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Gastbeitrag : Der Akademisierungswahn und seine Folgen

  • -Aktualisiert am

Vollbesetzung an der Gutenberg-Universität in Mainz Bild: dpa

Immer mehr junge Menschen scheitern in ihrem Studium - oder sie quälen sich durch die falschen Fächer. Gleichzeitig herrscht anderswo Mangel, und die Ausbildung wird geringgeschätzt. Das ist unverantwortlich.

          5 Min.

          Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Halle-Dessau organisierte jüngst einen „Beratungstag für Studienzweifler“. Ziel dieser Aktion ist es, Studierende von den Vorteilen einer dualen Ausbildung zu überzeugen und ihnen Angebote jenseits der akademischen Ausbildung an Universitäten und Hochschulen zu machen. Mit dem Aktionstag reagiert die Kammer auf einen Skandal, der schleichend und mit besten Absichten dahergekommen ist, der aber sowohl die Gesellschaft als auch eine Reihe von jungen Menschen teuer zu stehen kommt. Denn im Zuge der Diskreditierung von praktischer Ausbildung und eines Akademisierungswahns studieren immer mehr junge Menschen, die entweder an Universität oder Hochschule scheitern oder, wenn sie sich bis zum Abschluss durchquälen, am Ende garantiert nicht ihrer Qualifikation gemäß eingesetzt werden können und insofern besser etwas anderes gemacht hätten.

          Laut einer IHK-Umfrage konnte im Kammerbezirk Halle-Dessau im vergangenen Jahr die Hälfte der befragten Ausbildungsbetriebe nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen. Gründe dafür waren keine oder keine geeigneten Bewerber. Die deutsche duale Berufsausbildung mit ihrer einzigartigen Kombination aus schulischer und betrieblicher Ausbildung wird zwar weltweit bewundert und ist ein entscheidender Standortvorteil Deutschlands im internationalen Wettbewerb sowie ein Erklärungsfaktor für eine hierzulande unterdurchschnittliche Jugendarbeitslosigkeit. Wertgeschätzt im eigenen Lande wird sie aber offenkundig nicht.

          Scheindebatte der OECD als Auslöser

          Angesichts des demographischen Wandels konkurrieren Unternehmen zunehmend um geeignete Bewerberinnen und Bewerber. Die Politik setzt aber an diesem offenkundigen Bedarf an (nicht-akademischen) Fachkräften vorbei vollkommen falsche Anreize. Dies fing damit an, dass die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eine Scheindebatte über die sogenannte Akademisierungsrate - also den Anteil von Hochschul-Absolventen an der jüngeren Gesamtbevölkerung - losgetreten hat. Die OECD unterstellte, dass Deutschland im internationalen Vergleich deutlich zurückliegt und sprach von einer „Akademisierungslücke“. Etwa ein Viertel der 25- bis 34-Jährigen erreicht in Deutschland einen akademischen Abschluss, im OECD-Schnitt sind es etwa 40 Prozent. Dass aber die duale Ausbildung in Deutschland Berufe abdeckt, die in anderen Ländern formal einen akademischen Abschluss als Voraussetzung erfordern und zu teilweise besseren Jobchancen und höherer Berufszufriedenheit führen kann, wird dabei vollkommen unterschlagen. Im Ergebnis ist ein gesellschaftspolitisches Klima entstanden, in dessen Folge zu viele junge Menschen an die Universitäten und Hochschulen gehen - und zudem das Falsche studieren. Die jahrelange Fixierung auf Akademisierungsquoten als Gradmesser der Bildungsqualität war mithin ein klassischer Fehlanreiz. Der ehemalige SPD-Staatsminister und Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin prägte dafür den Begriff „Akademisierungswahn“.

          Um es für das Land Sachsen-Anhalt zu illustrieren: An den diversen Hochschulen des Landes sind - mit steigender Tendenz - fast 55 000 Studierende eingeschrieben. Im Jahr 2000 waren es noch rund 38 000. Seit Jahren werden die Hochschulen von der Politik unter Druck gesetzt, die Studienplatzangebote auszuweiten, und diese werden unter anderem mit Mitteln aus dem Hochschulpakt (bei dem auch Bundesmittel fließen) zu diesem Zweck finanziell geködert. Den Klagen der Kammern und Unternehmen wird weitestgehend mit Gleichgültigkeit oder wohlfeilen Absichtserklärungen begegnet.

