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China : Gehirnwäsche in der Schule

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Während die Lehrbücher der neunziger Jahre noch die allokative Effizienz freier Märkte priesen, klingen die Texte seit der „Achten Reform“ deutlich skeptischer, loben die „sozialistische Marktwirtschaft“ und staatseigene Unternehmen, die als einzige die Ungleichgewichte eines entfesselten Kapitalismus bändigen könnten. Die Gefahren eines freien, demokratischen Systems sind nun explizit erwähnt; Rechtsstaatlichkeit, nicht demokratische Wahlen, wird als Legitimation des staatlichen Handelns hervorgehoben. Die Häufigkeit von Begriffen wie „Vaterland“, „chinesische Volksgruppe“ oder „national/Nationalismus“ ist in dem neuen Lehrbuch im Vergleich zur alten Ausgabe um mehr als das Zehnfache gestiegen; dagegen tauchen Wörter wie „Kapitalismus“ oder „Reformen“ viel seltener auf.

Zunächst nur in vier Provinzen eingeführt

Hatte diese Lehrbuchreform aus Sicht ihrer Macher Erfolg? Sind Schüler, die mit den neuen Lehrbüchern gelernt haben, tatsächlich nationaler und kapitalismuskritischer eingestellt? Das chinesische Bildungsministerium hat die neuen Lehrbücher so eingeführt, dass eine empirische Analyse der Auswirkungen möglich ist. Zuerst wurde die Reform des Curriculums versuchsweise in vier Provinzen eingeführt, danach, zwischen 2005 und 2010, wurde die Reform auf alle weiteren 25 Provinzen in mehreren kleinen Schritten ausgedehnt. Wer zum Beispiel 2006 in Peking die letzten drei Jahre der Oberschule begann, benutzte noch (für die gesamte Dauer des Schulbesuchs) die alten Lehrbücher; wer 2007 in Peking anfing, studierte mit den neuen Büchern. Die zeitlich verzögerte Einführung der neuen Texte ermöglicht es, die Auswirkungen der Lehrbücher von anderen Einflüssen und Kohorteneffekten zu trennen.

In einer demnächst im „Journal of Political Economy“ erscheinenden Studie haben David Yang, Noam Yuchtman und Jane Zhang und ich die Auswirkungen dieser Lehrbuchreform gemessen. Hierzu haben wir auf dem Campus einer großen (Elite-)Universität in Peking, in der Studenten aus allen Kohorten und aus allen Provinzen vertreten sind, knapp 2000 Studenten zu ihren politischen Einstellungen befragt. Die Ergebnisse unserer Studie zeugen von der Wirksamkeit von Unterrichtsmaterialien: Schüler, die mit dem neuen Lehrbuch gearbeitet haben, äußern in der Tat mehr Vertrauen in die Regierung, nehmen die politischen Institutionen Chinas als demokratischer wahr, haben die neue Sichtweise zu ethnischen Minderheiten verinnerlicht und geben deutlich häufiger an, dass sie die freie Marktwirtschaft für problematisch halten. Der durchschnittliche Student unter dem neuen Curriculum ist ungefähr so nah an der Parteilinie wie ein Sohn eines Parteifunktionärs vor der Reform.

Die Vermittlung von Werten und Sichtweisen, nicht nur von Fakten, durch Schulbücher ist also effektiv - so lautet das Fazit unserer Forschung. Das Machtpotential, das unweigerlich in ihrer Gestaltung liegt, sollte daher mit größter Umsicht und Sorgfalt genutzt werden. Aufmerksame, demokratisch eingestellte Schüler, wie in dem eingangs erwähnten Beispiel aus Hongkong, erkennen frühzeitig, wenn ein Bildungssystem für Propagandazwecke missbraucht wird.

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