https://www.faz.net/-gyl-6v0af

BWL-Studenten : Nun sagt, wie habt ihr's mit der Ethik?

  • -Aktualisiert am

Bild: Tresckow

Wer Banker werden will, entscheidet sich häufig für ein BWL- oder VWL-Studium. Ethische Fragen fristen dabei immer noch ein Nischendasein. Es gibt aber innovative Ausnahmen.

          5 Min.

          „Die Ästhetik des Todes“ ist sicherlich nicht der Titel eines Seminars, in dem man zuhauf angehende Banker und Unternehmer vermutet. An der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft im nordrhein-westfälischen Alfter würde man aber mit genau dieser Vermutung richtig liegen. Die Studenten der Betriebswirtschaftslehre werden dort nämlich nicht nur in Makro- und Mikroökonomik geschult. Sie begeben sich weit ins fremde Territorium: Mal diskutieren sie mit Philosophen in einem Symposion über den Tod. Mal organisieren sie eine Ringvorlesung zum Thema Entscheidung in der Musik. Manche formen sogar Skulpturen gemeinsam mit den Kommilitonen aus der bildenden Kunst. Das fördere die Kreativität, sagt Sven Remer, der an der kleinen Privat-Universität „Social Banking“ lehrt. Kreativität sei für das Verständnis einer komplexen Welt hilfreich. An einem seiner Studenten, Nikolas Bötschi, lässt sich das beobachten: „In der Kunst ist der Schaffensprozess genauso wichtig wie das Resultat. Die Kompromisslosigkeit einiger Banker beim Verfolgen ihrer Ziele läuft dem zuwider“, sagt er.

          Alanus-Betriebswirte erörtern die Grundannahmen ihres Fachs. „In den Veranstaltungen lernen wir zu fragen“, sagt Bötschi. Zu erfahren, woher die Impulse marktwirtschaftlichen Handelns stammen, sei doch die wirklich interessante Frage. Aber was wird aus BWL-Studenten, die sich mehr für die Ethik als die Gewinn-und-Verlust-Rechnung interessieren? Tagträumer, Idealisten? Nein, sagt der 23 Jahre alte Student. Schon während des Studiums arbeiteten sie in Unternehmen wie Alnatura oder der GLS Bank und erlebten dort die ganz alltäglichen Sachzwänge.

          Lehrpläne aus der Vorkrisenzeit

          An solche Unternehmen hat auch der Juniorprofessor Remer schon einige seiner Studenten vermittelt. In Alfter unterrichtet er das Fach „Social Banking and Social Finance“. Im rund hundert Kilometer entfernten Bochum lehrt Remer außerdem am „Institute for Social Banking“, das von einigen der sogenannten Ethikbanken finanziell unterstützt wird, darunter die deutsche GLS Bank, die italienische Banca Populare Etica und die Schweizer Alternative Bank. Konventionelle Geschäftsbanken finden sich nicht auf der Mäzenatenliste.

          Genauso klammern sich viele der konventionellen Wirtschaftsfakultäten in Deutschland an ihre Lehrpläne aus der Vorkrisenzeit. Wer sich etwa an der Universität Mainz nach Angeboten zur Wirtschaftsethik erkundigt, schaut in ratlose Gesichter. „Nein, das gibt es hier nicht“, sagt die BWL-Studienmanagerin der Universität. Obwohl die Studenten dafür durchaus Interesse zeigen. Philipp Bezler, der in Mainz im 9. Semester BWL studiert, sucht vergebens nach einem ethischen Blickwinkel. Nicht annähernd habe es etwas in dieser Richtung gegeben. Zwar sei über makro- und mikroökonomische Gründe der amerikanischen Bankenkrise 2008, wie etwa einen niedrigen Leitzins der Zentralbank, gesprochen worden. Die Frage aber, welchen Wert die Moral im internationalen Finanzsystem habe, sei ungestellt geblieben, moniert der 26 Jahre alte Student.

          Ein Pflichtfach wie jedes andere

          Etwas anders sieht es da in der Mutterstadt der Banken aus. An der Frankfurter Goethe-Universität werden die Studenten seit zwei Jahren in Wirtschaftsethik geschult. Das Modul umfasst vier Semesterwochenstunden und besteht aus einer Vorlesung sowie einer Übung. Es ist ein Fach wie jedes andere Pflichtfach auch - niemand kann sich davor drücken und wer dreimal durchfällt, für den endet das Studium.

