HIS-Studie über Studienabbrecher leitete. Dazu gehörten auch finanzielle Schwierigkeiten, eine berufliche Neuorientierung oder eine falsche Studienwahl.

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