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Bologna : Gute Verschulung

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Wie verschult ist das Studium wirklich geworden? Und ist das überhaupt ein Nachteil? Bild: Florian Sonntag / F.A.Z.

Die Universitäten seien zu Schulen verkommen, lautet ein gängiger Vorwurf. Der aktuelle Exzellenzwettbewerb für die Lehre liefert nun tatsächlich Belege, dass Hochschulen und Schulen ähnlicher werden - im positiven Sinne.

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          Die Universitäten seien zu Schulen verkommen. Das sagen die Kritiker der Umbaumaßnahmen an den Hochschulen in den letzten Jahren. Der aktuelle Exzellenzwettbewerb für die Lehre von Stifterverband und Kultusministerkonferenz liefert nun tatsächlich interessante Belege dafür, dass sich Hochschulen und Schulen in manchen Dingen ähnlicher werden. Dieses Mal allerdings ist es eine gute Nachricht.

          Stifterverband und Kultusministerkonferenz haben zehn Millionen Euro bereitgestellt. Der gemeinsame Wettbewerb zeichnet Universitäten und Fachhochschulen mit neuen Ideen für eine systematische Stärkung und Verbesserung der Lehre aus. Im Oktober kürt eine Jury die Sieger. Doch schon jetzt ist klar: Einige Reformideen ähneln verblüffend dem, was die Schulen den Hochschulen seit einigen Jahren vormachen. Durch die Anträge der Universitäten und Fachhochschulen zieht sich wie ein roter Faden die Idee, dem wissenschaftlichen Personal Freiräume zu schaffen, um „Zukunftsszenarien des Lehrens und Lernens“ zu entwerfen und Studiengänge und Lehrformen konkret weiterzuentwickeln, wie es in einem Wettbewerbsbeitrag heißt.

          Die konkreten Maßnahmen setzen auf Konkurrenz, Belohnungen und das Lernen voneinander. Die eine Hälfte der Ideen zielt auf die Dozenten. So will beispielsweise eine Universität eine Art von didaktischen Freisemestern für vorbildliche und anerkannte Lehrende ausloben, die im universitätsinternen Wettbewerb vergeben werden. Die so ausgewählten Lehrer sollen Praxisberatung für Fachkollegen anbieten und dafür weniger lehren und verwalten müssen. Auch andere Universitäten wollen ihre besten Hochschullehrer für die Weitergabe der Expertise dadurch motivieren, dass sie deren Lehrdeputat reduziert. Die Idee, dass „besser lehrt, wer weniger lehrt“, hat auch an den Fachhochschulen viele Anhänger.

          Hospitationen bei Neuberufungen

          Eine weitere Idee sind Hospitationen bei Neuberufungen. Die Professoren sollen sich gegenseitig in den Lehrveranstaltungen besuchen. Etliche Universitäten wollen zudem Lehrleistungen im Berufungsverfahren künftig besser berücksichtigen. Eine Hochschule ist besonders streng: Das positives Votum des Studiendekans soll Voraussetzung zur Aufnahme eines Kandidaten in die Berufungsliste werden.

          Hochschuleigene Lehrpreise werden mehrfach vorgeschlagen. Viele Hochschulen setzen auch auf elektronische Services: E-Learning, Online-Gruppenarbeit und virtuelle Lernräume im Internet sollen das Studium erleichtern.

          Die andere Hälfte der Wettbewerbsideen zielt darauf, das Fach für die Studenten studierbarer und interessanter zu machen. So soll an mehreren Universitäten eine Sommeruniversität vor Studienbeginn auf das Leben an der Uni vorbereiten und den Studenten die ersten fachlichen Kniffe beibiegen. Ein paar Semester später könnten Fellowships jene Studenten beflügeln, die sich Studieninhalte selbständig zusammenstellen wollen. Eine Hochschule will im Wettbewerb Geld unter studentischen Teams für eigene Forschungsprojekte verteilen, eine zweite will Ressourcen für eigenständige Lehr-Lernprojekte von Studenten bereitstellen, die von Nachwuchswissenschaftlern begleitet werden, eine dritte Hochschule schließlich will Lehrstipendien vergeben und dazu Teams aus je zwei Absolventen und Professoren zusammenspannen.

          Bestimmte Auswüchse des Bologna-Prozesses korrigieren

          Aus den Wettbewerbsbeiträgen der Universitäten spricht das deutliche Bemühen, bestimmte Auswüchse des Bologna-Prozesses zu korrigieren. Die Einführung der neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master hat an den deutschen Massenhochschulen für mehr Strukturen, Führung und Orientierung im Studium gesorgt. Mancherorts allerdings entartete die Bologna-Reform zu Überregulierung, Gängelung und Überfrachtung des Studiums. Das ist die schlechte „Verschulung“, die von Bologna-Kritikern angegriffen wird.

          Die gute Verschulung ist bei den Finalisten des Exzellenzwettbewerbs für die Lehre zu besichtigen. Sie bedeutet, die Hochschulen nach den Bedürfnissen der Studierenden auszurichten und den Erfolg des Lehrbetriebs an der Zahl der erfolgreichen Absolventen zu messen. Auf diesen Weg, sich am Lernerfolg ihrer Schüler messen zu lassen, haben sich die Schulen begeben. Die Hochschulen sind gut beraten, ihnen zu folgen und in ebendiesem Sinne - und auch nur in diesem - sogar noch viel weiter zu verschulen. Dass viele von ihnen dazu bereit sind, ist eine der besten Nachrichten des Exzellenzwettbewerbs für die Lehre.

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