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China : Gehirnwäsche in der Schule

  • -Aktualisiert am

Was kann Propaganda in Lehrbüchern ausrichten? Bild: Peter von Tresckow

Die Wirkung von propagandistischen Lehrbüchern ist nur schwer zu messen. Chinas KP-Regierung erlaubt nun eine faszinierende Fallstudie.

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          Vor fünf Jahren begann Hongkongs Bildungsministerium mit einer lang vorbereiteten Reform der Unterrichtsmaterialien: Das Fach Sozialkunde („civic education“), das 1981 unter der britischen Kolonialregierung eingeführt worden war, wurde wahrscheinlich auf Geheiß der Pekinger Regierung nicht mehr für zeitgemäß befunden. Nicht verwunderlich - schließlich sahen die Richtlinien vor, dass Schüler im Unterricht zu „unabhängigem und kritischem Denken“ erzogen werden sollten. Konzepte wie Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte kamen dort prominent vor. An dessen Stelle sollte ein Fach namens „Moralische und nationale Erziehung“ treten.

          Die ersten Unterrichtsmaterialien für Lehrer waren unmissverständlich: Die Kommunistische Partei Chinas wurde darin als „fortschrittlich, selbstlos und einheitlich“ gelobt, während die Rivalität zwischen den zwei großen Parteien in Amerika als ein für die Bevölkerung abträgliches Konkurrenzsystem beschrieben wurde. Die Empörung der Hongkonger Bevölkerung war groß, erst recht als auch ein erstes Lehrbuch für die Grundschulen veröffentlicht wurde, in dem verniedlichende Comicfiguren die Tugenden der chinesischen KP-Regierung und ihre Wohltaten für die Sonderverwaltungszone verherrlichten, während die Kolonialherrschaft als traurige Zeit der Ausbeutung beschrieben wurde. Der 15-jährige Joshua Wang gründete eine Schülergruppe und brachte zusammen mit Eltern- und Lehrerorganisationen bis zu 90.000 Menschen zu Protesten auf die Straße. Sie waren erfolgreich; die neuen Unterrichtsmaterialien wurden vorerst gestoppt.

          War die Empörung der Eltern und Schüler gerechtfertigt? Ist es wirklich für eine Regierung so einfach, Schüler einer erfolgreichen „Gehirnwäsche“ zu unterziehen? Oder sind die Antigene einer Elternschaft, die den Kindern ihre eigenen Werte vermittelt, stark genug, um Regierungspropaganda in Unterrichtsmaterialien zu konterkarieren? Solche Debatten werden nicht nur in Ostasien geführt, sondern auch in Europa, jüngst in Warschau, wo vor gut einer Woche Zehntausende gegen die Schulreform der polnischen Regierung demonstrierten. Die Lehrpläne sollen dort in Zukunft vermehrt die nationalkonservativen Werte und die von der Regierung favorisierte Geschichtsschreibung widerspiegeln.

          Eine schwierig zu testende Hypothese

          Was für viele Diktatoren der Vergangenheit und Gegenwart sowie für viele moderne Autoritäre, von Ungarn über Russland bis zur Türkei, selbstverständlich ist - nämlich dass Unterrichtsmaterialien eine sehr effektive Form politischer Propaganda sind -, das ist empirisch gesehen eine schwierig zu testende Hypothese. Man könnte zwar beispielsweise die Meinungen von Menschen, die unter dem Nationalsozialismus aufgewachsen sind, mit denen von jüngeren Deutschen vergleichen. Es ist jedoch unmöglich, die Erfahrung des nationalsozialistischen Bildungssystems von anderen Erfahrungen zu trennen, die Heranwachsende in den dreißiger Jahren gemacht haben: Einflüsse durch Radio, Zeitungen, möglicherweise nationalsozialistisch eingestellte Elternhäuser.