          Noch vor kurzem habe er drei solcher Fälle auf dem Schreibtisch gehabt, berichtet Gerhard Minnameier. Minnameier ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftspädagogik und wirbt offensiv für die Wirtschaftsethik im BWL-Studium: „Die Ethik kann der Ökonomie gewinnbringend zur Hand gehen. Ohne Ethik geht deswegen niemand mehr hier raus.“ Seine Vorlesung beginnt der Professor mit einem Ritt durch die philosophische Klassik: aristotelische Ethik, mittelalterliche Scholastik, Kant, Rousseau - bis hin zur universalistischen Ethik eines John Rawls und der Frage, wie Normativität in einer globalisierten Welt überhaupt noch entstehen kann. „Wir hoffen, dass die Absolventen am Ende ethisch geschult sind und ökonomisch nicht blind“, sagt er. Für den Frankfurter Wirtschaftswissenschaftler ist aber nicht gleich alles Ethik, wo Ethik draufsteht. So ehrenwert zum Beispiel die Geschäftsmodelle von Ethikbanken seien - aus ethischer Sicht sei es fragwürdig, wenn ihre Kunden mit niedrigeren Renditen bestraft würden als die Kunden konventioneller Banken. Ökonomie sei nicht gleichzusetzen mit Ethik.

          „Ökonomie ist Ethik“

          Das sieht der Würzburger Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Karl-Heinz Brodbeck anders: „Ökonomie ist Ethik“, lautet seine Devise - und damit wehrt er sich gegen die Ansicht, dass die Ökonomie nur eine Quasi-Naturwissenschaft sei, die mit einer Ethik „verbrämt“ werden müsse. Für Brodbeck ist die Frage nach der Ethik in wirtschaftlichen Zusammenhängen elementar. So sei es eine ethische Position, wenn man annimmt, dass man Menschen nur durch Anreize steuern könne, der Markt die Preise regiere und die Menschen den Preisen gehorchten. „Das sind keine wertneutralen, operationalisierbaren Aussagen“, sagt Brodbeck. Für eine sozialere Wirtschaftsordnung gebe es genügend neue Theorien. Es fehlten aber Ökonomen, die außer Neoklassik und statistischen Methoden etwas gelernt hätten.

          Doch die Lehre zieht nach. Ausgerechnet die Universitäten, die als Kaderschmieden der vermeintlich so gierigen Banker gelten, haben Ethik-Vorlesungen in ihre Studiengänge integriert. An der Frankfurt School of Finance and Management hat man vor gut fünf Jahren den Bachelor-Studiengang „Management, Philosophy and Economics“ ins Leben gerufen. Konzipiert hat ihn der Philosoph und Volkswirt Hartmut Kliemt. Sein Anliegen war es, ein Studienfach für diejenigen zu schaffen, denen Ökonomie zu öde ist und Philosophie zu riskant. Denn Kliemt hat selbst einst Philosophie studiert - und würde das heute niemandem mehr empfehlen. Seinen alten Lehrstuhl an der Universität Duisburg hat er verlassen, weil er nicht länger Taxifahrer ausbilden wollte, sagt er.

          Kein „Gutmenschentum“

          An der Universität Mannheim ist der Juniorprofessor Nick Lin-Hi mit dem Fach „Corporate Social Responsibility“ (CSR) betraut. Vorlesungen dazu kann man als Masterstudent belegen. Wer auch seinen Wirtschaftsbachelor in Mannheim gemacht hat, der hat schon „Wirtschafts- und Unternehmensethik“ gehört - eine Pflichtveranstaltung. Der junge Wissenschaftler Lin-Hi meint: „Das marktwirtschaftliche System hat eine ethische Qualität.“ Am Gewinnprinzip will er nicht gerüttelt wissen. Doch gebe es eben gutes und schlechtes Gewinnerzielen. Mit „Gutmenschentum“ habe CSR nichts zu tun, sondern es frage danach, wie sich langfristig und nachhaltig Gewinne erzielen ließen. „Verantwortliche Gewinnerzielung nicht zu Lasten Dritter“ nennt das Lin-Hi. Er beobachtet eine steigende Nachfrage für das Thema, immer mehr Diplom- und Masterarbeiten würden dazu geschrieben. Freilich spiele seinem Fach die Finanzkrise in die Karten. Sie zeige eben, dass Banken gute Spielregeln brauchten und wie wichtig es sei, sich verantwortungsvoll in der Wertschöpfungskette zu positionieren.

