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Gastbeitrag : Der Akademisierungswahn und seine Folgen

  • -Aktualisiert am

Tonnenideologie in die Tonne kloppen

Welche Fächer studiert werden, ob eine Nachfrage für die Absolventen dieser Fächer besteht, wie hoch die Studienabbrecher-Quote ist, wie eine richtige Balance zwischen Hochschulzugang und praktischer Ausbildung aussehen könnte - all das interessiert niemanden. Vielmehr wird in einer unverantwortlichen „Tonnenideologie“ unterstellt, dass jeder zusätzliche Studienanfänger per se sinnvoll ist. Da die Universitäten und Hochschulen des Landes strukturell unterfinanziert sind (die Finanzausstattung in Sachsen-Anhalt ist lediglich auf etwa 33 000 Studienplätze ausgelegt), werden zudem insbesondere durch Abschaffung von Zugangsvoraussetzungen die Tore für „billige“ (weil vermeintlich ohne teure Infrastruktur und intensive Betreuung auskommende) Studiengänge, insbesondere in den Geistes-, Sozial und Wirtschaftswissenschaften, geöffnet.

So entfallen an der Martin-Luther Universität in Halle (MLU) von den gut 18 000 eingeschriebenen Studierenden knapp die Hälfte auf die drei Philosophischen Fakultäten beziehungsweise die Wirtschaftswissenschaftliche und Juristische Fakultät, in den Naturwissenschaftlichen Fakultäten studieren etwa 4700. Für mein Fach, die stark nachgefragte und vollkommen überlastete Politikwissenschaft, stellt sich das dann so dar: Im Wintersemester 2015/16 haben an der MLU 133 Studierende ein BA-Studium der Politikwissenschaft begonnen, während 45 Chemiker, 20 Mathematiker, 33 Physiker und 48 Informatiker zu verzeichnen waren. Die Quote der mathematisch-technisch-naturwissenschaftlichen Fächer (MINT) sinkt mithin kontinuierlich. Im Ergebnis studieren zu viele Studierende das Falsche und sind damit unter Umständen unglücklich - und gleichzeitig besteht Mangel bei MINT-Absolventen und qualifizierten Handwerksberufen.

Junge Menschen verplempern Zeit

Ohne Numerus clausus oder Prüfung der Studierfähigkeit werden die Studiengänge geflutet (die Unileitung freut sich, denn sie kann Erfolge gemäß der Tonnenideologie vermelden), und manch einer, der gewiss besser in einer dualen Ausbildung aufgehoben wäre, verplempert Lebenszeit mit einem Studium, für das er ungeeignet ist, für das er nicht „brennt“ und das deshalb zu nichts führt - und vermutlich auch nicht zu Ende geführt wird. Nicht verwunderlich, dass den insgesamt knapp 1000 an der Martin-Luther-Universität eingeschriebenen Politikstudierenden nur etwa 70 erfolgreiche BA-Abschlüsse pro Jahr gegenüberstehen. In den Vorlesungen und Seminaren sitzen reihenweise vollkommen ungeeignete Studierende, die das Niveau zu Lasten der (ja: es gibt sie auch!) motivierten und leistungsfähigen herunterziehen.

Wenn die Politikwissenschaft als Teil eines allgemeinen Studium generale dazu beitragen würde, mündige Staatsbürger oder verantwortliche Akademiker hervorzubringen, dann wäre das noch akzeptabel oder gar für Universität wie Gesellschaft bereichernd. Dazu müsste aber die Anlage des Faches grundlegend verändert werden - von der überspezialisierten Nischenforschung zu einer normativen Demokratiewissenschaft. Für Absolventen der heutigen Politikwissenschaft und ähnlicher Fächer existiert hingegen nur ein sehr überschaubarer Arbeitsmarkt, der zudem hohe fachliche Qualität fordert. Daher kann es mit Fug und Recht als unverantwortlich bezeichnet werden, anstatt einer kleineren Zahl gut ausgewählter und ausgebildeter Studierender eine Masse von Studienanfängern in das absehbare Verderben auf dem Arbeitsmarkt rennen zu lassen.

Nun ließe sich einwenden, dass die Akademikerarbeitlosigkeit niedriger als bei anderen Berufen ist und insofern ein Studium unabhängig von der gewählten Fachrichtung immer die richtige Entscheidung ist. Dieses Argument ist nicht völlig falsch, wenngleich es die sehr großen Unterschiede zwischen den Chancen für die Absolventen verschiedener Fächer unterschlägt. Überdies ist es als Richtschnur für die Verantwortlichen in der Bildungspolitik ungeeignet. Denn auch wenn die Politik keineswegs für das Glück des Einzelnen zuständig ist und sie nicht besser weiß (und wissen soll), was beziehungsweise ob junge Menschen studieren sollen, muss sie in etwas größeren gesellschaftspolitischen Linien denken. Daraus resultiert die Verantwortung, keine falschen Anreize zu setzen und stattdessen die vielgestaltige Nachfrage nach qualifizierten, gut ausgebildeten Menschen in Rechnung zu stellen. Der „Beratungstag für Studienzweifler“ hätte es mithin verdient, aus den Hochschuletats finanziert zu werden.

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