          Eine jüngere Bildungsreform aus der sozialistischen Volksrepublik China bietet dagegen eine interessante Fallstudie, um die meinungsbildenden Auswirkungen von Lehrbüchern in Schulen gezielt zu studieren. 2004 wurde dort die „Achte Reform“ des Lehrbuch-Curriculums an Oberschulen vorbereitet. Die Ziele dieser Reform, insbesondere für die Module „politisches Leben“ und „wirtschaftliches Leben“ im Fach Philosophie, waren im Einklang mit dem allgemeinen, nationalen und konservativ-sozialistischen Richtungswechsel Chinas der vergangenen Jahre.

          Während die Lehrbücher der neunziger Jahre noch die allokative Effizienz freier Märkte priesen, klingen die Texte seit der „Achten Reform“ deutlich skeptischer, loben die „sozialistische Marktwirtschaft“ und staatseigene Unternehmen, die als einzige die Ungleichgewichte eines entfesselten Kapitalismus bändigen könnten. Die Gefahren eines freien, demokratischen Systems sind nun explizit erwähnt; Rechtsstaatlichkeit, nicht demokratische Wahlen, wird als Legitimation des staatlichen Handelns hervorgehoben. Die Häufigkeit von Begriffen wie „Vaterland“, „chinesische Volksgruppe“ oder „national/Nationalismus“ ist in dem neuen Lehrbuch im Vergleich zur alten Ausgabe um mehr als das Zehnfache gestiegen; dagegen tauchen Wörter wie „Kapitalismus“ oder „Reformen“ viel seltener auf.

          Zunächst nur in vier Provinzen eingeführt

          Hatte diese Lehrbuchreform aus Sicht ihrer Macher Erfolg? Sind Schüler, die mit den neuen Lehrbüchern gelernt haben, tatsächlich nationaler und kapitalismuskritischer eingestellt? Das chinesische Bildungsministerium hat die neuen Lehrbücher so eingeführt, dass eine empirische Analyse der Auswirkungen möglich ist. Zuerst wurde die Reform des Curriculums versuchsweise in vier Provinzen eingeführt, danach, zwischen 2005 und 2010, wurde die Reform auf alle weiteren 25 Provinzen in mehreren kleinen Schritten ausgedehnt. Wer zum Beispiel 2006 in Peking die letzten drei Jahre der Oberschule begann, benutzte noch (für die gesamte Dauer des Schulbesuchs) die alten Lehrbücher; wer 2007 in Peking anfing, studierte mit den neuen Büchern. Die zeitlich verzögerte Einführung der neuen Texte ermöglicht es, die Auswirkungen der Lehrbücher von anderen Einflüssen und Kohorteneffekten zu trennen.

          In einer demnächst im „Journal of Political Economy“ erscheinenden Studie haben David Yang, Noam Yuchtman und Jane Zhang und ich die Auswirkungen dieser Lehrbuchreform gemessen. Hierzu haben wir auf dem Campus einer großen (Elite-)Universität in Peking, in der Studenten aus allen Kohorten und aus allen Provinzen vertreten sind, knapp 2000 Studenten zu ihren politischen Einstellungen befragt. Die Ergebnisse unserer Studie zeugen von der Wirksamkeit von Unterrichtsmaterialien: Schüler, die mit dem neuen Lehrbuch gearbeitet haben, äußern in der Tat mehr Vertrauen in die Regierung, nehmen die politischen Institutionen Chinas als demokratischer wahr, haben die neue Sichtweise zu ethnischen Minderheiten verinnerlicht und geben deutlich häufiger an, dass sie die freie Marktwirtschaft für problematisch halten. Der durchschnittliche Student unter dem neuen Curriculum ist ungefähr so nah an der Parteilinie wie ein Sohn eines Parteifunktionärs vor der Reform.

          Die Vermittlung von Werten und Sichtweisen, nicht nur von Fakten, durch Schulbücher ist also effektiv - so lautet das Fazit unserer Forschung. Das Machtpotential, das unweigerlich in ihrer Gestaltung liegt, sollte daher mit größter Umsicht und Sorgfalt genutzt werden. Aufmerksame, demokratisch eingestellte Schüler, wie in dem eingangs erwähnten Beispiel aus Hongkong, erkennen frühzeitig, wenn ein Bildungssystem für Propagandazwecke missbraucht wird.

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