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Diplomarbeit : Die Angst vor dem leeren Bildschirm

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Gute Betreuung - gute Arbeiten

Erst seit wenigen Jahren wird die studentische Schreibschwäche systematisch erforscht: 2002 verglich eine deutsche Studie erstmals erfolgreiche und nicht erfolgreiche Promotionsvorhaben an einer Fakultät und kam dabei zu eindeutigen Ergebnissen. Dazu wurden alle Medizinstudenten des 11. bis 14. Fachsemesters an der Berliner Charité befragt. Nur knapp 53 Prozent der identifizierten Promotionsvorhaben waren erfolgreich, 47 Prozent wurden abgebrochen. Der Vergleich ergab, dass die erfolgreichen Arbeiten wesentlich besser betreut wurden: 64 Prozent der Doktoranden mit Abschluss gaben an, ihr Betreuer habe ausreichend Zeit für sie gehabt. Von den Abbrechern wollten dies nur 29 Prozent behaupten. Zugleich griffen 39 Prozent der erfolgreichen Doktoranden auf finanzielle Unterstützung zurück, während dies nur 8 Prozent der Abbrecher konnten. "Um die Erfolgschancen einer Promotion zu verbessern, muss eine bessere Planung und Supervision erzielt werden", fasst Marc Dewey zusammen, der die Studie an der Charité durchführte. "Des Weiteren sind eine finanzielle Unterstützung und eine gute Vorbereitung auf wissenschaftliches Arbeiten wichtige Förderungsinstrumente."

Einen weiteren handfesten Grund für den Abbruch wissenschaftlicher Arbeiten offenbart eine Untersuchung der Universität Lübeck aus dem Jahr 2006: Danach brechen knapp 67 Prozent der Studentinnen mit Kind ihre Dissertation ab. Bei den Kinderlosen sind es nur 27 Prozent. Dagegen brechen die Väter (14 Prozent) seltener als die kinderlosen Studenten (24 Prozent) ab. Auch die Lübecker Studie belegt: Das Ausmaß und die Qualität der Betreuung werden von den Doktoranden als entscheidend für das Gelingen einer Arbeit empfunden. Und im Kontrast zu den gelungenen Dissertationen, bei denen in 48 Prozent der Fälle vor Beginn ein Arbeits- und Zeitplan existierte, war dies nur bei 18,5 Prozent der missglückten Arbeiten so.

Den Druck auf die gesamte Studiendauer verteilen

Als vor knapp neun Jahren Bildungsminister aus 29 europäischen Ländern die Bologna-Erklärung unterzeichneten, war auch das schnellere Erreichen von Abschlüssen ein wesentliches Ziel. Credit Points und straffe Regelstudienzeiten sollen zu einem zügigen Studium anhalten. "Die Hochschulreform wird künftig dafür sorgen, dass Studierende weniger Schwierigkeiten beim Verfassen ihrer Abschlussarbeiten haben", schätzt Sigrun Nickel, Projektleiterin vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh. "Das studienbegleitende Prüfungssystem verlangt mehr Teilleistungen über die gesamte Studiendauer und vermindert somit den Druck, der früher auf den Diplom- und Magisterarbeiten lastete."

Anders sieht das Professor Heiner Keupp, Sozialpsychologe an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seiner Ansicht nach erschwert das Sammeln von Credit Points den Lernprozess, den ein Student braucht, um die Kompetenzen zum Verfassen einer Abschlussarbeit zu erlangen. "Die strikten Vorgaben der Studienreform fahren den Grad an Selbständigkeit herunter", urteilt Keupp. "Um Kreativität für eine wissenschaftliche Arbeit zu entwickeln, braucht es Umwege, Pausen und Lebenserfahrung." Welchen Effekt die Reform tatsächlich auf das Schreiben von Abschlussarbeiten haben wird, ist unklar: Für einen Vergleich ist die Zahl der Bachelor- und Masterkandidaten noch zu gering.

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