          Einer der Studenten von Lin-Hi ist Thomas Richler-Franzen. In Mannheim macht er seinen Master in Marketing. Aber das reine Verkaufen ist seine Sache nicht. „CSR soll ein Bewusstsein dafür schaffen, dass nicht alles entweder schwarz oder weiß, Gewinn oder Verlust ist.“ Rege diskutiere man in den Seminaren die Grauzonen. Was man eigentlich davon halten kann, dass hochkomplexe finanzwirtschaftliche Produkte an ahnungslose Kunden gebracht worden sind, zum Beispiel. Dass ethische Fragen, wie der Mannheimer Marketing-Student Richler-Franzen oder Nikolas Bötschi aus Alfter sie stellen, in den Wirtschaftsstudiengängen eine Rolle spielen, ist immer noch die Ausnahme. Juniorprofessor Lin-Hi schätzt die Anzahl der Hochschulen, an denen das möglich ist, auf um die zehn.

          Doch die Ökonomie wird sich zunehmend die Frage gefallen lassen müssen, wie sie es mit der Ethik hält. Schenkt man dem kritischen Würzburger Ökonomen Brodbeck Glauben, tut dies den künftigen Bankern und Finanzmanagern nur gut. Eine empirische Untersuchung habe ergeben, dass bei Erstsemestern Gemeinwohlorientierung und Fairness weitgehend gleich verteilt seien - über die Fächergrenzen hinweg, berichtet Brodbeck. Nach einigen Semestern Wirtschaftswissenschaft nehme der Egoismus von Wirtschaftsstudenten aber signifikant zu. Die Bologna-Reform habe diesen Prozess des „vorauseilenden Marktgehorsams“ sicher nicht gebremst. Die Geldgier, sagt Brodbeck, wohne nicht in den Genen. Sie könne aber durch schlechte Vorbilder geweckt werden.

          Pioniere

          Vorreiter in Sachen Wirtschaftsethik ist die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt. 1989 hat sie als erste deutsche Hochschule einen Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensethik an ihrer wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät eingerichtet. Zu den Arbeitsschwerpunkten des Lehrstuhls zählen: Wirtschafts- und Sozialethik, Theorien sozialer Gerechtigkeit, Systeme sozialer Sicherung, Familienökonomie und -politik. Zudem werden Praxisprojekte angeboten, aktuell eines zur Entwicklungshilfe auf den Philippinen. Weitere Informationen unter: www.ku-eichstaett.de/wwf/ethik.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Frau sortiert in Kolkata (Indien) Baumwolle  für den Baumwollmarkt.

          Geplantes Lieferkettengesetz : Der Wohlstandsbrille ausgeliefert

          Statt wie zugesagt vorerst alles zu unterlassen, was die Reparatur der Ketten erschwert, droht die Politik nun mit neuen Kosten und Sanktionen.Gegen den Plan spricht freilich mehr als der falsche Zeitpunkt.
          Auf der Suche nach Yves Etienne Rausch: Ein Polizeihubschrauber über dem Waldgebiet nördlich von Oppenau

          Flüchtiger bei Oppenau : „Der Wald ist sein Wohnzimmer“

          Noch immer wird er gesucht: Dass sich vier Polizisten von einem „Waldläufer“ überwältigen ließen, sorgt für Belustigung. Polizei und Staatsanwaltschaft haben daher am Dienstag noch einmal detailliert geschildert, wie es dazu kam.
          Unterstützung für Fauci in Rockport, Massachussetts

          Trump-Berater Fauci : Immun gegen Absetzungsversuche?

          Amerikas oberster Immunologe Anthony Fauci war Donald Trump schon lange lästig. Mehrmals versuchte der Präsident, seinen Berater loszuwerden. Doch der lässt sich nicht mürbe machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.