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BWL-Studenten : Nun sagt, wie habt ihr's mit der Ethik?

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„Ökonomie ist Ethik“

Das sieht der Würzburger Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Karl-Heinz Brodbeck anders: „Ökonomie ist Ethik“, lautet seine Devise - und damit wehrt er sich gegen die Ansicht, dass die Ökonomie nur eine Quasi-Naturwissenschaft sei, die mit einer Ethik „verbrämt“ werden müsse. Für Brodbeck ist die Frage nach der Ethik in wirtschaftlichen Zusammenhängen elementar. So sei es eine ethische Position, wenn man annimmt, dass man Menschen nur durch Anreize steuern könne, der Markt die Preise regiere und die Menschen den Preisen gehorchten. „Das sind keine wertneutralen, operationalisierbaren Aussagen“, sagt Brodbeck. Für eine sozialere Wirtschaftsordnung gebe es genügend neue Theorien. Es fehlten aber Ökonomen, die außer Neoklassik und statistischen Methoden etwas gelernt hätten.

Doch die Lehre zieht nach. Ausgerechnet die Universitäten, die als Kaderschmieden der vermeintlich so gierigen Banker gelten, haben Ethik-Vorlesungen in ihre Studiengänge integriert. An der Frankfurt School of Finance and Management hat man vor gut fünf Jahren den Bachelor-Studiengang „Management, Philosophy and Economics“ ins Leben gerufen. Konzipiert hat ihn der Philosoph und Volkswirt Hartmut Kliemt. Sein Anliegen war es, ein Studienfach für diejenigen zu schaffen, denen Ökonomie zu öde ist und Philosophie zu riskant. Denn Kliemt hat selbst einst Philosophie studiert - und würde das heute niemandem mehr empfehlen. Seinen alten Lehrstuhl an der Universität Duisburg hat er verlassen, weil er nicht länger Taxifahrer ausbilden wollte, sagt er.

Kein „Gutmenschentum“

An der Universität Mannheim ist der Juniorprofessor Nick Lin-Hi mit dem Fach „Corporate Social Responsibility“ (CSR) betraut. Vorlesungen dazu kann man als Masterstudent belegen. Wer auch seinen Wirtschaftsbachelor in Mannheim gemacht hat, der hat schon „Wirtschafts- und Unternehmensethik“ gehört - eine Pflichtveranstaltung. Der junge Wissenschaftler Lin-Hi meint: „Das marktwirtschaftliche System hat eine ethische Qualität.“ Am Gewinnprinzip will er nicht gerüttelt wissen. Doch gebe es eben gutes und schlechtes Gewinnerzielen. Mit „Gutmenschentum“ habe CSR nichts zu tun, sondern es frage danach, wie sich langfristig und nachhaltig Gewinne erzielen ließen. „Verantwortliche Gewinnerzielung nicht zu Lasten Dritter“ nennt das Lin-Hi. Er beobachtet eine steigende Nachfrage für das Thema, immer mehr Diplom- und Masterarbeiten würden dazu geschrieben. Freilich spiele seinem Fach die Finanzkrise in die Karten. Sie zeige eben, dass Banken gute Spielregeln brauchten und wie wichtig es sei, sich verantwortungsvoll in der Wertschöpfungskette zu positionieren.

Einer der Studenten von Lin-Hi ist Thomas Richler-Franzen. In Mannheim macht er seinen Master in Marketing. Aber das reine Verkaufen ist seine Sache nicht. „CSR soll ein Bewusstsein dafür schaffen, dass nicht alles entweder schwarz oder weiß, Gewinn oder Verlust ist.“ Rege diskutiere man in den Seminaren die Grauzonen. Was man eigentlich davon halten kann, dass hochkomplexe finanzwirtschaftliche Produkte an ahnungslose Kunden gebracht worden sind, zum Beispiel. Dass ethische Fragen, wie der Mannheimer Marketing-Student Richler-Franzen oder Nikolas Bötschi aus Alfter sie stellen, in den Wirtschaftsstudiengängen eine Rolle spielen, ist immer noch die Ausnahme. Juniorprofessor Lin-Hi schätzt die Anzahl der Hochschulen, an denen das möglich ist, auf um die zehn.

Doch die Ökonomie wird sich zunehmend die Frage gefallen lassen müssen, wie sie es mit der Ethik hält. Schenkt man dem kritischen Würzburger Ökonomen Brodbeck Glauben, tut dies den künftigen Bankern und Finanzmanagern nur gut. Eine empirische Untersuchung habe ergeben, dass bei Erstsemestern Gemeinwohlorientierung und Fairness weitgehend gleich verteilt seien - über die Fächergrenzen hinweg, berichtet Brodbeck. Nach einigen Semestern Wirtschaftswissenschaft nehme der Egoismus von Wirtschaftsstudenten aber signifikant zu. Die Bologna-Reform habe diesen Prozess des „vorauseilenden Marktgehorsams“ sicher nicht gebremst. Die Geldgier, sagt Brodbeck, wohne nicht in den Genen. Sie könne aber durch schlechte Vorbilder geweckt werden.

Pioniere

Vorreiter in Sachen Wirtschaftsethik ist die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt. 1989 hat sie als erste deutsche Hochschule einen Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensethik an ihrer wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät eingerichtet. Zu den Arbeitsschwerpunkten des Lehrstuhls zählen: Wirtschafts- und Sozialethik, Theorien sozialer Gerechtigkeit, Systeme sozialer Sicherung, Familienökonomie und -politik. Zudem werden Praxisprojekte angeboten, aktuell eines zur Entwicklungshilfe auf den Philippinen. Weitere Informationen unter: www.ku-eichstaett.de/wwf/ethik.

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