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Kontroverse Debatte : Die Regelstudienzeit - Fluch oder Segen?

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Die Mainzer Studentin Tanja berichtet von Erfahrungen, die sie mit vielen ihrer Kommilitonen teilt: „Wenn man die Regelstudienzeit einhalten muss, um Bafög zu erhalten, dann ist Arbeiten nebenbei schwierig. Da das Bafög aber in den meisten Fällen nicht reicht, weil nur 224 Euro für den Wohnanteil bereitstehen, ist das oft keine Wahl.“ Auch Kirsten Wechsel vom Studiendekanat der Neueren Philologien an der Universität Frankfurt hält es für wünschenswert, dass sich die Regelstudienzeit stärker an den tatsächlichen Rahmenbedingungen orientiert. Wegen der hohen Lebenshaltungskosten in der Rhein-Main-Region sei es für viele Studenten unabdingbar, neben dem Studium zu arbeiten.

Welchen Sinn hat die Regelstudienzeit dann überhaupt noch? „Die Vorgaben zu den Regelstudienzeiten sind sinnvolle Planungsgrößen für die Studiengangsgestaltung und das Ressourcenmanagement der Hochschulen“, sagt Peter Zervakis. Er ist Koordinator im „Projekt nexus“ der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), das im Zuge des Bologna-Prozesses entstanden ist und sich zum Ziel setzt, die „Studienqualität“ zu verbessern. Ein Problem der Regelstudienzeit sieht er allerdings darin, dass die Heterogenität der Studenten nicht immer ausreichend berücksichtigt werde, „um angemessene Studienbedingungen und individuelle Unterstützungsangebote bei der Wahl des passenden Studienprogramms und individueller Lernstrategien anbieten zu können“. Spricht dann nicht alles dafür, die Regelstudienzeit abzuschaffen? Nein, sagt Heinrich Schwendemann von der Universität Freiburg, zuständig für die Studienberatung im Fach Geschichte. Die Regelstudienzeit sei als Richtlinie und Orientierungshilfe sinnvoll; sie helfe den Studenten, ihr Studium zu strukturieren.

Wird die Regel zur Ausnahme?

Doch das Problem liegt allem Anschein nach woanders, denn woran bemisst sich die Norm der konkret geltenden Regelstudienzeit? „Der postulierte ,Regelfall‘ wird künftig immer mehr die Ausnahme sein“, sagt Tanja Brühl, Vizepräsidentin der Universität Frankfurt. Die wachsende Heterogenität der Studenten werde zwangsläufig mit einer Diversifizierung der Studiendauern einhergehen. Auch mit Blick auf die Kopplung an das Bafög kommt Brühl deshalb zu dem Schluss: „Perspektivisch sollten Land, Bund und Hochschulen gemeinsam darüber nachdenken, ob es nicht auch noch andere Studien- und Studienfinanzierungsmodelle gibt, die die Lebenswirklichkeit der heutigen Studierenden abbilden könnten.“

Dass öffentlich über eine Änderung des bisherigen Systems nachgedacht wird, geschieht nicht ohne Grund, denn mit der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master ist die Regelstudienzeit zunehmend in die Kritik geraten. Ein „Europa des Wissens“ wollten die europäischen Bildungsminister schaffen, als sie 1999 die Bologna-Erklärung verabschiedeten. Von der „Förderung der Mobilität“ war die Rede, einer „arbeitsmarktbezogenen Qualifizierung“ und „internationaler Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Hochschulsystems“. Wie ließen sich solche hochgesteckten Ziele am besten erreichen? An zentraler Stelle stand für die Initiatoren die Verkürzung der Studienzeit. Diese Rechnung aber ging nicht auf: Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass die Studienzeit, die mit Bologna eingespart werden sollte, eben doch benötigt wird. Würde die Regelstudienzeit um zwei Semester verlängert, stiege der Anteil der Absolventen in den meisten Fächern drastisch.

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