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Chinas Universitäten : Weg mit der Freiheit, zurück zu Marx

Karl Marx kam aus Trier - da kommen die Chinesen nicht drum rum. Bild: Reuters

Die chinesische Führung will westliche Werte aus den Hochschulen des Landes verbannen und durch sozialistische ersetzen. Damit soll demokratisches Gedankengut unterdrückt werden. Aber woher kam nochmal Marx?

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          An chinesischen Universitäten weht seit Jahresbeginn ein schärferer Wind. Im Januar kündigte Erziehungsminister Yuan Guiren die Verbannung westlicher Irrlehren aus den Hochschulen an. Bücher, die aufklärerische Werte wie Gewaltenteilung oder Meinungsfreiheit verteidigen, sollen aus den Regalen verschwinden. Im Seminarraum darf kein abfälliges Wort über den Sozialismus mehr zu hören sein.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Hochschulen werden damit auf den marxistischen Reformkurs gebracht, den Staatschef Xi Jinping dem Land vor zwei Jahren verordnet hat. Für Xi ist die Kampagne auch ein Mittel zur Parteireform, mit dem er dagegen ankämpft, dass der Kommunismus in der Kommunistischen Partei oft nur noch als rhetorische Leerformel mitgeführt wird, während sich westliche Werte und Machtzynismus ausbreiten.

          Im weiteren Kontext soll die marxistische Erneuerung demokratische Reformbestrebungen in der Bevölkerung ersticken. Sichtbaren Ausdruck hatte das in einem vor zwei Jahren an die Öffentlichkeit gelangten parteiinternenen Dokument gefunden, das westliche Konzepte wie Gewaltenteilung, Pressefreiheit und Neoliberalismus mit Tabus belegte. Das soll nun auch für die Universitäten gelten.

          Englisch soll künftig keine Rolle mehr spielen

          Besonders für die Sozial- und Geisteswissenschaften hätte eine strikte Durchsetzung der Zensur gravierende Folgen. Wie soll man sich eine von westlichen Werten befreite Germanistik vorstellen? Was der Anordnung folgt, muss sich aber erst noch zeigen. Im Umlauf ist ein Fragebogen des chinesischen Bildungsministeriums, der von den Hochschulen Auskunft über die Verwendung westlicher Lehrmaterialien verlangt.

          Im täglichen Leben ist von der Zensur nach Auskunft deutscher Lektoren bisher nichts zu spüren. Auch internationale Forschungskooperationen und Fachkonferenzen sind bis heute nicht betroffen. Die Reform greift auf niedrigerer Ebene. Schon seit längerem ist die Zulassungsprüfung an den Universitäten, die Gaokao, im Umbau.

          Englisch soll bei ihr künftig keine Rolle mehr spielen. Konkret wird das ideologische Programm in einem für den Juni geplanten neuen Schulbuch, das der Persönlichkeitsbildung chinesischer Schüler dient. Auf universitärer Ebene werden besonders die regierungsnahen Think Tanks stärker in die nationale Pflicht genommen und mit strikteren Vorgaben für Auslandsreisen belegt.

          Reformkurs ohne Inhalte

          Für eine Entwarnung wäre es jedoch zu früh, zumal deutsche Organisationen in China äußerst sensibel auf Nachfragen reagieren. Die Reformkampagne wird von vielen als widersprüchlich und anachronistisch wahrgenommen, da China sich im universitären Sektor seit Jahren verstärkt um internationale Anschlussfähigkeit bemüht. Die Zahl chinesischer Studenten an westlichen Hochschulen wächst beständig.

          Das China Scholarship Council treibt den Öffnungsprozess mit immer mehr Stipendien voran. Die westlichen Ideen, die man im Inneren verbietet, holt man sich über die Auslandsstudenten wieder ins Land. Von protestierenden Wissenschaftlern wurde der chinesischen Führung genüsslich vorgehalten, dass auch der Kommunismus ein westlicher Importartikel sei. Die Parteiorgane schäumten.

          Tatsächlich ist es der chinesischen Führung bisher nicht gelungen, den Reformkurs mit Inhalt zu füllen. Die Bevölkerung wird mit einem vagen Blick in die Zukunft vertröstet, die unter dem Stichwort „Chinas Traum“ firmiert und keine universelle Ausrichtung erkennen lässt. Der Marxismus scheint Deckmantel für ein nationales Projekt, das in erster Linie der Abgrenzung Chinas von Demokratie und Gewaltenteilung dient. Für Xi ist er zusätzlich ein Instrument der Parteiräson, das der Partei wiederum den Primat über die Universitäten sichert.

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