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BWL-Studenten : Nun sagt, wie habt ihr's mit der Ethik?

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Bild: Tresckow

Wer Banker werden will, entscheidet sich häufig für ein BWL- oder VWL-Studium. Ethische Fragen fristen dabei immer noch ein Nischendasein. Es gibt aber innovative Ausnahmen.

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          „Die Ästhetik des Todes“ ist sicherlich nicht der Titel eines Seminars, in dem man zuhauf angehende Banker und Unternehmer vermutet. An der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft im nordrhein-westfälischen Alfter würde man aber mit genau dieser Vermutung richtig liegen. Die Studenten der Betriebswirtschaftslehre werden dort nämlich nicht nur in Makro- und Mikroökonomik geschult. Sie begeben sich weit ins fremde Territorium: Mal diskutieren sie mit Philosophen in einem Symposion über den Tod. Mal organisieren sie eine Ringvorlesung zum Thema Entscheidung in der Musik. Manche formen sogar Skulpturen gemeinsam mit den Kommilitonen aus der bildenden Kunst. Das fördere die Kreativität, sagt Sven Remer, der an der kleinen Privat-Universität „Social Banking“ lehrt. Kreativität sei für das Verständnis einer komplexen Welt hilfreich. An einem seiner Studenten, Nikolas Bötschi, lässt sich das beobachten: „In der Kunst ist der Schaffensprozess genauso wichtig wie das Resultat. Die Kompromisslosigkeit einiger Banker beim Verfolgen ihrer Ziele läuft dem zuwider“, sagt er.

          Alanus-Betriebswirte erörtern die Grundannahmen ihres Fachs. „In den Veranstaltungen lernen wir zu fragen“, sagt Bötschi. Zu erfahren, woher die Impulse marktwirtschaftlichen Handelns stammen, sei doch die wirklich interessante Frage. Aber was wird aus BWL-Studenten, die sich mehr für die Ethik als die Gewinn-und-Verlust-Rechnung interessieren? Tagträumer, Idealisten? Nein, sagt der 23 Jahre alte Student. Schon während des Studiums arbeiteten sie in Unternehmen wie Alnatura oder der GLS Bank und erlebten dort die ganz alltäglichen Sachzwänge.

          Lehrpläne aus der Vorkrisenzeit

          An solche Unternehmen hat auch der Juniorprofessor Remer schon einige seiner Studenten vermittelt. In Alfter unterrichtet er das Fach „Social Banking and Social Finance“. Im rund hundert Kilometer entfernten Bochum lehrt Remer außerdem am „Institute for Social Banking“, das von einigen der sogenannten Ethikbanken finanziell unterstützt wird, darunter die deutsche GLS Bank, die italienische Banca Populare Etica und die Schweizer Alternative Bank. Konventionelle Geschäftsbanken finden sich nicht auf der Mäzenatenliste.

          Genauso klammern sich viele der konventionellen Wirtschaftsfakultäten in Deutschland an ihre Lehrpläne aus der Vorkrisenzeit. Wer sich etwa an der Universität Mainz nach Angeboten zur Wirtschaftsethik erkundigt, schaut in ratlose Gesichter. „Nein, das gibt es hier nicht“, sagt die BWL-Studienmanagerin der Universität. Obwohl die Studenten dafür durchaus Interesse zeigen. Philipp Bezler, der in Mainz im 9. Semester BWL studiert, sucht vergebens nach einem ethischen Blickwinkel. Nicht annähernd habe es etwas in dieser Richtung gegeben. Zwar sei über makro- und mikroökonomische Gründe der amerikanischen Bankenkrise 2008, wie etwa einen niedrigen Leitzins der Zentralbank, gesprochen worden. Die Frage aber, welchen Wert die Moral im internationalen Finanzsystem habe, sei ungestellt geblieben, moniert der 26 Jahre alte Student.

          Ein Pflichtfach wie jedes andere

          Etwas anders sieht es da in der Mutterstadt der Banken aus. An der Frankfurter Goethe-Universität werden die Studenten seit zwei Jahren in Wirtschaftsethik geschult. Das Modul umfasst vier Semesterwochenstunden und besteht aus einer Vorlesung sowie einer Übung. Es ist ein Fach wie jedes andere Pflichtfach auch - niemand kann sich davor drücken und wer dreimal durchfällt, für den endet das Studium.

          Noch vor kurzem habe er drei solcher Fälle auf dem Schreibtisch gehabt, berichtet Gerhard Minnameier. Minnameier ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftspädagogik und wirbt offensiv für die Wirtschaftsethik im BWL-Studium: „Die Ethik kann der Ökonomie gewinnbringend zur Hand gehen. Ohne Ethik geht deswegen niemand mehr hier raus.“ Seine Vorlesung beginnt der Professor mit einem Ritt durch die philosophische Klassik: aristotelische Ethik, mittelalterliche Scholastik, Kant, Rousseau - bis hin zur universalistischen Ethik eines John Rawls und der Frage, wie Normativität in einer globalisierten Welt überhaupt noch entstehen kann. „Wir hoffen, dass die Absolventen am Ende ethisch geschult sind und ökonomisch nicht blind“, sagt er. Für den Frankfurter Wirtschaftswissenschaftler ist aber nicht gleich alles Ethik, wo Ethik draufsteht. So ehrenwert zum Beispiel die Geschäftsmodelle von Ethikbanken seien - aus ethischer Sicht sei es fragwürdig, wenn ihre Kunden mit niedrigeren Renditen bestraft würden als die Kunden konventioneller Banken. Ökonomie sei nicht gleichzusetzen mit Ethik.

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