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Chancengerechtigkeit : Die Oberschicht fördert die Oberschicht

Unter sich: Noch immer sitzen vor allem Studenten aus den oberen sozialen Schichten im Hörsaal. Bild: dpa

Seit Jahren wird über Chancengleichheit im Bildungssystem diskutiert. Doch trotz intensiver Bemühungen sind die Chancen der unteren Schichten für einen Aufstieg durch Bildung kaum größer geworden.

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          In Königstein im Taunus, einer Gemeinde mit einer überaus wohlhabenden Bevölkerung, findet alljährlich an einer katholischen Privatschule eine Berufsberatung für Abiturienten statt. Berufstätige berichten dort von ihren Berufen. Doch wer gibt Auskunft? Vor allem Ärzte, Juristen, Banker und Kaufleute erzählen aus ihrem Alltag. Oft haben sie Führungspositionen inne. Organisiert wird die Veranstaltung vom Lions Club.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Das Ergebnis: „Die Kinder der Eliten gehen stark in die Richtung der privilegierten traditionellen Professionen wie Medizin und Jura“, sagt Bildungsforscher Hans-Peter Blossfeld. Auch gäben die Eliten ihre Kinder möglichst nicht an eine Fachhochschule, sagt der Professor am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. „Wenn viele die Hochschulreife erlangen, dann wird eben der obere Bereich stärker differenziert. Die Unteren sind auch oben, haben aber immer noch geringere Abschlüsse als die Oberen.“

          Das Bildungssystem sei in den vergangenen Jahrzehnten zwar durchlässiger geworden, mehr Menschen gelangten in den oberen Bereich, erklärt Bossfeld. Für die Beurteilung von Chancengleichheit, ein immer wieder genanntes Ziel, sei jedoch relevant, wie es heute um sie stehe. Man dürfe das jetzige Lebensniveau nicht mit dem in den fünfziger Jahren vergleichen. Und da sei zu beobachten, dass die Bildungsexpansion der vergangenen Jahrzehnte nur von einem „sehr trägen Trend“ der Abnahme der Ungleichheit begleitet gewesen sei. Die Chancen der unteren Schichten für einen Aufstieg durch Bildung sind also kaum größer geworden.

          Chancen sind wichtiger als Verteilung

          Dieser Befund dürfte vielen nicht gefallen, ist doch Chancengleichheit in der Bildung den Deutschen ein wichtiges Anliegen, wie eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigt. Für 90 Prozent gehört zur sozialen Gerechtigkeit, dass „alle Kinder die gleichen Bildungschancen“ haben. Dabei ist ihnen Chancengerechtigkeit wesentlich wichtiger als Verteilungsgerechtigkeit. Dass es mit ihr freilich nicht weit her ist, belegen viele Zahlen. So verfügen nach einer Studie des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung Kinder von Akademikern über eine sechsmal so hohe Chance, ein Studium aufzunehmen, wie Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern.

          Studienautor Steffen Schindler stellt fest, dass „die Öffnung der Hochschulen durch zusätzliche berufsbildende Wege zum Abitur oder die Fachhochschulreife nur in geringem Maße dazu geführt hat, dass mehr Schüler aus bildungsfernen Familien an der Hochschulbildung teilnehmen“. Das liegt auch daran, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten vor allem über die Fachhochschulreife die Zugangsberechtigung zum Studium erlangen und nicht über den Besuch des Gymnasiums. Wer aber an einem Gymnasium die Hochschulreife erworben hat, nimmt mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 90 Prozent ein Studium auf, unter den jungen Leuten mit Fachhochschulreife nur die Hälfte.

          Die Oberen machen Abitur

          Etwas vereinfacht könnte man festhalten: Die oberen sozialen Schichten besuchen das Gymnasium, machen Abitur und studieren dann an der Universität. Die unteren sozialen Schichten erwerben, wenn überhaupt, die Fachhochschulreife und studieren dann entweder an der Fachhochschule oder gar nicht. Dass trotz der Öffnung der Bildungsprozesse die Wege je nach sozialer Herkunft noch immer so verschieden sind, führt Schindler auch darauf zurück, dass berufsbildende Wege zur Hochschulreife erst nach der Mittleren Reife ansetzten. „Zu diesem Zeitpunkt sind viele Ausbildungs- und Lebenspläne schon geschmiedet.“

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