          Tonnenideologie in die Tonne kloppen

          Welche Fächer studiert werden, ob eine Nachfrage für die Absolventen dieser Fächer besteht, wie hoch die Studienabbrecher-Quote ist, wie eine richtige Balance zwischen Hochschulzugang und praktischer Ausbildung aussehen könnte - all das interessiert niemanden. Vielmehr wird in einer unverantwortlichen „Tonnenideologie“ unterstellt, dass jeder zusätzliche Studienanfänger per se sinnvoll ist. Da die Universitäten und Hochschulen des Landes strukturell unterfinanziert sind (die Finanzausstattung in Sachsen-Anhalt ist lediglich auf etwa 33 000 Studienplätze ausgelegt), werden zudem insbesondere durch Abschaffung von Zugangsvoraussetzungen die Tore für „billige“ (weil vermeintlich ohne teure Infrastruktur und intensive Betreuung auskommende) Studiengänge, insbesondere in den Geistes-, Sozial und Wirtschaftswissenschaften, geöffnet.

          So entfallen an der Martin-Luther Universität in Halle (MLU) von den gut 18 000 eingeschriebenen Studierenden knapp die Hälfte auf die drei Philosophischen Fakultäten beziehungsweise die Wirtschaftswissenschaftliche und Juristische Fakultät, in den Naturwissenschaftlichen Fakultäten studieren etwa 4700. Für mein Fach, die stark nachgefragte und vollkommen überlastete Politikwissenschaft, stellt sich das dann so dar: Im Wintersemester 2015/16 haben an der MLU 133 Studierende ein BA-Studium der Politikwissenschaft begonnen, während 45 Chemiker, 20 Mathematiker, 33 Physiker und 48 Informatiker zu verzeichnen waren. Die Quote der mathematisch-technisch-naturwissenschaftlichen Fächer (MINT) sinkt mithin kontinuierlich. Im Ergebnis studieren zu viele Studierende das Falsche und sind damit unter Umständen unglücklich - und gleichzeitig besteht Mangel bei MINT-Absolventen und qualifizierten Handwerksberufen.

          Junge Menschen verplempern Zeit

          Ohne Numerus clausus oder Prüfung der Studierfähigkeit werden die Studiengänge geflutet (die Unileitung freut sich, denn sie kann Erfolge gemäß der Tonnenideologie vermelden), und manch einer, der gewiss besser in einer dualen Ausbildung aufgehoben wäre, verplempert Lebenszeit mit einem Studium, für das er ungeeignet ist, für das er nicht „brennt“ und das deshalb zu nichts führt - und vermutlich auch nicht zu Ende geführt wird. Nicht verwunderlich, dass den insgesamt knapp 1000 an der Martin-Luther-Universität eingeschriebenen Politikstudierenden nur etwa 70 erfolgreiche BA-Abschlüsse pro Jahr gegenüberstehen. In den Vorlesungen und Seminaren sitzen reihenweise vollkommen ungeeignete Studierende, die das Niveau zu Lasten der (ja: es gibt sie auch!) motivierten und leistungsfähigen herunterziehen.

          Wenn die Politikwissenschaft als Teil eines allgemeinen Studium generale dazu beitragen würde, mündige Staatsbürger oder verantwortliche Akademiker hervorzubringen, dann wäre das noch akzeptabel oder gar für Universität wie Gesellschaft bereichernd. Dazu müsste aber die Anlage des Faches grundlegend verändert werden - von der überspezialisierten Nischenforschung zu einer normativen Demokratiewissenschaft. Für Absolventen der heutigen Politikwissenschaft und ähnlicher Fächer existiert hingegen nur ein sehr überschaubarer Arbeitsmarkt, der zudem hohe fachliche Qualität fordert. Daher kann es mit Fug und Recht als unverantwortlich bezeichnet werden, anstatt einer kleineren Zahl gut ausgewählter und ausgebildeter Studierender eine Masse von Studienanfängern in das absehbare Verderben auf dem Arbeitsmarkt rennen zu lassen.

          Nun ließe sich einwenden, dass die Akademikerarbeitlosigkeit niedriger als bei anderen Berufen ist und insofern ein Studium unabhängig von der gewählten Fachrichtung immer die richtige Entscheidung ist. Dieses Argument ist nicht völlig falsch, wenngleich es die sehr großen Unterschiede zwischen den Chancen für die Absolventen verschiedener Fächer unterschlägt. Überdies ist es als Richtschnur für die Verantwortlichen in der Bildungspolitik ungeeignet. Denn auch wenn die Politik keineswegs für das Glück des Einzelnen zuständig ist und sie nicht besser weiß (und wissen soll), was beziehungsweise ob junge Menschen studieren sollen, muss sie in etwas größeren gesellschaftspolitischen Linien denken. Daraus resultiert die Verantwortung, keine falschen Anreize zu setzen und stattdessen die vielgestaltige Nachfrage nach qualifizierten, gut ausgebildeten Menschen in Rechnung zu stellen. Der „Beratungstag für Studienzweifler“ hätte es mithin verdient, aus den Hochschuletats finanziert zu werden.

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