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Bildungsprojekt : Umweg durch die Klassenzimmer

  • -Aktualisiert am

Hier zwei Jahre bleiben? Bild: Edgar Schoepal

Hochkarätige Absolventen sollen zwei Jahre lang Problemkinder unterrichten, bevor sie in den Beruf starten. Das ist die Idee von Teach First. In Amerika funktioniert das. In Deutschland kämpft die Initiative mit Startschwierigkeiten.

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          Ein Sommeridyll am Baggersee: junge Menschen in Bikinis und Badehosen, laute Musik und Sonnenschein. Gerade läuft das Finale des Dreikampfs Schwimmen-Laufen-Radfahren. Lautes Gejohle begrüßt die schweißnassen Favoriten, nebenan gibt es Cocktails und Würstchen. "Summer Challenge" heißt die Absolventenmesse der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt in Ingolstadt. Es geht um Sport, Spaß und Feiern - und um Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern. Neben McKinsey, Audi und Danone präsentiert sich in diesem Jahr ein Neuling: Teach First Deutschland. Im Herbst 2009 will die Initiative aus Berlin 150 Akademiker als Nachwuchslehrer in Problemschulen schicken. Für zwei Jahre sollen sie sich als Lehrer versuchen und Schülern helfen, die sonst nie in den Genuss von Privilegien gekommen sind.

          "Es geht darum, alles zu geben, damit die Schüler ihre Chancen bekommen", sagt Kaija Landsberg. Die Geschäftsführerin von Teach First Deutschland hat ihren Abschluss an der Hertie School of Governance in Berlin gemacht. Wie alle anderen am Baggersee trägt die Neunundzwanzigjährige mit den krausen Haaren T-Shirt, Badelatschen und kurze Hose. Dass sie zähe Verhandlungen mit mehreren Bundesländern hinter sich hat, sieht man ihr darin nicht an. Es ging um den Einsatz von Teach-First-Lehrern an Grund-, Haupt- oder Gesamtschulen. In zwei Ländern soll Teach First zunächst ausprobiert werden. Berlin wird wohl eines davon sein, die Senatsverwaltung für Bildung hat Interesse signalisiert.

          Hochkarätige Akademiker gesucht

          Teach First will für den Pilotlauf nun fachlich und wissenschaftlich besonders hochkarätige Akademiker verpflichten. Das passt zum Selbstverständnis der Teilnehmer an der Summer Challenge, sie kommen von renommierten privaten Hochschulen wie der European Business School in Oestrich-Winkel und der WHU in Vallendar, aber auch von staatlichen Universitäten wie Passau und Sankt Gallen. Das zehnköpfige Team von Teach First Deutschland sucht vor allem Mathematiker, Betriebswirte, Physiker, Chemiker und Techniker - all jene Fächer, die in der herkömmlichen Lehrerausbildung unbeliebt sind.

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          „Lehrer sein ist kein Schnupperjob”, warnt der Verband Bildung und Erziehung : Bild: AP

          Auf dem Arbeitsmarkt haben diese Absolventen derzeit beste Aussichten. Warum sollen sie den Umweg über das Klassenzimmer nehmen? "Man setzt sich für andere ein und bringt zugleich seine eigene Karriere voran", argumentiert Kaija Landsberg. Wer an dem Programm teilnehme, bekomme danach sehr viel leichter seinen Traumjob. Denn die Unternehmen honorierten soziales Engagement. Noch sucht Teach First aber auch passende Kooperationspartner aus der Wirtschaft, die nicht nur Geld für das Projekt geben, sondern deren Namen auch Bewerber anlocken. Die Anschubfinanzierung dürfte bald aufgebraucht sein; 40.000 Euro hat die Hertie-Stiftung gezahlt, eine ähnliche Summe die Zeit-Stiftung.

          Anderswo hat sich die Idee schon bewährt. Seit 1990 gibt es "Teach for America" in den Vereinigten Staaten und "Teach First" in Großbritannien. 20.000 Bewerber hatte die amerikanische Version im vergangenen Jahr. Deren Gründerin Wendy Kopp zählt das "Time Magazine" inzwischen zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Kaija Landsberg besuchte für ihre Masterarbeit im Fach "Public Policy" beide Projekte. Sie nahm am Unterricht im New Yorker Problemviertel Harlem teil und traf Wendy Kopp. "Das funktioniert dort toll", schwärmt die junge Frau. Sofort dachte sie, dass sich etwas Ähnliches in Deutschland auf die Beine stellen lassen müsste.

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