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Contra : Ungerecht und gescheitert

  • -Aktualisiert am

Ssaman Mardi ist Student - und gegen den NC. Bild: Privat

Abitur ist nicht gleich Abitur. In manchen Bundesländern wird ständig eine Eins vor dem Komma vergeben, andere geizen mit guten Noten. Der Numerus clausus ist aber nicht nur aus diesem Grund ungerecht und gehört in die Mülltonne.

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          Der Numerus clausus hat versagt. Einst als Instrument geschaffen, um „die Aufrechterhaltung eines geordneten Studienbetriebs“ in einzelnen, besonders nachgefragten Studiengängen zu ermöglichen, ist er mittlerweile bei knapp der Hälfte aller Studiengänge Standard. Dabei sind die Kritikpunkte, die einem Festhalten am Numerus clausus entgegenstehen, nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen.

          Kern der Kritik am Numerus clausus ist seit jeher die mangelnde Vergleichbarkeit des Abiturschnitts, der trotz gegenteiliger Beteuerungen - und vereinzelten Bemühungen - weiterhin das Hauptkriterium bei der Zulassungsbeschränkung darstellt. Neben unterschiedlichen Abitur- und Prüfungsaufgaben, die einen Vergleich über Ländergrenzen hinweg schier unmöglich machen, ist auch die Berechnung der Abiturnote ausschließlich föderale Angelegenheit. Eine Tatsache, die zur Folge hat, dass selbst identische Noten über Ländergrenzen hinweg zu unterschiedlichen Abiturschnitten führen können.

          Folgerichtig stellte erst kürzlich eine Datenanalyse des „Spiegel“ fest, welch gravierende Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern bestehen: Eine Eins vor dem Komma und damit beste Aussichten auf Zulassung im Wunschstudiengang hatten 2013 beispielsweise 38 Prozent der Abiturienten in Thüringen, während es im benachbarten Niedersachsen mit nur 16 Prozent nicht einmal halb so viele waren. Statt für Vergleichbarkeit sorgt die Abiturnote also allenfalls für Ungleichheit. Ein Zustand, der sich auch durch das seit Jahren in Diskussion befindliche, aber immer noch nicht absehbare Zentralabitur nicht signifikant verändern würde. Schließlich sind und bleiben Noten nicht mehr als subjektive Vergabekriterien, die zwar ansatzweise geeignet sind, den Wissensstand von Schülern zu einem bestimmten Zeitpunkt abzubilden, die aber versagen, wenn es darum geht, die Intelligenz, Eignung oder Befähigung einer Person festzustellen.

          Ein Numerus clausus, der auf der Abiturnote als Hauptkriterium basiert, kann in seinem Anspruch, gleiche Zugangsvoraussetzungen zu schaffen, also nur versagen. Dass auch Auswahlgespräche, die Gewichtung von Einzelfachnoten, die Anzahl der Wartesemester und andere dem Numerus clausus zurechenbare Kriterien für die Studienplatzvergabe untauglich sind, ist hingegen erst auf den zweiten Blick ersichtlich. Denn während Befürworter argumentieren, dass dadurch die besten Bewerber ausgewählt werden und Leistungsgerechtigkeit entsteht, wird gleichermaßen verschwiegen, dass diese Instrumente maßgeblich zur sozialen Selektion an den Hochschulen beitragen. Bevorteilt wird, wer das System kennt und sich vorbereiten kann - oder zumindest die finanziellen Mittel hat, genügend Wartesemester für eine Zulassung anzusparen. Hinausbefördert wird hingegen, wer sich in der Welt der Akademiker erst zurechtfinden muss und nicht bereits vor Studienbeginn auf Erfahrungen des Elternhauses zurückgreifen kann.

          Anders gesagt: Wer aus keinem akademischen Elternhaus stammt, der wird nicht nur in Schule und Studium, sondern auch bei der für viele Bildungshistorien bedeutenden Wahl des Studiengangs massiv benachteiligt. Dass 77 Prozent aller Akademikerkinder, aber nur 23 Prozent aller Nichtakademikerkinder ein Studium beginnen, ist auch durch den Numerus clausus bedingt - wobei es für die Politik wohl nirgends sonst so einfach wäre, Abhilfe zu schaffen und wahre Leistungsgerechtigkeit zu ermöglichen.

          Letztlich wären auch die Hochschulen gut beraten, vom System Numerus clausus abzurücken. Schließlich sind sie es, die ihre eigene Unterfinanzierung erst in Form von Kapazitätsberechnungen gegenüber dem Land und anschließend in Form von Gerichtsprozessen gegenüber abgewiesenen Bewerbern zementieren und legitimieren. Dass der Numerus clausus darüber hinaus eine zunehmende Belastung für durch Studienplatzklagen überforderte Gerichte darstellt und nicht zuletzt auch in der Umsetzung regelmäßig zu Problemen - und dabei zu nachgefragten, aber nicht besetzten Studienplätzen - führt, sei an dieser Stelle nur erwähnt.

          Dass es der Numerus clausus angesichts der zahlreichen und gravierenden Mängel überhaupt geschafft hat, die vergangenen Jahrzehnte zu überdauern, ist wohl allein mit dem geringen Verwaltungsaufwand zu begründen, den er für die Hochschulen mit sich bringt. Mehr als vierzig Jahre nach dem berühmt-berüchtigten Numerus-clausus-Urteil des Bundesverfassungsgerichts wäre es jedoch höchste Zeit für eine politische Neubewertung. Eine Neubewertung, die, aufbauend auf dem humanistischen Bildungsideal, den Menschen und nicht das System in den Mittelpunkt stellt und dadurch zu einer gerechteren und chancenreicheren Zukunft beiträgt.

          Kurzum: Verbannt den Numerus clausus dorthin, wo er hingehört: in die Mülltonne der Geschichte.

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